Die Gräfin Lotte

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Adolf Glaßbrenner: Die Gräfin Lotte (1843)

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Morgen war's; der Mond stand hoch im Westen;
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Auf sprang ich vom Federposen-Lager,
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Und stieg schnell in das Champagnerbad,
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Das die Gräfin schon bereitet hatte,
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Welche Lotte von der Lottburg hieß,
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Treu als Magd mir diente und dafür
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Monatlich mir dreißig Scudi zahlte.

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»herr!« sprach sie, mit feinen schwarzen Linnen
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Sich den zarten Körper eifrig reibend,
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Um den meinigen zu trocknen: »Herr!
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Eh' der Ewigkeiten Stunden Eine
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Sechzig der Minuten ausgeathmet;
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Eh' der müde Mond sich noch gelegt hat
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In der Wolkenkissen Purpurlager,
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Und der schöne, finstre Tag heraufkommt:

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Wird die Zwanzig Zehen seiner Füße,
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Unser Land durch ihren Tritt beglückend,
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Sultan Pumpel-Pampel von Dummdummdumm,
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Der Beherrscher aller Dummdummdummer,
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Richten her nach diesem Deinem Stalle,
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Unter der Kanonen Donnerknalle!«

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»kürzer, glaub' ich, gnädige Comtesse,
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Hätten Sie mir dieses melden können,
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Wenn die Denkkraft dieser edeln Stirne
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Meines schönen Hauptes sich nicht irret.
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Doch: ist's wahr, daß Seine Hoheit selber
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Sich höchsteigenfüßig zu bemühen
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Her zu mir die hohe Absicht haben?«

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»herr, es ist so,« gab die Magd zur Antwort:
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»ganz, wie ich durch meine Lippenrose
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Silberklingenden Organs gemeldet.
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Ja, es wird der Sultan von Dummdummdumm
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Deinen Stall betreten, Dich, den Fremden,
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Hier begrüßen und die saure Gurke
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Und den Pampel-Orden dar Dir reichen,
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Wie es dessen Schuldigkeit und Amt ist
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Seit Jahrtausenden, der von den Göttern,
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Wahrhaft konstitutionell zu herrschen
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Ueber die verkehrte Welt, verdammt ist.«

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Also sprechend hatte die Comtesse
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Einen goldnen Frack mit Silberknöpfen,
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Als bequeme leichte Morgenhülle
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Dargereicht mir freundlich, um in solcher
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Nun das leck're Frühstück, das bereit schon,
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Vor des Sultans Ankunft einzunehmen.
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Aber hell auf schlug sie eine Lache,
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Als ich jetzt nach einer Schaale würz'gen
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Kaffee's griff und solchen trinken wollte.

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»nein, bei allen Göttern«, rief sie lachend,
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»solche Huld darf ich Dir nicht erlauben,
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Deiner niedern Gräfin zu erweisen.
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Wie, Du wolltest selber, hi, hi, hi!
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Deine Lippen mit dem Tranke netzen?
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Nein, Herr, das ist Sache Deiner Magd!
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Dir gebührt als Frühstück dieser Rauch!
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Du erquickst Dich an dem kräft'gen Gase,
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Welches, wie du siehst, aufkreiselnd zieht
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In den Schornstein Deiner edeln Nase.«

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Und mich schnuppernd ließ die Gräfin stehen;
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Setzte sich in eine Sammt-Bergère;
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Trank drei Schaalen würz'gen Moccakaffee's,
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Noch durch Zucker, Mandelkuchenschnitte
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Wie durch schönen, fetten Rahm geköstlicht.

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Als ich so auf allerdings bequeme
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Und sublime Art gefrühstückt hatte,
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Hörten wir: »Heil unserm dummen Sultan!«
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Unterbrochen von Kanonendonner,
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Jauchzend auf der Straße unten schreien.

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»eiligst Deinen Frack fort!« rief die Gräfin.
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»wirf den Schlafrock hier, den buntgeblümten,
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Ueber Deines Körpers holde Glieder!
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Dunkle mit dem kecken Calabreser
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Den romant'schen Mondschein Deines Hauptes;
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Leime – da Dir Keiner ist gewachsen –
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Diesen Knebelbart Dir in das Antlitz;
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Stecke Deine Füße in Pantoffeln,
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Und den Dolch hier in den Gurt des Schlafrocks!«

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»wie«, rief ich, »in solcher Kleidung sollt' ich...?«

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»niemand«, unterbrach mich die Comtesse,
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»darf den Sultan anders je empfangen
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Noch sich Seiner dummen Hoheit nahen!
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Wagt' es Einer ohne Calabreser!
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Ohne Dolch und Schlafrock und Pantoffeln,
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Oder bartlos vor ihm zu erscheinen,
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So verurtheilt das Gesetz, o Jammer!
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Ihn: Zehn Jahr lang täglich zuzuhören
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Den Verhandlungen der Ersten Kammer!«

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Eiligst ließ hierauf von meiner Gräfin
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Ich mich putzen und zurecht mich stutzen,
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Und von Allem g'nau mich unterrichten,
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Was die strenge Etikette fordert
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Hier im Reiche der Verkehrten Welt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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