Zurück

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Adolf Glaßbrenner: Zurück (1843)

1
Auf so wunderbare Weise nun verehlichet, ging ich
2
Vorschriftsmäßig angekleidet zu dem Sultan. Er emfing mich
3
Nicht mit jener Ehrerbietung, welche Dem geziemt und nett steht,
4
Der als erster Bürger-Diener obenan in dem Budget steht.

5
Nein, als er mich sah, begann er, statt sich fürstlich zu betragen,
6
Ein so allerhöchst abscheulich, toll Gelächter aufzuschlagen,
7
Daß sein Thron, ein goldner Rollstuhl, ohne daß es Pampel wollte,
8
Rundherum ihn, bald nach dieser, bald nach jener Ecke rollte.

9
»deine Uhr,« so rief er lachend, »die bei mir versetzt, versetzt mich
10
In Entzücken. Hi, hi, hi, hi! Nie hat Etwas so ergötzt mich!
11
Diese Uhr – Ihr Kammerherren hört es! – ist ein Meisterstück!
12
Sie geht – ach, mein Bauch! Hi, hi, hi! Sie geht

13
»vorwärts?« schrie'n die Kammerherren. »Vorwärts? Eine Uhr!« und lachten,
14
Daß des Zimmers Palmensäulen alle zitterten und krachten.
15
Und noch stärker ward dies Lachen, als die Edlen sich nun beugten
16
Ueber meine Uhr hin und von ihrem Gang sich überzeugten.

17
»still!« gebot der Sultan endlich. Und nun mußt ich ihm erklären,
18
Daß wir auf der Erde Alle solche Vorwärts-Narren wären,
19
Mußt' ihm schildern, wie wir theilen nach den Licht- und Wärme-Spendern,
20
Mond und Sonne, unsre Zeit ein; wie wir zählen und kalendern.

21
»alles gut bis auf das Vorwärts!« lachte Pumpel-Pampel wieder.
22
»steigt ihr denn vom Berg der Kindheit nicht in's Thal des Grabes
23
Kehrt Ihr nicht
24
Weges, legt Ihr alle Tage denn nicht einen Tag

25
Ist's nicht toll wie Ihr zu leben so hinein in's Nebelgraue!
26
Ohne Zweck und Ziel und Ende so zu zählen in das Blaue!
27
Geht die alte Welt der Schöpfung nicht zurück zum jüngsten Tag?!
28
Tollheit, Tollheit, Euer Vorwärts, wie man's überdenken mag!

29
Wir sind dummer; wir gehn rückwärts. Immer Tausend Jahre schenket
30
Durch der Mufti Hand Gott Ego der Verkehrten Welt und lenket,
31
Unter Beistand seiner Götter, Mufti's, Sultan's und der Edeln,
32
Alle, die vor seinem Standbild jammern, winseln, schrei'n und wedeln.

33
Und am letzten Tag des Jahres I. senkt in der Zeiten Gruft die
34
Tausend abgelebten Jahre unser zopf'ger Obermufti,
35
Und wir stehn dann zitternd, bangend, daß vom Himmel niederfalle
36
Diese Sternwelt und dann plötzlich, wie's das Volk nennt: Allens alle!

37
Doch der zopf'ge Ober-Mufti und die würd'ge Mufti-Rotte
38
Fleht dann brünstiglich zu Ego, unserm Zeit- und Ober-Gotte,
39
Daß er uns noch einmal schenke Tausend Jahre seiner Ehre;
40
Daß er unsern Stern nicht schmeiße aus dem großen Sternenheere.

41
Unsern Stern, auf welchem einzig unter Mill-Trill-Quadrillionen
42
Seiner ächten Lehre Priester, seine ächten Mufti's wohnen;
43
Daß er dieses Sandkorn, das er aus der weiten Welten-Masse
44
Vielfach glorreich ausgezeichnet, nun auch ferner nicht verlasse.

45
Und zuletzt schrei'n alle Mufti's: ›Willst du Tausend Jahr uns schenken?‹
46
Und dann sieht man Ego's steinern Haupt sich langsam niedersenken,
47
Und dann hört man aus dem Munde, der sich öffnet, donnern: ›Ja!‹
48
Und die Mufti's sagen, daß dies Sieben Mal bis jetzt geschah'.

49
Und schon schmücket dies Jahrtausend mit dem höchsten Ehrenkranz sich,
50
Denn wir leben gegenwärtig in dem Jahre Sechs und Zwanzig,
51
Und kannst Du noch so viel Jahre steuerpflichtig Dich erhalten,
52
Siehst Du selbst die furchtbar große Katastrophe sich gestalten.

53
Kurz, so wie die ganze Schöpfung und wir Ego-Kreaturen,
54
Stirbt auch die geschenkte Zeit ab – gehn auch rückwärts unsre Uhren;
55
Geht hier Alles in der Faulheit und des Gleichmuths Ruh' und Glück
56
Täglich einen Schritt zum Grabe, unserm Ziel und Trost,

57
Vorwärtsgehn, selbst wenn es möglich, wäre ja nur höchst verderblich;
58
Machte Sorge, Qual und Eifern und Revolutionssucht erblich;
59
Wandelte die ruh'gen Bürger um in lauter Weltenstürmer,
60
Bis ihr Vorwärts – hi, hi, hi, hi! – auffrißt das Geschlecht der Würmer!«

61
Und von Neuem brach ein hohes, wieherndes Gelächter los,
62
Und als ich nach meiner Uhr sah, fand ich selbst es schon curios,
63
Daß sie, die vom Onkel Hofrath einst in Deutschland ich empfing –
64
So verwirrt war ich geworden durch den Unsinn – vorwärts ging!

65
Ja, ich fand dies Vorwärtsgehen meiner Uhr so widersprechend,
66
Daß ich, in das ausgebrochne Lachen herzlich miteinbrechend,
67
Sie ergriff und Pumpeln-Pampeln – was man hierorts nicht nur
68
Sondern

69
»danke! Danke!« sprach der Sultan und verlangte dann mit Gier
70
Nach den Fünfundzwanzig Scudi's, die ich zahlte, und noch Vier
71
Für die Audienz, die lange, die um Dreizehn Uhr begonnen
72
Und bis jetzt, bis Fünf Minuten vor halb Zwölf sich ausgesponnen.

73
Und nachdem auch diese Leistung Pampels honorirt war, riß mich
74
Ein Lakai, bunt wie ein Stieglitz, zu der Thüre hin und schmiß mich
75
Einem Andern in die Arme, und der weiter, und so weiter,
76
Bis ich aus dem Schloß hinausflog auf die Straße, ich, Ernst

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.