Die Bibliothek. Eine Injurie. Schlußeffekt

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Adolf Glaßbrenner: Die Bibliothek. Eine Injurie. Schlußeffekt (1843)

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Daß mich dieser krasse Blödsinn
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Einer heidnischen Sophistik
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Innerlichst empörte, werden
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Alle meine Herrn Collegen,
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Alle wahrhaft frommen Priester
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Meines Vatersternes Erde
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Wohl begreifen. Und die Deutschen
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Unter ihnen auch, daß trotzdem
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Ich – die Macht des Ober-Mufti's
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Und das Kitzliche, Prekäre
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Meiner Stellung hier ermessend –
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Dieses heft'gen und gerechten
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Zornes Meister blieb und meine
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Oppositionellen Fäuste
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In der Tasche machte. Daß ich
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Raisonnirte nur im Tiefsten
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Meines Innern, in Gedanken,
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Und selbst
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Und prämeditirt, bedächtig,
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Jedes unparlamentarisch-
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Schroffen Ausdrucks wie: »Barbarisch!
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Oeffentliche Meinung! Scheußlich!
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Schändlich! Einheit! Niederträchtig!
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Freie Presse! Klein, doch mächtig!
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Privilegienstürmer! Censor!
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Liberal! Frech! Ordnungsfeindlich!
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Fortschritts-Wahnsinn! Plebs-Defensor!
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Deutschkatholisch! Freigemeindlich!
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Literat! Ruh'störer! Jude!
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Nationalsinn! Bummellude!
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Reactionswuth! Communistisch!
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Heuler! Wühler! Schmutz'ges Siel-Thier!
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Menschenrecht! Lump! Antichristlich!«
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Und so weiter ... mich enthielt hier.

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Seine Zopfigkeit geruhten
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Sich nunmehr vom Ruhesopha
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Zu erheben und – durch so viel
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Zimmer führend mich, daß drinnen
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Tausend Ober-Mufti's mind'stens
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Platz gehabt – vor meinem Auge
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Des Pallastes der »Entbehrung«
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Glanz und Luxus zu entfalten.
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Mehr jedoch als all' die Speise-,
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Spiel-, Empfangs-, Rauch-, Wonne-, Bade-,
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Tanz-Appartements und and're
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Klein're, machte mich erstaunen
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Die Bibliothek hier, welche
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Dreizehntausend Bände zählte,
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Aber wörtlich auch nur
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Nur die reichen, goldverzierten,
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Inhaltslosen Deckelpappen
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Mit den Titeln aller Werke
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Aller Dichter und Gelehrten
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Dieses Sternes, des Verkehrten!

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»was staunt«, sprach mein Führer, »über
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Diese Staats-Oekonomie Ihr?
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Sie erfüllt den Zweck vollkommen
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Zier und Catalog zu sein.
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Will, was mich nicht oft anlaunet,
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Ich ein Werk der Sünder lesen,
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Die dem Volk das Licht verleihen,
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Das des Glückes, des Gehorsams
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Und der Demuth Hütte ansteckt:
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Sende ich des Werkes Einband
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Nach der Leihbibliothek hin;
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Laß' ihn mit dem Buche füllen
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Den sein Titel heischt und les' es
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Für ein Hunderttheil des Preises
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Den es selbst mir kosten würde.«

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»aber ...«
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»und wie ich, so handelt
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Alles, was zur fashionablen
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Welt gehört, was wahrhaft vornehm.
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Nur der dumme Plebs sucht, hi, hi!
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Seine Ehre drinn, so weit es,
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Noth und Dürftigkeit gestatten,
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Seiner Dichter und Gelehrten
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Werke zu besitzen eigens,
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Hochzuachten und Bedürfniß;
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Gleichen Dank zu zollen Ihm,
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Ihm, der, wie der Plebs sich ausdrückt:
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Unsre Seele tröstet, lichtet,
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Reinigt, aufschwingt, Heil und Wonne
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Ihr erstreitet und bereitet
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Und, gleichwie die Gottessonne,
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Segen überall verbreitet.

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Ja, er schilt Diejen'gen Pöbel,
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Die für Hunde, Pferde, Affen,
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Flitterkram und Schwelgereien
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Tausend Mal wohl mehr verprassen
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Als für Dichterwerke jährlich!
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Tausend Mal mehr für ihr Fressen
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Als für geist'ge Nahrung zahlen,
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Die sie borgen statt zu kaufen!
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Ja, er stellt dabei ein Gleichniß
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Auf von angelieh'ner Nahrung,
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Die, genossen kaum, verborgt wird
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Und, pfui! wiederum genossen
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Und verborgt wird und genossen
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Und so fort, ein Gleichniß, pfui, pfui!
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So abscheulich, daß kaum
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Es app'titlich finden könnten!«

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Unter diesen Worten waren
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Angelangt wir in des Mufti's
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Ob es gleich, von violetter
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Fenster-Draperie gedüstert,
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Weder Pult, Repositorium
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Noch Papierkorb, Pfeifenriegel
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Und dergleichen aufwies, sondern
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Einen großen Frauenspiegel,
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Schilderein und Nippes-Capricen,
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Die auf keinen hypochondern
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Eigner eben schließen ließen,
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Und ein seiden Himmelsbette,
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Ueppig breit, nebst Toilette.

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»götter!« rief ich aus, »Was seh' ich?«
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Als ich plötzlich, nah' am Fenster,
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Eingerahmt in goldner Leistung,
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Meiner Gattin, meiner reizend-
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Schönen Lilialinda's Brustbild,
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Ausgeführt sehr gut in Essig,
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Hier gewahr ward. »Götter! Himmel!«

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Aber eh' ich selbst es konnte,
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Hatte, zornig-wilden Blickes,
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Lumpel-Lampel mich gefaßt schon,
126
Und zwar grade vor dem Busen
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Unter welchem, ach, mein liebend
128
Herz so stürmisch klopfte:
129
»bube!«
130
Rief er (Als ich dieses Ausdrucks
131
Wegen später
132
Ihn belangte und der Richter – –
133
In Erwägung, daß zwar »Bube«
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An und für sich nicht beleid'gend,
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Da er oft sowohl von Mädchen
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Wie von Dichtern schelmisch-freundlich
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Angewendet wär' und würde,
138
Auch im Kartenspiele eine
139
Respectabele Figur sei,
140
Welche von dem Sultan (König)
141
Durch die Mittelspersonnage,
142
Durch die Dame, nur getrennt sei,
143
Der Herr Ober-Mufti aber
144
Weder Mädchen sei noch Dichter
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Noch der Kläger eine Karte; –
146
Und in fernerer Erwägung,
147
Daß bereits der Kläger faktisch
148
In den sogenannten besten
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Jahren so weit vorgerücket
150
Daß
151
Sehr bedenklich würde,
152
Des hochzopf'gen Angeklagten
153
Einwand: Kläger hätt' durch seinen
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Tugendhaften Lebenswandel
155
So vortrefflich conservirt sich,
156
Daß er, Kläger, ihn für einen
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Jüngeling gehalten hätte:
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Platz nicht greifen kann, vielmehro
159
(dieser Schreibefehler schlich sich
160
Beim Mundiren ein) dabei nicht
161
Zu verkennen, doch der Ausdruck
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»bube« als
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Nur zu nehmen – nach dem eilften
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Paragraphen, Titel Sieben
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Des Neunzehnten Theils des
166
Allgemeinen Sultan-Rechtes:
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Zu der Zahlung von Dreihundert
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Gold'ner Scudi's an den Fiscus
169
Und der Kosten – – condemnirt ihn,
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Wurde Lumpel-Lampeln auf sein
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Immediat-Gesuch vom Sultan
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Pumpel-Pampel es verziehen,
173
Daß er
174
Kosten wurden, (was ich selbst war
175
Ueber diese wunderbare
176
Gnade und, wie soll ich sagen:

177
»bube!« rief er, meines Schreckens
178
Blässe für die Farbe eines
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Schuldbewußtseins nehmend, »Bube!
180
Lilialinda, Deine Gattin,
181
Sprich, wo ist sie? Sicher weißt Du's!
182
Sicher hast Du diese schönste,
183
Diese köstlichste von allen
184
Blumen meines Cölibates
185
Frech geraubt mir! Hast zur Flucht sie
186
Ueberredet, vor ihr spiegelnd
187
Als ob plötzlich nun entflammt sei
188
Lieb' für sie in Deinem Herzen,
189
Gegenliebe für die Holde,
190
Die, ächt weiblich, unschuldvoll
191
Sich zu Deinem
192
Zur Geliebten angetragen,
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Und die Du, statt hinzusinken
194
Glückbetäubt zu ihren Füßen,
195
Der Du werth nicht bist, vom Schatten
196
Dieser Füße nur zu träumen,
197
Grausam Dir antrauen ließest!
198
Ihre Liebesgluth verlachend
199
Und zu Deiner
200
Frech und schnöde sie verstießest!«

201
Ich betheuerte bei
202
Und den Heidengöttern allen,
203
Selbst bei
204
Und bei
205
Daß an meiner Gattin, meiner
206
Heißgeliebten Lilialinda,
207
Flucht ich schuldlos, schwor dem Mufti,
208
Seit dem Augenblick der Trennung
209
Sie mit keinem Aug' gesehen,
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Sie mit keinem Mund gesprochen
211
Und mit keiner Hand geschrieben
212
Ihr zu haben, also auch durch
213
Dritter Auge, Mund und Hand nicht.
214
Schwor ihm, daß er selbst es wäre,
215
Der mir ihre Flucht aus seinem
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Harem oder Cölibate,
217
Wie er's nenn', zuerst verkünde.
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»und so,« endigte erhitzt ich,
219
»prallt der ›Bube,‹ der auf meine
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Schuldlos-starke Brust geworfen,
221
Auf den Werfenden zurück nun,
222
Der, wiewohl schon alter Sünder,
223
Nicht einmal solch alter Sünder
224
Einz'gen Vorzug sonst vor jungen
225
Sündern zeigte: Selbstbeherrschung!«

226
Rasend, mit gierglühnden Augen,
227
Wie das Lamm, wenn's Appetit hat,
228
Auf den frommen Tiger losspringt,
229
Stürzte sich des Götzenpriesters
230
Zopfheit in Person auf mich und
231
Zeigten deutlich dero Absicht,
232
Das mir zu ertheilen, was man,
233
Angewendet bei Personen,
234
Denen jeder ganz vernünft'ge
235
Menschenfreund noch dreimal mehr wünscht:
236
Ausfluß des Verrücktseins heißet.
237
Ich jedoch, nicht faul, ich riß ihn
238
Stürmisch an mein Herze, preßte
239
Ihn inbrünstiglich und klopfte,
240
Ihn beruh'gend, ihm den Rücken.

241
Dann ergriff ich seine Hände,
242
Hielt sie fest und sicher, blickte
243
Fest und sicher ihm in's Auge,
244
Nahm all meine Kraft zusammen
245
Und die angebor'ne Hoheit,
246
Und sprach mit dem ganzen Adel,
247
Der mir zu Gebot steht, also:
248
»weißt Du, Mufti,
249
Weißt Du, Knirps, auf wen Du wolltest,

250
Ich bin nicht nur
251
Ich, Ernst Heiter, Erst und Einz'ger,
252
Bin erhaben über Vieles!
253
Bin ein Fürst, mit dem die Kaiser
254
China's, Rußlands und Marokko's.
255
Nimmermehr sich messen werden!
256
Zwischen diesem, dem Verkehrten
257
Weltchen und dem hochvernünft'gen
258
Sterne Erde hab' ich Schlösser
259
Eine Unzahl und viel prächt'ger
260
Als Du, Mufti, Dir kannst denken!
261
Das Gebiet, das schöne, reiche
262
Deutscher Zunge ist das meine!
263
Und im Reiche der Humoren,
264
Wie in jenem zaubervollen,
265
Himmlischen, deß Blum' und Früchte
266
Man vom heiligen Parnassus
267
Ueberschaut, bin ich, Ernst Heiter,
268
Wenn auch oft nicht Selbstbeherrscher,
269
Doch so mächtig und gebietend,
270
Daß, gleichwie der Gott der Götter
271
Und mit ihm Dich, alle Mufti's
272
Und die andern Creaturen
273
In dem nächsten Augenblick schon
274
Stürzen und vernichten könnte!
275
Außerdem bin ich noch Doctor
276
Der Weltnarrheit und
277
Die das arme, vielbetrog'ne
278
Menschenthum sich will erstreiten!
279
Bin an Spree, Rhein, Main und Elbe
280
Mannigfacher Lustvereine
281
Shakespearweiser Narren Mitglied,
282
Präsident, Doktor und Ritter!
283
Bin auch Ritter des erhab'nen
284
Goldenen Champagnerkorkes
285
Erster Klass' mit Lorbeerblättern,
286
Wie des schönen Kreuzstern-Ordens
287
Für wahrhaftige Verdienste
288
Mit der Schleife – und noch and'rer
289
Irisbunter (falls dies Wort nicht
290
Tautologisch) Narren-Orden!
291
Ferner, staune! bin Prophet ich,
292
Denn ich habe, Dank den Göttern!
293
Wenn der großen Lüge ich die
294
Wahrheit sagte,

295
Ferner bin ich Oberpriester
296
In Hafisens Freudenkirche
297
Objectiver Weltanschauung!
298
Und zuletzt: ich bin, was alle
299
Diese Hoheit, Ehr' und Würden
300
Ich bin, und im höhern Sinne
301
Als man sich im Rausch der Liebe
302
Und des Weines heißt und preist:
303
Ich bin selig! Bin ein Geist!«

304
Diese Worte, wie gesagt schon,
305
Mit der angebor'nen Hoheit
306
Meines Wesens, mit der Wärme
307
Des Bewußtseins eigner Größe
308
Ausgesprochen, effektuirten
309
Mehr noch als gehofft ich hatte.
310
Reuig warf der Götzenpriester
311
Sich auf seine Hände nieder;
312
Richtete als Quadrupede
313
Auf zu mir sein Haupt und blickte
314
Mich mit hündisch-stummer-dummer
315
Demuth und Verehrung an.

316
Und auch ich that, wie sich's schickte,
317
Ohn' ihm mein Gesicht zu zeigen,
318
Artig mich vor ihm verneigen.
319
Doch, erwägend, daß in Scenen
320
Solcher Art ein Schlußeffekt ganz
321
Unumgänglich nöthig, rief ich
322
(leider ohne Inspicient-
323
geblas'ne Colofoniumblitze!)
324
Einen fürchterlichen Fluch aus,
325
Der von gleicher fürchterlicher
326
Wirkung wie die Flüche alle
327
Im Theater und im Leben;
328
Rief ich, wenn auch dem Gebrülle
329
Unserer Coulissenhelden
330
Und dem des vom Speer Minervens
331
In dem Unterleib verletzten
332
Mars genüber:
333
Doch mit donnerndem Organe
334
Folgendes Fluch-Ultimatum:

335
»höre, Mufti, wie das Fatum,
336
Das untrügliche, Dich richtet:
337
Bist auf Tausend Jahr vernichtet,
338
Legst Du jemals wieder Hand an
339
Sel'ge Geister!«

340
Und verschwand dann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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