An die Kritik

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Adolf Glaßbrenner: An die Kritik (1843)

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Wohl flammte im Herzen mir fort und fort
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Für
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Doch folgt' ich als einstiger Deutscher trotzdem
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Meinem Kenntniß verlangenden Triebe.

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Und ich sahe und hörte und forschte und nahm
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Notiz mir von Jenem und Diesem,
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Und theil' es hier mit in gefälligem Styl
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Und in möglichst con- und präcisem.

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Und wie Du bei Manchem auch schütteln magst
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Dein sceptisches Haupt, Recensente,
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Mein königlich Wort darauf: Alles ist
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Nicht das Kleinste ist Puff oder Ente.

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Und stieße der pureste Nonsens Dir auf,
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Du
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Weder Logik vorhanden noch sonst was.

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Daß Alles und Alles sich hier widerspricht,
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Und drum Spott auch und Hohn unvermeidbar;
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Daß die höcheste, tiefeste Philosophie
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Von dem Blödsinne kaum unterscheidbar.

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Und daß just wenn man staunt ob des göttichen Geist's,
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Der der fernesten Sterne Gewicht wägt,
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Uns die aufgeblasenste Fach-Unvernunft
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In demselben Moment in's Gesicht schlägt!

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O, bedenke Das gütigst, o, Rezensent
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Und des Doctor-Diplomes Besitzer,
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Und beweise nicht weise, mein Buch sei nur Lug
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Und voll gräßlicher logischer Schnitzer.

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Und thust Du es doch, nun so nennst Du doch nicht
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Den Inhalt kurzweg: Larifari!
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Wie Gewisse, die sich auf den Standpunkt stell'n,
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Den erhab'nen des

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Ach, Nichts nicht schmerzt uns Poeten so sehr,
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Als wenn mit 'nem Werke wir Wunder
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Was zu bringen geglaubt und dann hinterher ein
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Kritiküschen es wegwirft wie Plunder.

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Denn, ach! in die Thräne, geweint um uns selbst,
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Mischt sich auch noch die um den Richter,
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Der (vom Geist abgesehn) fünf Minuten verlor
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Um zu werden des Werkes Vernichter!

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Doch was schwatz' von Kritik ich und werde mit ihr
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Fast wie'n Komödiant so krakeelig!
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Wenn man unter der Erde ist:

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Was kümmert es mich, ob das Stäubchen Herr X.
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Auf dem Staubkorne Erde mich tadelt!
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Und deß Psyche schon kosmisch geadelt!

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Mich, dessen Gefühl und deß Denken so rein,
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So ganz absolut und total ist,
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Daß sein Ruhm auf 'nem einzelnen lumpigen Stern
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Ihm totaliter schaal und egal ist!

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Nein, nein! und selbst wenn durch dieses Gedicht
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Sich in Deutschland mein Ruf noch erhöhte,
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Und ich würde verherrlicht in ähnlicher Art
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Wie Schiller, Pepita und Göthe:

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Es bewegte mein Ich doch, mein seliges, kaum
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Wie den türkischen Siebenten Himmel
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Ein zur Anbetung lieblich einladendes
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Christkirchliches Glockengebimmel!

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Und so theil' ich im nächsten Kapitel denn mit –
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Da dieses (deß Raum doch begrenzt ist)
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Durch unnützes Plaudern (wie drück' ich es aus?)
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Ver-kammert und ver-conferenzt ist –

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Um Lob und Kritik unbekümmert all Das,
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Was im Merkbuch bis heute notirt zwar,
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Doch bishero noch nicht
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(hier in meiner Verkehrten) fixirt war.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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