Begräbniß und Kirchhof

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Adolf Glaßbrenner: Begräbniß und Kirchhof (1843)

1
Ein Gelächter, ein Jauchzen! Es lockt mich hinaus,
2
Was seh' ich? Ein Leichenbegängniß!
3
»er hat's überstanden,« so rufen sie aus,
4
»das traurige Daseinsverhängniß!
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Der Sklav, der den Kerker des Lebens verließ,
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Geht ein nun in's ewige Lustparadies,
7
Juchhe! wo die Engel, die holden,
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Uns von unten bis oben vergolden!

9
Wo die Häuser aus funkelndem Edelgestein;
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Wo gebraten die Vögel 'rumfliegen;
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Wo in Strömen von köstlichem, feurigem Wein
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Weißzuckerne Schwäne sich wiegen;
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Wo die seligen Sultane all von Konfekt,
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Und das selige Volk sie beliebig beleckt;
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Wo die Mufti's uns waschen, und Nixen
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Und Feeen die Stiefel uns wichsen!

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Wo als adlige Ritter man wieder begrüßt
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Unsere klügsten, plebegischsten Töffel;
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Wo man Alles, die Luft selbst, die freie, genießt
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Höchst vornehm mit silbernem Löffel!
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Wo man Nektar
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Und Perlen, die köstlichsten, schwitzt, wenn man läuft;
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Wo man Arien singt, wenn man prustet,
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Und Volkshymnen reimt, wenn man hustet!

25
Wo die Dirne Moral uns den Becher kredenzt,
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Kein Genuß von der Lust'gen bedroht ist;
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Wo den ewigen Lenz man durchfaullenzt,
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Und die Arbeit das einz'ge Verbot ist!
29
Wo zwei Magen man, also in einem stets hat
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Appetit, wenn man just in dem anderen satt;
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Wo der einzige Doctor der Schankwirth,
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Und Keiner der Seligen krank wird!«

33
Das war's, was vom Jubelgeschrei ich verstand. –
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Auf dem Kirchhof begruben die Leiche
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Viel Mufti's und machten dabei allerhand
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Narrethei'n und possierliche Streiche.
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Sie heulten und blafften, umtanzten das Grab,
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Ueberhopsten's und warfen Kartoffeln hinab,
39
Und sammelten dann auf 'nem Teller
40
Sich Scudi's ein, Groschen und Heller.

41
Und zum Schlusse verlief die Beerdigungsschaar
42
Sich, den lachenden Erben noch bringend
43
Ein Hoch, ganz wie sie gekommen war,
44
Aufjauchzend, lärmend und singend.
45
Ich aber, ich ging durch den friedlichen Hain –
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Beleuchtet von wunderbar magischem Schein –
47
Und las, was da meldeten Tafel und Stein
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Von den Ruhenden allen, den Lieben,
49
Und hab', was davon mir geblieben
50
Im Ged-enkbuch, hier niedergeschrieben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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