Ein Vernünftiger

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Adolf Glaßbrenner: Ein Vernünftiger (1843)

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Auf der Straße da hört' ich ein wildes Geschrei:
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»ein Vernünftiger! Leute, o seht doch!
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O, über den Spaß! Ein Vernünft'ger! Herbei!
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Jetzt fällt er! Juchhe! Nein, er steht noch!«
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Und da kam man, um dieses Spektakel zu sehn,
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Von nah und von fern her gelaufen,
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Und auch ich, neugierig auf das, was geschehn,
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War bald in dem lustigen Haufen.

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Ich erblickte ein Wesen, mehr Mensch, als Kalb,
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Das dem Fortschritt nicht sonderlich traute
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Und die Welt um sich her sehr blasirt und mit halb
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Aufgeschlagenen Augen beschaute;
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Ein Wesen vom starken Geschlecht, das gelenkt
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Mehr durch höh're, als eigene Macht schien
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Und, den Kopf nach dem Busen hinuntergesenkt,
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Auf Nichts, als auf – gar Nichts bedacht schien.

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Es bewahrte den Ernst sich, den würdigsten, wie
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Sich mehrte auch rings das Gekicher;
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Und, wie es auch wankte und schwankte, sein
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physiologisches Urtheil war sicher:
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Es bezeichnete alle die Gaffenden dort
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Durch ein aus ermatteter Kehle
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Und mit schwerester Zunge gelalletes Wort,
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Durch das sehr injuriöse: »Kameele!«

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Und in dieser Kritik, repetirt oft, da kam
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Ihm der Schlaf an, erschöpfte sein Geist sich!
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Er wollt' auf der Straße zu Bett und benahm
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Einleitend das cynisch und dreist sich!
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Doch genug, denn ich darf die Erkenntniß baß
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Meines irdischen Lesers verhoffen,
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Daß das fragliche Wesen dasselbe war, was
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Auf der Erde man heißet: besoffen.

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Wir ließen's nun schlafen und trollten uns fort;
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Doch als nach verbummelter Stunde
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Der Zufall mich führte zurück an den Ort,
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Da stand in der Gaffenden Runde
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Der Trunk'ne und rief mit dem trübsten Gesicht:
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»o weh' mir, ich fühle mich nüchtern!
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So nüchtern wie Ihr fast, das Anstandsgezücht
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Mit den unzüchtig zücht'genden Züchtern!

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Ihr Philister, gepeinigt, gedrückt und gezwickt
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Durch das längst von dem Geiste Begrab'ne!
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Ihr Sitten-Kameele, Ihr, die Ihr erstickt
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Alles Sittlich-Große, Erhab'ne!
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Verkehrtes Gezücht in dem stinkenden Dust
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Der Gespenster und Götzen erblindet,
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Das mit müffig-muftig-verschimmeltem Wust
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Den Genius, den eigenen, schindet!

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Deß Despot der Betrug und deß Vater der Wahn,
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Und deß zippe Mama Heuchelei ist;
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Das den Unsinn vergöttert, dem die Schönheit profan,
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Das Gemeine der köstlichste Brei ist;
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Dem der frohe Genuß schnapp! weg vor dem Maul
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Von den frechsten Pygmäen geschnappt wird,
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Und das, um sich selbst zu beherrschen zu faul,
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Zu Tode geschützt und gepappt wird!

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Ich
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Ihr seid mir zu fürchterlich nüchtern!
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Und da's leider unmöglich den göttlichen Wein
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In das wäss'rige Haupt
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So will
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Und beseligt mich über Euch schwingen,
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Und versaufen die Nacht und verschlafen den Tag,
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Und um's schnöde Bewußtsein mich bringen!«

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Und damit entfernte er sich und verschwand
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In der
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Und ein hochweiser Bürger, der hinter mir stand,
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Thät folgendes Votum abgeben:
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»es wär' gut, wenn der Mann erst ganz und gar
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Ausschlief, eh' er predigte künftig!
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Lichtblicke, die hatte er wohl, doch er war
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Noch immer ein Bischen vernünftig.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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