Eine Gesellschaft

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Adolf Glaßbrenner: Eine Gesellschaft (1843)

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»vier der Scudi muß ich zahlen,« sagte Gräfin Lotte mir.
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»was, vier Scudi?«
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»für den Boten, für die kleine Karte hier!
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Du bist zum Diner gebeten bei dem Lord Brummbrumm von Bär;
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Dafür giebt, so will's die Sitte, man dem Diener solch Douceur.«

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»vier der Scudi, Gräfin Lotte, das ist stark! Ich bin kein Filz,
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Doch für zween der Scudi speis' ich drüben in dem
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(solche geistvoll-nationale Namen führen hies'gen Orts
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Die Hotels!) ich sollte meinen, so vorzüglich wie bei Lords.«

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Lotte lächelte. »Nein, wahrlich«, rief sie, »nein, so ideal
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Wie beim edlen Lord, dem Brummbär, ist im Pilze nie das Mahl!
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Auch ist's wohl nicht mehr als billig, daß ein Lord für solch ein Fest
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Einen höhern Preis sich zahlen als die Fremdenkneipe läßt.«

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»aber«, fuhr sie fort, »ich weiß nicht, was Du jetzt schon ein Dich zwängst
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In den weißen Schwalbenschwanzrock?« »Jetzt schon?« wiederholt' ich. »Längst
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Hat es Zwölf vom Kerkerthurme hertrompetet, und hier diese
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Karte giebt die Ordre deutlich: Zum Diner, Eilf Uhr präcise.«

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»pfui, daß man doch,« rief die Gräfin, »Dich erzog so ordinär!
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Kein Begriff von
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Wie im Großen müssen alle Vornehm-Edlen auch im Kleinen
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Anders sprechen und auch immer anders schreiben als sie meinen.

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Noch drei Stunden mußt Du warten! Kämst Du in's Palais vor Acht,
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Würdest von den Domestiken, und mit Recht, Du ausgelacht.«

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»aber ich bin zum Diner doch ...« Ja, so schrieb man, zum Diner;
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Aber eben, weil man so schrieb, lud man ein Dich zum Souper.

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Sagt man denn nicht »Guten Tag!« auch und wünscht eine böse Nacht?
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Wird beim »Prosit!« und »Helf Gott!« denn nicht das Gegentheil gedacht?

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Schreibt man nicht »Ergeb'ner Diener,« lieber Dich mit Füßen tretend?
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Segnet man uns nicht die Mahlzeit, Obstruction für uns erbetend?
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Preist man nicht ein Werk und meint doch, daß es werth nicht einen Dreier?
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Freut man sich nicht, Dich zu sehen, denkend: hole Dich der Geier!?
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Ja, ich darf Dir's nicht verhehlen, daß man, wo Du heute Gast,
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Deiner fremden Abkunft wegen, just Dich wie die Sünde haßt,
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Oder, besser: wie die
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Die

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»längst schon,« wandte das Gespräch ich, »wollt' ich, Gräfin, mich erdreisten
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Mein Erstaunen auszudrücken, daß, bei Allem, was Sie leisten
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An Geburt, Geist, Schönheit, Bildung, Euer Hochhochhochgeboren
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Sich den niedern Stand als Jungfer oder Hausmamsell erkoren.«

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Bitter lachend sprach die Gräfin: »Kann Ich das Gesetz umstoßen,
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Das der Primogenitur, ach, lastend auf des Reiches Großen?
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Wie die erstgebor'nen Söhne Erben nur des ganzen Gutes,
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Sind die erstgebor'nen Töchter Kinder nur des vollen Blutes.

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Sie nur dürfen sich vermählen einem Ritter oder Lord;
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Ohne Mittel, ohne Mitleid werden wir hinausgejagt,
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Um bei Plebs, beim niedern Bürger, zu verdingen uns als Magd!«

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»aber warum wird«, so fragt' ich zorngeröthet, »denn von oben
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Dieser Tollheit nicht gesteuert, dies Gesetz nicht aufgehoben?«
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Da ... ich wußte nicht, was plötzlich sie so aus der Stimmung brachte:
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Sah die Gräfin mich erstaunt an, schnitt Gesichter und – und

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Lachte so charmant und herzlich, daß ich, der mit Recht Ergrimmte,
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Ueber's Primogenitur-Recht,

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Und wir lachten, scherzten, lachen,
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Welches für moralisch-strenge Männer, welche diesem Werke
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Ihren Beifall zollen möchten, ich expreß hierbei bemerke.

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»wisse«, sagte Lotte endlich, ihres Dienstherrn Gunst abwehrend,
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Und ihn über ihr Gelächter, das so plötzlich kam, belehrend:
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»wisse, daß auf diesem Sterne Jeder, der wie Du Warum? frägt,
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Uns zum Lachen reizt und immer, ohne Ausnahme sehr

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Das, was ist, das
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Unvernünftig, was gewesen aber und was sein wird künftig.«

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Fast zwei Stunden lang lief diese tiefeste Philosophie
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Meiner Gräfin durch den Kopf mir, ehe ich begriffen sie.
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Doch, daß ich für mich behalte, was mir so viel Zeit und Grübeln
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Kostete, wird mir der Leser, wenn er billig, nicht verübeln.

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Die Toilette war beendet: weißer Frack und weißer Claque,
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Weiße Schuh und schwarze Wäsche, und, nach neuestem Geschmack,
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Pantalons mit circa Fünfzig Gold-Quadraten, die als Rahmen
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Farbiger Bildnisse dienten von Theater-Herrn und Damen.

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Kaum fiel's auf mir von dem Kutscher, dessen rosenrother Wagen
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Nunmehr rasch mich zur Gesellschaft des Lord Brummbär sollte tragen,
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Daß er einen
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Da ich wußte, daß die Peitsche hier in Scepterehren stand.

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Als sich, unter vielen andern, meine rosige Karosse
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Näherte dem alt-verfall'nen also höchst ehrwürd'gen Schlosse,
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Hörte ich von zween Lakaien staunend das Geschrei, das stete:
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»heut ist hier bei unsrer Herrschaft eine ungeheure Fete!«

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Auf der Flur zunächst der Treppe, war placirt, wenn auch von bester
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Qualität nicht just, ein großes Blech- und Streich- und Pauk-Orchester,
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Und das ließ (mein Wort als Dichter, daß ich

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Ob nun diese Melodieen himmlisches Original,
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Ob vom Himmel einst sie Mozart, ob sie Ihm der Himmel stahl
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Und durch seine Sphären rauschen, in den Sternen ließ verbreiten?
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Darum werde ich, der Sel'ge, mit Unsel'gen mich nicht streiten.

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Als ich in den großen Saal trat, fand ich alle Gäste stumm!
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Alle gingen grüßend, knixend, um das Theeservice herum,
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Das auf einem langen Tische glänzte und, ich sah es klar
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An den zierlich kleinen Löffeln, von massivem Silber war.

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Festen Schritts trat ich zur Lady, die sich tief vor mir verbeugte
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Und durch einen Nasenstüber ihre Achtung mir bezeugte;
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Darauf stellt' ich mich dem Lord vor, welcher dreimal vor mir knixte,
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Dann jedoch, stumm ab sich wendend, wieder seinen Schnauzbart wichste.

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Nach Verlauf von zehn Minuten trat in's Zimmer ein Lakai,
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Unterbrechend diese Stille durch nachfolgendes Geschrei:
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»herrn und Damen, ich verkünde:

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Ich fand's roh, die Unterhaltung ihres Schmucks so zu entkleiden,
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Ihr die beiden besten Stoffe so gewaltsam abzuschneiden!
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Doch ich irrte mich, denn plötzlich brach in den Gesellschaftsketten
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Ein Geschnatter los, so mächtig, um ein Capitol zu retten.

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»aber«, fragte einen Gast ich, der an meiner Seite stand,
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Einen kleinen, netten Knaben, einen Gardelieutenant,
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»was bedeutet das Gekicher, das ich höre, und warum
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Drehn beim Sprechen sich die Leute stets gesichterschneidend um?«

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»nun, man macht sich Complimente«, sprach er, »sagt sich Schmeichelein.
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Jeder aber weiß: der Andre glaubt's nicht, und drum gilt's als fein,
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Daß man stracks – nachdem man eben Einen, daß er klug, versichert,
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Schön, gelehrt, fromm und so weiter – umdreht sich und höhnisch kichert.«

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»allerdings sehr eigenthümlich, aber lästig und beschwerlich«,
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Meint' ich, »kürzer wär's, man spräche miteinander wahr und ehrlich!«
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Und es schmeichelte mir höchlich, daß der Gardelieutenant
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Diesen Ausspruch »kolossal gut!« und »auf Ehre, reizend!« fand.

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»ja, 'sist wahr, was man behauptet«, rief er, »Ihr seid ein Genie!«
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Drehte aber schnell den Kopf um, kicherte ein Hi, hi, hi!,
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Ging zu einem Thee-Lakain und – so ist's Ton hier – ließ durch diesen
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Eine Schaale Thee sich langsam in die edle Kehle gießen.

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Doch die Leserinnen werden, wie ich merke, ungeduldig
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Daß das Wichtigste von Allem ich so lange ihnen schuldig:
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Die Beschreibung der
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Ganz gewiß nicht so geschmackvoll wie die unsre!« – Hi, hi, hi!

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Meine Damen: hier die Weibchen, deren Wuchs so schön wie zart,
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Schlagen, sich zu Damen drechselnd, alle aus Natur und Art;
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Plustern sich das Haar um's Köpfchen, als ob gänzlich ohne Ohren,
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Tragen's Kleid so lang als wären ohne Füße sie geboren!

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Bilden aus den Marmor-Armen: Windbeutel und Schwimmeblasen!
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Pressen sich die Brust ein, schnüren sich so über alle Maaßen,
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Daß sich ihre Grazie wandelt in ein Schreckgespenst von Knochen;
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Daß bei starkem Winde draußen viel schon mittendurch gebrochen!

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Doch dies
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Das ersetzen anderswo sie durch ein ungeheures
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Wo? das hab' ich nicht verrathen! Denn selbst ein Incognito,
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Das für

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Ebenso will ich nicht zählen, durch wie viele Unterkleider
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Von dem Weib die Dame trennt sich, und das Weib verunziert leider,
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Denn das könnte
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Wenn auch nicht in üble Lage – doch in Mißcredit mich bringen.

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Schmäh'n wir lieber etwas über jene Damen da vom Hofe,
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Eine Sultanin und deren erste Leib- und Ehren-Zofe,
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Die zwar auch mit ihren ächten, mit den feinern Reizen geizen,
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Dafür aber sich mit plumpen, etwas feisten Reizen spreizen.

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Spreizen? Nein, das ist das rechte Wort noch nicht; denn da von
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Weit'sten Sinnes hier die Rede, brauchen besser wir wohl: brüsten?
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O, wo nehm' ich nur für

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Und wird selbst bei dieser Frage rosenroth bis unter's Kinn.
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Nein, das Schämen ist hier Ton nicht. Erstens hat man's nicht vonnöthen,
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Und zum Andern, weil die Wangen hier beim Schämen nicht erröthen.

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Nicht erröthen? Nein, die Schaam haucht hier im Reiche Jedermann
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Statt der lieblich rothen Farbe eine häßlich trübe an.
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Hier wird – und das ist für Frauen doch gewiß nicht einerlei! –
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Hier wird man nicht roth beim Schämen, nein, hier wird man

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Doch, ich muß jetzt Abschied (weh mir!) von der schönen Les'rin nehmen
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Und (noch weher mir!) zu einem Pfänderspiele mich bequemen,
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Das, ich merkt' es an der lauten, allgemeinen Stuhlrevolte
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Und der jungen Mädchen Kichern, jetzt geleistet werden sollte.

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Etwas Trost fand meine Seele, opfermuthig, schmerzdurchschauert,
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Im empirischen Bewußtsein, daß solch' Spiel nie lange dauert;
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Daß, und wenn's auch immer wieder, wieder, immer wieder statthat,
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Weil's so schonend für den Geist ist, man's doch jedes Mal bald satt hat.

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Und fast war ich ganz getröstet, als ich sah, daß man dies Spiel
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Ohne Pfänderaustausch spielte; gleich begann beim süßen Ziel!
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Allem Speck- und Schinkenschneiden und den geistigen Genüssen
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Dieser Art dabei entsagte, und sich einzig hielt an's Küssen.

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Alle Damen zogen nämlich zum Beginn der Minnelust
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Blumen aus dem Blumenkorbe, den sie trugen vor der Brust,
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Schüchtern sie den Männern reichend, die sich durften dann erlauben,
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So viel Blumen als sie hatten, so viel Küsse sich zu rauben.

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Eine Dame, deren Tochter meine Mutter konnte sein,
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Rückte aus mich los und bot mir huldvoll Sieben Blümelein!
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Sieben! Das war unverschämt doch! Dankend drückt' ich ihr die Hände,
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Mich entschuld'gend, daß ich fremd sei und das Spiel noch nicht verstände.

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Und dann schob den Gardelieutenant ich als Opfer ihr an's Herz,
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Und entsagte gerne diesem zu loyalen Minnescherz;
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Ging zum Theetisch in der Hoffnung, daß des Festes Unterhaltung
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Bald gewinnen würde eine ... unterhaltende Gestaltung.

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Aber, ach, statt dessen tauchte, und mit eitlem Ungestüm,
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Auf ein frech-geschmackanspeiend-nervenmarternd Ungethüm,
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Das sich durch Miauung äußert, Klapprung, Kratz-, Quiek-, Kreisch- und Grunzung,
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Und Dilettantismus heißet oder besser: Kunstverhunzung.

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Auf der Erde kann von diesem gräulichen socialen Drachen,
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Kunst- Molch und ästhet'schen Lindwurm, schwerlich man ein Bild sich machen!
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Nein, die klugen Leser werden, wenn ich schild're, wie er ras't,
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Lächelnd und die Köpfe schüttelnd meinen: unser Autor spaßt!

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Und doch ist es reine Wahrheit, wenn ich sage: jene Frau,
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Noch vor Kurzem geistvoll-lieblich, läßt er kreischen wie 'nen Pfau!
184
Läßt er sich den Mund ausspülen mit Rouladen, und owaihn,
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Jammern, stöhnen und sich quälen bis Mitleid'ge Bravo schrein.

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Jene Eltern läßt er wandeln ihr liebreizend Kind zum Affen,
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Und dort den Familienvater selber wandeln sich zum Laffen!
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Jener holden Jungfrau wickelt aus der Kehle er ein Knäul
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Falscher Töne ab und Schnörkeln, bis sie Allen wird ein Gräul!

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Diesen braven Jüngling zwingt er eine Geige abzukratzen,
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Daß selbst von den nahen Dächern hülfeschreiend fliehn die Katzen;
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Einen Andern läßt er klimpern, daß man diesem Drahtarbeiter
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Gern 'nen Groschen schenkte, bittend: Bester, ein paar Häuser weiter!

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Einen dritten braven Jüngling läßt er, ohne zu erröthen,
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Einen Mozart oder Weber langsam mit der Flöte tödten!
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Einen Greis ein Lied abknarren von verliebten Turteltauben,
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Und zwei Mädchen ohne Stimme Wuthhusten und Racheschnauben!

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Selbst die Mutter nicht, die Hausfrau, schont dies schnöde Ungeheuer!
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Eine dicke Fünfzigjähr'ge schmort in heißem Liebesfeuer,
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Aechzt Gefühl heraus, keucht Wehmuth, schwitzt sich Triller ab und girrt
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Zehn Mal den gerechten Zweifel: ob der Liebste kommen wird?

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Und sonst würd'ge Frau'n und Männer, die, zu zeigen, wie sie leiden,
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Bei dem Treiben dieses Drachens, heimlich sich Gesichter schneiden,
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Rufen: »Bravo! Ganz vortrefflich!« wenn ein Leidensact zu Ende,
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Hauend, And're hauen mögend, sich in ihre eig'nen Hände!

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Und Personen, deren Bildung zweifellos wie ihr Geschmack,
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Macht, tritt Einer von den Ihren auf mit seinem Dudelsack,
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Augenblicks der Lindwurm dämisch, so vernagelt, so verrückt,
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Daß das Plumpste sie bezaubert und das Schrecklichste entzückt!

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Mehr noch dürften meine Leser staunen, wenn ich ihnen sage,
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Daß dies Monstrum, dies sociale, rasend, wüthend alle Tage,
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Von Gewaltigen gehätschelt und gepflegt wird. Und warum?
213
Weil es

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Weil er kitzelt statt zu spornen, und verbuhlt der Jugend Kraft;
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Weil, was Feuer, Drang und Muth ist, unter ihm erstickt, erschlafft;
216
Weil den Geist er nur auf kleine, eitle Eitelkeiten lenkt,
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Und ihn einwiegt und ihn einlullt, daß er ja nicht forscht und denkt.

218
Daß der Mensch nicht aus der Traumwelt in die Welt des Lebens schweift!
219
Daß er ja nicht nach den Werken seiner edlen Dichter greift!
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Ja nicht in gesell'gem Kreise diesen und sich selbst erhebt,
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Ja nicht nach erhab'nen Zielen, so die Denker preisen, strebt!

222
Darum kennt man von den Dichtern hier kaum mehr als ihren Ruhm;
223
Darum sind sie nur der Schränke nicht des Volkes Eigenthum!
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Darum, weil dies Volk sie adlen, spornen, kräft'gen würden, darum
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Scheucht man fort sie durch Gedudel, durch ein ew'ges Lirumlarum!

226
Darum .... doch der Geist allein nicht, auch der Körper fordert Nahrung,
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Wie dem Volke der Instinkt lehrt und Gelehrten die Erfahrung!
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Und so ward denn das Gedudel, wurden denn die Singeschnurren
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Endlich, endlich übertönt durch obligates Magenknurren.

230
Doch so weit das Auge schweifte rings durch alle die Salons:
231
Keine Spur von einem Seefisch, von Ragout mit Champignons!
232
Gar Nichts von gefüllter Lammsbrust, Fricassee's und Fricardellen,
233
Von Filets mit Trüffeln, Hasen, Tauben oder Lachsforellen!

234
Kein Gedanke hier von Austern! Keine Schnepfen, keine Kücken!
235
Kein Atom von einem Rumsteak oder eines Rehes Rücken!
236
Keine Ahnung von 'nem Kalbskopf, noch von irgend einem Braten,
237
Von Pasteten oder andern gastronomisch-edlen Thaten!

238
Und so weit das Auge schweifte: keine einz'ge Flasche Sekt!
239
Der uns so poetisch fröhlicht, und der außerdem auch
240
Nichts von
241
Von der gern ich einen Korb mir ... auch wohl zweie geben ließ!

242
Keine
243
(gäb' es selbst so hohe Geister in den Sphären Dummdummdumms)!
244
Keine
245
Nichts von diesen Himmelsrittern Seiner Majestät Apoll's!

246
Seh' ich recht? Da naht ein Diener! Armes Herz, verzweifle nicht!
247
Selbst im Jenseits ist dem Deutschen Ruhe und Geduld ja Pflicht!
248
Ja, es
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Kein College folgt ihm! Keiner! Das ist

250
Nein, kein Teller, kein Besteck folgt', keine Speise und kein Trank,
251
Und – wie
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Alle andern Gäste nahmen ruhig sich Servietten und ....
253
Wischten sich, als ob sie äßen! wischten sich damit den Mund!

254
Und der Gardelieutnant sagte auf Befragen: das sei
255
Wirklich essen oder trinken in Gesellschaft sei
256
»und das«, fügte er hinzu noch, »das, verehrter Herr, wird
257
Der Sie sicher von Geburt sind, nicht befremden. – Hi, hi, hi!«

258
»darf ich um die Ehre bitten«, unterbrach uns eine Schöne,
259
»zu dem ersten Hopphopphoppsa, dessen wundersüßen Töne
260
Vom Orchester aus dem Tanzsaal durch der Räume Lüfte kräuseln
261
Und durch das entzückte Ohr uns in des Busens Tiefe säuseln?«

262
Dankend lehnt' ich ab den Antrag, da ich mir an der Serviette,
263
Wie ich vorgab, meinen Magen leider ganz verdorben hätte,
264
Und daher nicht disponirt sei, mich in diesem wilden Ranzen,
265
Pusten und Keuchen auszuzeichnen, das man hier benamset: Tanzen.

266
Dann ging ich zum edlen Lord hin, gab ihm einen Nasenstüber
267
Und empfahl mich, ihm versichernd, daß ich ganz Bewund'rung über
268
Seine große Fete wäre, und in meinem Leben nie
269
Mir solch köstliches Diner sei vorgekommen. – »Hi, hi, hi!«

270
Unten aber streckt' ich wüthend die geballte Faust empor
271
Nach der Belle-Etage droben, wo's so
272
Niemals wieder anzunehmen eine Einladung von Lords,
273
Die der Himmel würde richten ob versuchten Hungermords!

274
»hier!« Der erste Kammerdiener rief's, hing mir den Mantel um
275
Und – nein, das ist Unbeflecktheit! Mehr als Unsinn! Mehr als dumm! –
276
Gab mir einen blanken Scudi: Trinkgeld! Er! und sprach dazu:
277
»restauriren Sie sich, Lieber! Wünsche angenehme Ruh'!«

278
Wüthend, meiner Sinne kaum noch Lehrling denn geschweige Meister,
279
Flucht' ich auf dies Schloß hernieder
280
Warf den Scudi einer Statue
281
Nach der Brücke hin und stürzte ... in's Hotel »Zur guten Tante.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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