Woher mein Geld?

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Adolf Glaßbrenner: Woher mein Geld? (1843)

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Ich merk's den Lesern an, die sich
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Nicht gern mit Räthseln plagen,
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Daß sie schon lange einmal mich
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Den Sel'gen, möchten fragen:
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Woher in der Verkehrten Welt
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Hier oben immer ich das Geld,
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Das viele Geld herkriege?

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Er, der da oben, sagen sie,
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Gott um den Tag beschummelt;
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Der seine schöne Zeit fast wie
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Ein Cavalier verbummelt:
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Er thut, als
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Als könnte er sich die Coupons
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Nur so wie Häcksel schneiden!

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Ja, wär' er fromm, reactionär,
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Der todte
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Ja, wenn ein Bankerott ihm wär'
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Gelungen, ein honetter!
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Schrieb Bücher er im russ'schen Sinn,
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Ja, oder wär' er Tänzerin!
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Dann könnte man's begreifen.

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So aber scheint's als führ' er ein
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Dukatenmännchen bei sich,
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Und letzte dies mit Aepfelwein
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Und mit Rhabarber fleißig.
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Das wäre aber auch nicht klug,
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Dann merkt's die Po ... genug, genug!
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Ich will das Räthsel lösen.

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So oft es mir an Geld gebricht,
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Geh' Nachts ich ganz alleine
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Bei stillem gutem Mondeslicht
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Nach einem nahen Haine,
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Und hör', was sich der Wald erzählt,
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Und was die Würmer freut und quält,
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Und daß sie gutgesinnt sind.

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Doch schlägt die Geisterstunde kaum,
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Geh' feierlich ich drei Mal
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Um einen hohlen Eichenbaum
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Und rufe feierlich drei Mal:
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»romantik hin! Romantik her!
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Mein Beutel ist schon wieder leer!
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Ich brauche Geld. Hilf Schicksal!«

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Und kaum, daß dies gescheh'n, so fällt
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Zu Füßen mir, o Wunder!
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Ein Beutel, straffgefüllt mit Geld!
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Und also ruft's herunter:
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»romantik hin! Romantik her!
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Hier ist die Börse voll und schwer!
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Empfehl' mich ganz gehorsamst!«

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Und's Beste dabei ist, und Das
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Bitt' wohl ich zu bedenken:
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Das Geld gehört mir zu! ich laß'
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Es keineswegs mir schenken!
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Der Himmel zahlt nur jedes Mal
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Mir Zinsen von dem Kapital,
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Das er für mich verwaltet.

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Und solch ein Kapital – nun spitzt
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Die Ohren! – deß Verweser
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Der liebe Himmel ist, besitzt
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Ein jeder meiner Leser!
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Der mehr, Der wen'ger, freilich, ja!
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Doch Etwas ist für Alle da,
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Und das hängt so zusammen:

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(und wer's nun liest und ruft dabei
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»ja, Das! Ach, Das! Das weiß ich ....«
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Der denke an's Columbus-Ei
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Und ... und studire fleißig
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Naturweisheit, die zeigt ihm klar
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Daß just zuletzt, was einfach-wahr,
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Gefunden und gefaßt wird.)

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Ihr wißt, daß Der, der Wohlthun liebt,
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Sich Selbst die Gaben weihet;
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Daß Jeder, der den Armen giebt,
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Dies nur dem Himmel leihet;
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Ja, in der letzten Zeit sogar
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Gab's heil'ge Rom aus, gegen Baar,
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Schuld-Aktien auf den Himmel.

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Dies ist nun Alles
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Kein bildliches Gespaße:
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Der Himmel zahlt und lohnt, und zwar
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Im allergrößten Maaße.
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Nicht nur, was ihm geliehen ist,
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Auch was die Welt an Dank vergißt,
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Das giebt er voll und reichlich!

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Nicht nur erhört er's, wenn der Schmerz,
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Wenn Noth in Euch begegnet
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Dem Retter, wenn ein leidend Herz,
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Getröstet, still Euch segnet,
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Und wenn die Bettler dankesvoll
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Zurufen Euch: Der Himmel soll
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Euch's

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Nein, er bezahlt selbst, was auf ihn
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Gewisse Herrn anweisen,
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Die Euch des Lebens Sold entziehn
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Und ihn erst »dort!« verheißen!
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Er thut's, denn Er ist himmlisch gut!
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Doch was er mit den Herren thut,
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Das ist 'ne andre Frage.

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Und endlich was Ihr unten, ach!
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Gerungen und gelitten,
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Wenn gegen Wahn und Trug und Schmach
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Und Unrecht Ihr gestritten:
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Auch das ist oben gut verborgt!

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O, für die Todten ist gesorgt;
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Die Todten haben zu leben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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