Parlamentarismus

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Adolf Glaßbrenner: Parlamentarismus (1843)

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Heute war ich in der Kammer, oder, wie sie mir mein braver
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Linguist hier übersetzte, im Gesetzgebungs-Cadaver,
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Wo die falschen schlechten Reime auf des Sultans Namen
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Und das Volk stets zu vertreten, wie man ihnen zugab, dachten.

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Was mir auffiel, war: die Rechte saß hier auf der linken Seite
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Und die Linke auf der Rechten! Trotzdem muß, wenn auch, gescheidte
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Deutsche Deputirte, albern Ihr dies nennt, ich Euch betheuern,
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Daß die

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Die Fraktionen in der Linken hießen »Hummer« und »Vermummer«;
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Die Gemäßigt-Rechte »Schlummer« und die radikale »Kummer«;
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Die Partei des Ober-Mufti's auf der Linken die »Verdummer«
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Und die Herren in der Mitte die »Centrumdummdrumherummer.«

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Als ich eintrat, lief und schwatzte durcheinander noch die Kammer,
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Eilte aber nach den Plätzen lautlos, als mit schwerem Hammer
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Kräftig jetzt der Präsident schlug auf den Amboß, und den Reigen
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Der Debatte selbst eröffnend, aufstand und erhob ein

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Und er schwieg, und schwieg sehr flüssig, schwieg wohl gegen zehn Minuten,
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Doch erregte kein Int'resse, selbst nicht wenn mit resoluten
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Gesten und Geberden Das er, was in seinem Innern lebte,
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Auf die möglichst klarste Weise auszudrücken sich bestrebte.

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Nach ihm trat ein Mensch, halb Truthahn, von der Linken auf und blickte
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Lange starr auf die Versammlung; doch auch Er bracht's – durch geschickte
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Wendungen des Haupts, wobei er, heftig schweigend, rechtshin ausfiel –
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Nur dahin, daß von den Hummern und Verdummern ein Applaus fiel.

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Einem dritten Stummen wurde, da er, was er zur Debatte
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Schweigen wollte, schielend ablas von dem mitgebrachten Blatte,
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Dies entzogen und er selber, der nachdem nur noch Grimassen,
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Höchst verleg'ne, schneiden konnte, unter Lachgebrüll entlassen.

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Jetzt trat Einer auf vom Kummer. Er, der lebhaft mit Emphase,
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Ja, mit Leidenschaft schwieg, wurde, bumms! bei einer Schweigephrase
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Durch des Präsidenten Hammer unterbrochen, schwieg dann milder
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Einen Augenblick, doch gleich drauf wieder wild und immer wilder.

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Stampfte mit den Füßen; drohte linkshin mit gewalt'ger Fauste;
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Schwieg so geistvoll, daß die ganze Rechte in Applaus aufbrauste,
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Der so toll ward, als die Linke quiekte, murrte, grunzt' und pochte,
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Daß zuletzt der Schweiger selber schwerlich sich verstehen mochte.

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Als er abtrat, fiel zu Füßen demonstrirend die Partei ihm,
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Doch er achselzuckte als ob Lob und Beifall einerlei ihm. –
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Ein Verdummer – still! – halb Affe und halb Mensch, streckt seine Tatz' aus
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Und – der Präsident bewilligt's – still!! – steht auf und: schweigt vom Platz aus.

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Was er schweigt – man sieht es deutlich an dem Wuthblick und dem Fletschen
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Seiner Zähne, durch die manches Schimpfwort möchte durch sich quetschen –
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Zielt auf den Vorschweiger, auf das radicale, äußerst rothe
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Kammermitglied, das so eben noch in heil'gem Zorne lohte.

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Und gleich wieder springt es auf jetzt, und versetzt durch schnelles Stummsein
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Und durch eine Pantomime, die, und sollt' es noch so dumm sein,
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Jedem Kinde leicht verständlich, einen solchen Hieb dem Affen,
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Daß die Rechte hell auflachte und selbst lächelten die Pfaffen.

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Der Tumult, der ausbrach, wurde schnell durch einen wahren Mordblick
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Des Vorsitzenden ersticket. Drauf ertheilte er das Wort (
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Einem hochgeöhrten Staatsmann, der als Tacitus in Ruf stand,
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Und auf streng histor'schem Boden stets mit seinem Eselshuf stand.

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Er stand eine volle Stunde schweigend da auf der Tribüne
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Mahnend durch höchst virtuose Mienen rechts und links zur Sühne;
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Mahnend den Extravaganzen der Prinzipe zu entsagen
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Und, statt Sich, statt aufeinander, heut zum Centrum sich zu schlagen.

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Rauschender Applaus ward diesem Abgeordneten zum Lohne,
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Und dem Tacitus-Erfolg noch dadurch aufgesetzt die Krone,
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Daß des Kriegs-Rocks Excellenz jetzt rasch auf die Ministerbank stieg
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Und dem eben abgetret'nen Volksvertreter einen Dank schwieg.

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Mind're Gunst ward einem Hummer, der mit rohem Faustgedrohe
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Alsogleich stieg zur Tribüne. Die Versammelung, die hohe,
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Lief, als der Restaurationsheld inwendig hier raisonnirte,
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Großentheils nach dem Büffet hin, wo sie selbst sich restaurirte.

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Erst des Präsidenten Hammer machte die Gesetzesgeber,
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Die zum Wohl des Staates durchaus frisch und frei weg von der Leber
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Durften schweigen – wenn auch langsam, äußerst langsam nur, allmälig,
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Den Cadaver wieder füllen, bis zuletzt er ganz vollzählig.

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Die Debatte war zu Ende. Jetzt galt's über jene Summen,
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Die bewilligt werden mußten, ordnungsmäßig
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Also war der Modus: »Nein!« hieß Kopf hoch und am Daumen saugen;
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»ja!« den Kopf gebeugt, die Hände beide haltend vor die Augen.

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Der Credit-Antrag der hoh'n Regierung forderte zur »Kettung
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Der Tibianer« Drei Millionen und die gleiche Summ' zur »Rettung
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Armer Ritter,« die enterbt man aus dem mathematisch klaren
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Grunde hatte, weil sie jünger als ihr ält'ster Bruder waren.

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Das Abstummungs-Resultat war glänzend, denn es wurden beide Steuern
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Mit Majorität bewilligt und zwar mit 'ner ungeheuern:
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Fast Dreihundert Deputirte deckten, kopfgebeugt, die Augen,
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Und nur etwa zwanzig Gegner thäten sich am Daumen saugen!

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Auf der Heimkehr sprach ich: »Wahrlich, niemals noch sah' ich ein närr'scher's
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Parlament!« zu Einem von der Namensvetterschaft des Herrschers,
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Und gestand, daß von der ganzen, eigenthümlichen Debatte
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Jedes

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»warum
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»sehr begreiflich!« sprach er.
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»denn daß wir uns zwischen
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Duldet's
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Daß die

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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