Der Sultan und sein Hof

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Adolf Glaßbrenner: Der Sultan und sein Hof (1843)

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Lotte klopfte; klopfte nämlich, weil man draußen rief: Herein!
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Und es traten das Kindermädchen, das bei Sultans diente, ein,
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Auf dem Arm den jüngsten Prinzen, General der Cavall'rie,
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Eine Hoheit von Acht Wochen, welche ganz abscheulich schrie.

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Erst nachdem das hohe Würmchen lutschbeutlig beruhigt war,
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Reichte Pumpel-Pmapels Magd mir die Visitenkarte dar.

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Zehn Minuten ließ ich höflichst unten im Kartoffelgarten
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Den Beherrscher von Dummdummdumm mit dem Hofgefolge warten.

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Dann schrie Lotte aus dem Fenster. »Mein Gebieter – heda, Sultan!
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Nimmt nunmehro die Visite in Herablassung und Huld an!«

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»schön!« erwiederte der Herrscher und stieg auf zu mir die Treppe.
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Zwanzig Professoren trugen seine lange Purpurschleppe.
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Neben ihm der Ober-Henker (er hieß hier »Gedankenrächer«)
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Seiner dicken Hoheit wedelnd Kühlung mit dem Kuhschwanzfächer.
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Sechszehn Tänzerinnen hielten über ihn den Baldachin,
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All' von reizender Figur und – angekleidet, wie mir schien.
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Fahsionable Bettelmönche gingen Arm in Arm zusammen
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Mit Zehn unentweihten Jungfrau'n: approbirten Hebeammen.
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Ferner folgten Dreizehn Ritter, edel und grundsteuerfrei,
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Sechs die große Pauke blasend, Sieben trommelnd die Schalmei.
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Dann der Leibpfaff der zugleich des Harems oberster Eunuche;
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Dann der Zwerg, der Lustigmacher, mit dem Reichsgesetzesbuche;
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Ferner noch der Koch, der Hofarzt und ein großer Stabstrompeter,
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Kammerherrn und Kammerdiener und ein kleiner Volksvertreter,
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Der, getragen auf den Armen des Ministerpräsidenten,
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Einschlief beim Gesang der andern hohen Diener des Regenten.
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Endlich kamen noch zwei Dutzend Götzen-Pfaffen, Einer feister
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Als der Andre, und zum Schluß ein kugelrunder Kellermeister.

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»fremdling!« sprach zu mir der Sultan, tief und ehrfurchtsvoll sich bückend:
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»deine Ankunft, Mich, den Herrscher, und ganz Dummdummdumm beglückend,
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Sei mit aller Götter Segen hoch von heute an gesegnet,
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Bis zur Zeit, von der verkündet, daß es goldne Scudi's regnet!«

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»möchten sie,« war meine Antwort, »dann so dicht herunterfallen,
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Daß sie, trotz der harten Schale, Deinen Schädel Dir zerknallen!
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Denn es dürften sich so leicht nicht andre Räume finden lassen,
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Die, wie jene Deines Hauptes, so viel goldne Scudi's fassen!«

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Fühlte durch die feine Wendung sich gechmeichelt und gab schmunzelnd
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Mir mit hochhöchsteignen Fingern einen starken Nasenstüber
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Als ein Zeichen seiner Gnade, und ich sprach, da dies vorüber:
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»herr, auf andern Sternen spreizt sich mancher Ochse, manche Kuh,
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Doch auf keinem Sterne, Sultan, lebt solch' großer Ochs wie Du!
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Deine Dummheit überbietet alle Dummheit, die man kennt,
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Selbst die, welche Weisheit, Ordnung, Sitte und Geduld sich nennt.«

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Diese Lobsalm-Uebertreibung, diese tolle, unverbrämte
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Höfisch-freche Lüge, der ich mich im tiefsten Herzen schämte,
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Sie verfehlte ihren Zweck nicht: Pampel klopfte sich den Bauch
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Und (hier höchster Wonne Zeichen) dessen Schattenseite auch;
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Küßte mir den Saum des Schlafrocks, leckte meinen Knebelbart,
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Kurz, that Alles, was ihm vorschrieb Hof und feine Lebensart,
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Und als ihm der Ober-Mufti zurief, daß es nun genug sei,
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Gab er mir noch die Versich'rung, daß auch ich durchaus nicht klug sei;
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Daß auch meine Dummheit, wenn auch keine so erhab'ne, mächt'ge
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Wie die seine, doch zu großen, schönen Hoffnungen berecht'ge.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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