Der Paß-Rath

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Adolf Glaßbrenner: Der Paß-Rath (1843)

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Nachdem die Gräfin mir versetzt
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Dies hohe Lied vom Passe,
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Sprang sie, den eignen in der Hand,
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Hinunter auf die Gasse,
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Und schon nach Zehn Minuten stand
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Vor mir, und artig und galant –
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Das ist doch ein verkehrtes Land! –
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Ein Paß-Rath erster Klasse.

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Bei weitem Katze mehr als Mensch,
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War er doch nicht verwildet,
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Im Gegentheil: ein Gentleman,
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Welt- und Salongebildet.
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Er knickste dreimal, warf sich auf
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Den Divan, den bequemen,
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Und bat auf einer Hütsche mich
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Gefälligst Platz zu nehmen.

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Dann ließ er gnädig sich herab
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Der Gräfin zuzuwinken,
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Daß sie ein Frühstück bringe, aß
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Ein Viertel Pfaffenschinken,
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Ein delikates Herz-Ragout
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Von Adlern und Hyänen,
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Und einen Trüffel-Cacadu
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Und feines Brod und trank dazu
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Fünf Gläser Menschenthränen.

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Und winkte Lotten wiederum,
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Daß sie mit der Serviette
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Ihm schuldigst säubre Kinn und Mund
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Und Brust vom Frühstücks-Fette,
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Und schnitt ihr ein Gesicht dann, ein
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Halb lüsternes, halb frommes,
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Als sie, den Bauch ihm klopfend, sprach:
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»herr Paß-Rath, wohl bekomm' es!«

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Er steckte ihr aus Dankbarkeit
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In's Mäulchen eine Trüffel,
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Und ging dann an das Paßgeschäft,
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Entwerfend mit dem Griffel
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Ein männlich Brustbild, das jedoch
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Im Borsthaar eine Platte,
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Und eine Nase stumpf und breit,
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Und statt des Munds ein rundes Loch,
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Kurz, nicht die kleinste Aehnlichkeit
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Mit mir, dem Schönen, hatte.

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Ich wollte, als er mein Porträt
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Mir zeigte, mich erfrechen,
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Ihm, hinsichtlich des Kunstwerths, mein
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Bedenken auszusprechen,
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Doch ließ sein strenger, ernster Blick
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Kein Tädelchen mich wagen,
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Und ganz bescheid'ne Antwort gab
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Ich jetzt auf seine Fragen:

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Ja, vom edelsten!
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Es ruht im Grab mein's!
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Von der Erde!
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Ich hab' kein's!
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Aller!
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Witz!
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Einen biedern!
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Ernst Heiter!
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Herr von Humor und Liedern!
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Narr unter den Verrückten!
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Ja, treu und brav
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Im Heer der Unterdrückten.
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Ist die Freiheit.
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Nur oben in dem Haare!
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Kein's, doch hab' ich Geld!
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So gegen Vierzig Jahre.

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»jedwede Antwort«, sprach er jetzt,
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Den Paß mir überreichend
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Und mit Beamtenwürde sich
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Den Katzen-Schnautzbart streichend,
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»jedwede Antwort, welche Ihr
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Gegeben, ist Beweis mir,
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Daß Ihr ein dummer Kerl seid, dem,
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Wenn er mit allem Fleiß hier
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Die theuern Steuern zahlt und sich
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Fern hält von allem Denken,
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Der Sultan Pampel sicherlich
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Wird seine Gnade schenken,
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Höchstselbst, wie's hier zu Land Gebrauch
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Auf Euern vielverzeh'rnden Bauch
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Ein Loblied wird verfassen,
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Und Euch zuletzt das Tragen auch
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Des Ordens wird erlassen!«

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Nachdem für sein Vertrauen ich
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Bedankt mich, sprach er weiter:
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»es ist nun meines Amtes Pflicht,
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Herr Unterthan Ernst Heiter« –
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Bei diesen Worten zog er aus
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Die purpurrothen Handschuh' –
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»euch hier mit diesem allerdickst-
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Geflocht'nen Sultans-Kantschu
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So lange durchzuhau'n bis zwei
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Pott Blut von Euch geflossen,
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Die Euch dann werden günstigenfalls,
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Wenn Ihr nicht schreit, notiret als
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Für's Vaterland vergossen.

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Dies wäre, sag' ich, meine Pflicht,
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Doch laß' ich mit mir sprechen,
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Und mich durch landesübliche
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Münzsorten gern bestechen.
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Gesetzt, Ihr fühltet
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Den Kantschu zu genießen,
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Und wolltet Euer Blut
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Für's Vaterland vergießen:
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Ganz gut! Drei Pampelsd'ore mir,
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Sechs meinen Vorgesetzten!
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Bewahre Ego uns, daß wir
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Den Körper Euch verletzten!
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Ja gebt Ihr noch ein Goldstück mehr
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Für unsern Ober-Mufti her,
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So preiset die Bestechung Der
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Und giebt Euch ihretwegen,
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Falls Euch daran gelegen,
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Noch seinen heiligen Segen.«

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Da er nach diesen Worten schon
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Die rechte Hand sich netzte,
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Und in die Amtspflicht-Positur,
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Die drohende, sich setzte,
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Auch mein unritterlicher Sinn
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Das Heil nicht konnte fassen,
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Sich so Staatsimpfen, Thadden-Trie-
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Glaff-Gerlachen zu lassen:
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So nahm ich Abstand schnell von den
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Kantschuigen Staatsstreichen,
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Bat Lotten, Neun Stück Pampelsd'or
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Dem Paß-Rath darzureichen,
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Und schwur dabei dem Ehrenmann
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Bei allen Göttern, daß mir an
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Des Ober-Mufti's Segen
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Durchaus gar Nichts gelegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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