Der Abschied des Sultans

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Adolf Glaßbrenner: Der Abschied des Sultans (1843)

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Seine Excellenz der Kriegs-Rock spießte nun aus einem Fasse
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Mit dem kurzen Kindersäbel eine grüne, essignasse
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Gurke auf und steckte sie zur Hälfte in des Sultans Mund,
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Duckte dann zu seinen Füßen, bellte, blaffte wie ein Hund,
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Sprang dann wieder auf, auf mich los, und befahl mir, stracks ein gleiches
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Hundebellen loszulassen vor dem höchsten Herrn des Reiches,
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Dessen Calabreserhut mit meinem ihm vom Kopf zu schmeißen,
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Und zum Schluß die halbe Gurke ihm vom Mund weg abzubeißen.

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Dieser Cultus-Akt, durch den sich jeder sel'ge Erdensohn,
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Der nach der Verkehrten Welt kommt, unterwerfen muß dem Thron,
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Ich gesteh's, ist eine furchtbar alberne Ceremonie,
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Wie in den civilisirten Staaten unsrer Erde sie –
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Außer als ehrwürdige Sitte, da und dort und dann und wann,
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Oder bei Gelegenheiten – ähnlich

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»nun Du, Fremdling, Dummdummdummer«, sprach der Sultan, »bist geworden,
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Steck ich Dir an Deinen Rücken diesen Pumpel-Pampel-Orden.
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Diesen mußt Du, so ist's Vorschrift, und ich darf Dir's nicht erlassen,
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Tragen wie ein jeder Andre aus den ungereimten Klassen,
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Tragen bis Du Dir erworben irgend ein Verdienst um Mich,
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Und mein Prügel-Rock Dich freispricht öffentlich und feierlich.
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Dann erst darfst Du Dir den Orden ab vom Rücken unten reißen
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Und ihn einem Narren schenken oder auf die Straße schmeißen.«

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Kaum, daß mir am Schlafrock hinten hing das lange Ordensband,
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Hielt der Sultan hin mir seine allerhöchste off'ne Hand.

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»was begehrst Du, Herr?«

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»wie? Bist Du unterrichtet nicht, daß Du die
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Staatsgebühren mir mußt zahlen: Fünfundzwanzig goldne Scudi?
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Allerdings geschieht hier Ales
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Ausgeprägt nicht in verschied'nen Gold- und Silbermünzen wäre,
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Könnte man sie ja nicht richtig nach des Staates Interessen,
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Nicht in ihrem eignen Werthe, nicht nach Rang und Würde messen!
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Ich, der ich die größte Ehre, Drei Millionen Pfund, genieße,
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Was wär' ich, wenn ich auf Worte, statt auf Steuern mich verließe!
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Nein, der Dummdummdummer, Fremdling, ist reeller Realist,
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Und nimmt nur für baare Münze das, was baare Münze ist!
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Zahl' drum die Gebühren!«

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»gerne, doch ich hab' kein Geld zur Hand;
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Nimm hier diese Sultans-Scheine nach dem heut'gen Börsenstand.«

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»sultans Scheine? Diese Lappen? Was? Hältst Du mich für
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Sieh nur, wie mein Hof empört ist über diese Schändlichkeit!
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Solche Scheine haben Werth nur, wenn der Staatsschatz sie muß pumpen
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Und den Bürgern damit zahlen; später sind sie nichts als Lumpen,
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Lumpen, deren Wir, die Edeln, uns aus tiefster Seele schämen,
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Niemals in die Hand, geschweige je als Zahlung an sie nehmen!
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Zahl' die Kosten!«

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»ich erkenne selbige als meine Schuld an
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Und will morgen, nimm mein Wort drauf ....«

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»baare Münze!« rief der Sultan.

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»ich beschwör's bei allen Göttern, hocherhab'ner, pudelnärr'scher
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Sultan, morgen ....«

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»eid und Schwur? Spaß! Baare Münze!« schrie der Herrscher.

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»donnerwetter!« rief ich, »längst schon hättst Du sie, wenn ich sie hätte!«
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»da! nimm meine Repetiruhr mit der langen goldnen Kette
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Als Versatz an und sei sicher, daß ich morgen aus sie löse!«

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Rasch ergriff die Uhr der Sultan, schmeichelnd: »Sei doch nicht so böse!
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Das ist Etwas, ja, das nehm' ich!« Warf sodann sich vor mir nieder
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Plump auf beide Knien und küßte mir den Saum des Schlafrocks wieder;
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Ließ dann von dem Obermufti und vom Kriegs-Rock auf sich heben,
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Und thät mir – was zu erwiedern meine Pflicht war – huldreichst geben,
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Als das vorgeschrieb'ne Zeichen, daß der Actus nun vorüber,
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Einen sehr empfindlich starken, allerhöchsten Nasenstüber.

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Und das Mädchen mit des Sultans jüngstem Wurm, dem General,
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Der just, schreiend, zappelnd, strampelnd, anhub einen Mordscandal,
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Führte wiederum den Zug an all der Hof- und Staats-Personen,
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Die beim Jubelpfiff des Volkes und beim Donner der Kanonen
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Nach dem Pumpel-Pampel-Schlosse, so gelegen ist inmitten
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Der Palais der Adels-Reime, feierlich zurück nun schritten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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