Empfang und Unterricht

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Adolf Glaßbrenner: Empfang und Unterricht (1843)

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Seine Zopfigkeit, der ernste
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Ober-Mufti, mich nach guter,
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Alter Sitt' empfangend, küßte
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Meines Schlafrocks Saum und nahm dann
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Meine rebenblut'ge Spende
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Mit der größten Huld entgegen,
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Während ich, gleichwie zum Segen,
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Mußte meine beiden Hände
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Ihm auf Bauch und Gurgel legen.

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Und nachdem nun diese Handlung,
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Ganz so geistvoll wie erhaben,
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Ich vollbracht und seine Diener
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Sich entfernt, ergriff der Mufti
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Eine goldkrystall'ne Flasche,
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Goß aus dieser in ein spitzes,
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Goldkrystall'nes, frommes Kelchglas
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Köstlich duftende und gold'ne
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Feine Kräutertropfen, die er
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»wohlgefäll'gen Bittern« nannte,
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Und von denen er betheuernd
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Sagte, daß sie ganz so schmackhaft
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Und belebend wie zuträglich
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Der Gesundheit seien – goß er
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Diese edeln Kräutertropfen
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Langsam in den Mund und Schlund
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Schnalzete und sprach zu mir dann
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Freundlich nickend: »Wohl bekomm's Euch!«

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Ich erstaunte und sann drüber
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Nach, woher es wohl mag kommen,
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Daß auf diesem Stern die Menschen
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Alle, selbst die hochgestellten,
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Stets den Aberglauben hegen:
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Das, was sie nur für sich selbst thun,
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Anderen gethan zu haben?

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»ihr seid von mir hergerufen,«
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Sprach der Mufti jetzt, nachdem er
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Sich auf einen goldbetroddelt-
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Sammetrothen Sopha wohlig
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In der ganzen Körperlänge
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Ausgerecket und gestrecket,
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Und ein Gleiches auf dem gleichen
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Gegenüberstehnden Sopha
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Mich zu thun bedeutet hatte:
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»ihr seid von mir herberufen,
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Um die Kenntniß zu empfangen
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Unsrer
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Sie ist einfach, und für Geister
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Eures Schlages, welche schnell sich
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Angeochst- und aufgedrung'nem
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Wust entschlagen, leicht erfaßbar.
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Gänzlich müßt Ihr Euch, zum Beispiel
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Von dem christlich-jüd'schen Denken
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(wenn man dieses captivirte,
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Abgezogne, blinde Tappen
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Und dies Vorschrifts-Drumherumgehn,
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Dies sophist'sche Absichschweißen
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In dem Nichtigen und Flachen
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Ueberhaupt kann
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Oder Fühlen frei Euch machen.«

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»wie?« rief ich, erhitzt aufspringend
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Von dem Lager, »wollt Ihr Alles,
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Was im Geist und gegenständlich
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Offenbart ist und als heil'ge
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Ueberzeugung unvertilgbar
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In Millionen und in mir lebt,
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In dem Scheidewasser Eures
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Irren, ewig wirren Grübelns
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Und Vernünftelns, Eures heidnisch
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Sogenannten abso ...«
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»nicht doch!«
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Unterbrach der Mufti mich und
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Gab Befehl mir, wieder langaus
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Auf dem Sopha mich zu strecken.
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»ich will Euch durchaus nicht zwingen,
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Unsern Glauben anzunehmen,
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Den zu glauben hier Gesetz ist.
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Ihr hört ruhig an mich, höret,
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Was Ihr denken, fühlen, glauben
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(denn Gedank', Gefühl und Glaube
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Ist ja Eines!) sollt, und wenn dann
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Noch nach eines Jahr's Verlauf Ihr
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Christ seid – denn ich weiß, Ihr seid es,
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Seid ein ächter Christ – so werdet
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Nach dem Paragraphe Sechszehn
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Unsres Toleranz-Ediktes
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Ihr, wie's wörtlich heißt, ›aus Unserm
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Horizont beseitigt,‹ nämlich,
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Wenn Ihr nicht, was ich Euch lehrte
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Anerkennt als letztes Wissen:
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Aus dem Sterne, die Verkehrte
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Welt, sofort hinausgeschmissen.

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Hört nun weiter! Wir besitzen
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Religion in Eurem Sinne
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Gar nicht; wir besitzen
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Aber jenen äußerst starken,
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Der mit Wissen synonym ist.
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Was Ich, was der Ober-Mufti
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Glaubt, ist Wissen und ist Glaube
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Jedes Einzelnen der
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Wie wir,
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Was ich glaube, das ist Wahrheit,
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Denn in mir ist
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Sind die Icher alle, gleichwie
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Ich in ihnen. Und da Glauben
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Eins mit Fühlen ist und Denken:
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Fühl' und denke ich im Grunde
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Ganz alleine, denn die Freiheit
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Alles Wissens, Fühlens, Denkens
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Ist beschränkt im Ober-Mufti.
110
Oder,« sprach er seufzend weiter,
111
»
112
Gibt's hier rationale Hetzer,
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Die den Denkerplebs bethören;
114
Giebt's hier, wie Ihr gleich sollt hören
115
Auch in unserm Reiche Ketzer!

116
Gott der Götter und der Zeiten.
117
Ihm der nächst' an Macht und Herrschaft
118
Ist Gott
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Und der Gott des Reichthums
120
Gott und der gemeinen Hiebe;

121
Früher hatten wir noch Andre,
122
Die jedoch ob ihres Starrsinns,
123
Den sie den prophet'schen Worten
124
Unsres Ober-Muftithumes
125
Gegenüber sich erfrechten,
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Bis auf Weit'res suspendirt sind.
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Welches Recht, die Götter –
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Ausgenommen nur und
129
Abzusetzen, der Funktionen
130
Sie zeitweilig zu entheben,
131
Wenn sie störrig, eigensinnig,
132
Jedem Ober-Mufti zusteht.«

133
»darf ich mir an Eure Zopfheit
134
Eine Frage wohl erlauben?«

135
»gerne!«

136
»wie ist's möglich, daß Ihr
137
Für so nah verwandte Dinge,
138
Wie die Prügel sind und Keile,
139
Zwei der Götter habt statt Eines?«

140
»nah' verwandt?
141
Und seid nah' daran, den Ketzern
142
Beizutreten, welche eben
143
Unsern
144
Und als schlechte Egoisten
145
Nur den
146
Weßhalb wir sie Ateisten
147
Oder Tibianer nennen.«

148
»euer Zopfigkeit verzeihen,«
149
Sprach ich, »doch es wird von Eurer
150
Mytheologie so dumm mir
151
Als ob (Göthe'n sehr verbessernd)
152
Drei mal drei zelot'sche Rabbi's
153
Und raviate Kirchenväter
154
Tappten in dem Kopf herum mir.«

155
»es soll bald Euch Licht drinn werden,«
156
Lächelte der Mufti, seine
157
Ausgestreckte Sophalage
158
Beibehaltend und sprach also:
159
»zwischen Prügel, Freund, und Keile
160
Ist nach Unserem Begriff hier
161
Ein tieffrommer Unterschied noch.
162
Ateisten-Ketzer auf auch,
163
Ist das rohe, allgemeine,
164
Demokratische, profane
165
Element, sind Püff' und Hiebe,
166
Welche unter
167
Gleichberechtigt, gegenseitig
168
Sich mit Stöcken, Peitschen, Händen
169
Mensch und Thier tagtäglich spenden.
170
Heil'ge Element, mit Einem
171
Worte: ist die
172
Ueber die von Uns und Pampeln
173
Nicht gesetzlich sanctionirten
174
Kleinen Knecht- und Kinderstrafen;
175
Ueber Püffe, Ruthenhiebe,
176
Fußtritte und Katzenköpfe,
177
Kantschu-, Faust- und Backenschläge,
178
Oder höchstens über Tabagieen-
179
Klubb's und Kneipen-Saufereien,
180
Und Casino's-, Harmonieen-
181
Oder Volksfest-Raufereien.
182
Gott der Schlachten,
183
Und so fassen die Teisten,
184
Unsres Tempels guten Schafe,
185
Auch die Prügel auf und nehmen
186
Sie als süße Himmelsstrafe.«

187
»also«, fragt' ich, »die Tibianer
188
Oder Ateisten wollen
189
Prinzipiell nicht Prügel haben?«

190
»nein!« erwiederte der Mufti.
191
»diese unfromm-demokrat'schen
192
Wichte nennen Keile: Keile!
193
Sondern nicht von der gemeinen
194
Unsre höhere. Sie schelten
195
Krieg und Zweikampf: Luxus-Keile,
196
Oder Keile nur im Großen;
197
Leugnen
198
Gegen unsere dictirte
199
Balsam-Prügel, die verlor'ner
200
Ehr' und Tugend Wunden heilet,
201
Nur Diejen'ge anerkennend,
202
Die der Mensch kraft angebor'ner
203
Freiheit selber sich ertheilet.«

204
»eine Frage noch erlaubt mir,«
205
Sprach ich nach erlangter Prügel-
206
Kenntniß, »Eine noch, betreffend
207
Euern Gott der Liebe,
208
Mir fällt's nämlich auf, daß er dem
209
Namen nach ist der verkehrte
210
Liebesgott der Alten:
211
Und so möcht' ich gerne wissen,
212
Ob er anders auch geartet
213
Als der unmoralisch-lose,
214
Kleine, flatterhafte Pfeilschütz?
215
Als der Bringer süßen Schmerzes;
216
Als der himmlisch-holde Schalk
217
Jener großen, ernsten Liebe
218
Die das All schuf und gestaltet,
219
Der, so klein, als größter Heros
220
Ueber alle Wesen schaltet?
221
Als Cupido,

222
»sohn des
223
Hat in unserm Reich mit
224
Wenig oder Nichts zu schaffen.
225
Er ist Knabe noch an Jahren
226
Aber ernster, würd'ger Haltung,
227
Sittig, anstandsvoll gekleidet;
228
Eine Peitsche in der Rechten,
229
Strebt er, Maid- und Jünglingsseele
230
Stets zur Liebe anzufeuern,
231
Auf daß nimmer es an Knechten
232
Unserm theuern Staate fehle
233
Oder, deutlicher, an Steuern.«

234
»also
235
»ja,
236
Freilich! Knabe ist und bleibt er,
237
Denn wenn größer er und älter
238
Würde, könnte er vielleicht ja
239
Sclave werden, wo er herrschte;
240
Könnte er ein Mädchen finden,
241
Dem er weihete sein Leben;
242
Könnt' sich
243
Und dann sein Geschäft aufgeben!«

244
»das heißt: wenn er Eh'mann wäre,
245
Wär' die Liebe nicht sein Reich mehr?
246
Ihr habt hier höchst wunderbare«
247
(wagte ich hinzuzufügen)
248
»ansichten von Eh' und Liebe!
249
Und noch wunderbarer sind,
250
Wie ich leider selbst vor Kurzem
251
Schon erfahren mußte, diese
252
Ansichten manifestiret.
253
Denn sich trauen lassen, heißt hier:
254
Seiner Seele schön're Hälfte
255
Ach! auf immerdar verlieren;
256
Heißt: die Herzerkor'ne, statt in
257
Süßer Eh' mit ihr zu leben
258
Als – ich will's so nennen –
259
Euern Dienern übergeben!«
260
Währenddem ich diese Worte
261
Schmerzbewegt, entrüstet sprach,
262
Hielt der Mufti einen scharfen,
263
Prüfenden Blick auf mich gerichtet,
264
Ließ denselben aber fallen,
265
Als ich ihm mein Haupt zuwandte,
266
Und gab dann mir diese Antwort:

267
»heißt denn, Freund, sich trauen lassen,
268
Nicht bei Euch und überall auch:
269
Die
270
Opfern auf der Frau Gemahlin?
271
Wahre Liebe
272
Himmlischer als irgend einer!
273
Wahre, gegenseitige Liebe
274
Lieb', die Würde, Halt und Glanz sucht
275
Mehr als sie in sich empfindet,
276
Retten wir durch schnelle Trennung,
277
Deren Wunde bald vernarbt ist,
278
Vor dem grausen Schmerz und Elend
279
Zwangvereinigten Entzweitseins.

280
Aechte, wahre Liebe hütet
281
Ihre süße Freiheit besser
282
Als die flücht'ge, die den Titel
283
Sucht und findet, der ihr Schutz giebt. –
284
Hier, Freund, schließt die Liebes-Ehen
285
Wirklich und allein der Himmel,
286
Wirklich und allein Gott
287
Hier bleibt jeder Liebste Liebster!
288
Hier bleibt der Verbindung Myrthe
289
Blühend, wie das Haar auch graut!
290
Hier bleibt von den Liebe-Frauen
291
Jede eine Himmelsbraut!
292
Hier, Freund,
293
Weil man selber sich hier traut!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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