Eine Rundschau

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Adolf Glaßbrenner: Eine Rundschau (1843)

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Die Residenz, in der ich mich befinde,
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Heißt Dummdummdumm, und ist halb Stadt, halb Land,
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Ein bunt Gemisch von Stall und Pallast, ein Gewinde
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Von Gärten, Straßen, Fluß und Feld und Sand;
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Thür, Thor und Fenster bleiben unverschlossen;
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Es zeigen hier die Wesen alle sich,
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Halbmenschen und Halbthiere, öffentlich
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In ihres Lebens Tragödien und Possen,
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In allem Thun und Treiben, gut und schlecht,
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In Arbeit und Gebet und Unterhaltung,
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In ihrem Hassen wie in ihrem Lieben,
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Und einzig nur das öffentliche Recht,
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Die Politik und die Finanzverwaltung,
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Die werden auf das Heimlichste betrieben.

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S'ist Frühlingszeit! Ein rabenschwarzer Schnee
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Fällt pfeifend aus dem grünen Himmel nieder;
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Verklungen sind des Pfauen holde Lieder,
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Die Nachtigall sitzt auf dem Galgen wieder
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Und krächzt der blauen Erde vor ihr Weh.

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Auf hohen Felsen, ganz mit Eis bedeckt,
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Flicht schlittschuhlaufend man die vollen Garben;
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Die Thäler unten haben sich erkeckt
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Zu kleiden sich in schwarzrothgoldne Farben;
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Die Sonne sinkt in Osten nieder, dann
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Erscheint der Mond mit hellen, heißen Strahlen;
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So wird es Tag! Man steckt Laternen an,
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Und wer schon Greis, und nicht verlassen kann
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Sein Zimmer mehr, der muß dafür bezahlen.

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Das Thermometer steht auf Dreiundneunzig –
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Just wie die Staatsanleihe – unter Null!
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Dabei die Damen ohne Unterröcke, einzig
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In einem Kleid von lichtem, leichtem Mull.
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Die Herren gehn im Frack mit rothen Mützen,
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Wie es die gute Sitte hier erlaubt;
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Die Reichen transpirir'n, die Armen schwitzen,
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Doch wischen Beide sich den Schweiß vom Haupt.

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Der Tag ist da mit allen seinen Sorgen;
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Ihr Alphorn bläst von fern die Polizei;
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Die Henne kräht verkündigend den Morgen,
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Im Winkel dort legt schon der Hahn ein Ei;
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Die Hunde putzen sich, die Katzen bellen,
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Die Lerchen brüllen in den Ställen;
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Die Ochsen heulen, fette Kühe schwingen
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Sich jubilirend auf, und in dem Rock von Drill'ch,
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Die vollen Eimer tragend, bringen
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Schon die Geheimenräthe ihre Milch.

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Schimpfend und prügelnd auf die trägen Dohlen,
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Bringt hier der Künstler seinen Mehlsack fort,
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Und viele hundert Esel, schwarz wie Kohlen,
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Umflattern jenen alten Kirchthurm dort.

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Der Cavalier schärft seine blanke Sense
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Und geht zur Arbeit, froh und frisch;
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Es sitzen um den langen Kaffeetisch
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Gespreizte, alte, schnatterhafte Gänse;
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Die plumpen, kugelrunden Tauben grunzen
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Und wälzen sich in koth'ger Gruft;
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Man hört die Magd die Hausfrau 'runterhunzen;
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Der Drescher schimpft den Pächter: fauler Schuft;
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Das gnäd'ge Fräulein buttert hier die Sahne;
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Der Knabe dort schwingt lustig seine Fahne
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Und treibt die holden Schweine in die Luft.

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Der Garten-Rath pflückt von der schlanken Eiche
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Nachtmützen ab, vollsaftig, reif und süß.
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»löscht aus das Licht!« ruft jetzt der vornehm-reiche
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Nachtwächter, drohend mit dem scharfen Spieß.
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Zwei junge Hasen, buntgekleidet, wichsen
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Den Schnauzbart sich, und nehmen ihre Büchsen,
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Vom Hund geladen, schwingen sich auf's Reh
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Und rufen schnarrn'den Nasentons: »Auf Ehre,
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Es wär' Pläsir, wenn heut im Wald von Klee
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Ein schmuckes Jägerchen zu schießen wäre!«

72
Die Jungfrau sitzt auf ihrem Sorgenstuhle
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Mit bleichen Wangen und gefurchter Stirn;
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Die Greise gehn verdrießlich in die Schule,
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Der Jüngling näht und strickt und wickelt Zwirn,
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Und fertigt Hemden und säumt Taschentücher,
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Stickt sich Manchetten, macht sich seinen Zopf –
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Die Frauen reiten, schreiben lange Bücher,
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Und Männer schaffen an dem Suppentopf.

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Gemeine Knechte fahren in der Chaise
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Nach Hofe hin, wie Narren aufgeputzt;
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Der Landrath bringt zu Markte Wurst und Käse,
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Vom langen Weg ermüdet und beschmutzt;
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Dort schleppt sich eine Waschfrau fort auf Krücken,
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Wer sie erblickt, macht seine Reverenz,
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Zieht seinen Hut, krummbuckelt seinen Rücken
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Und nennt das alte Waschweib: Excellenz!

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Jetzt seh' ich, welch ein herrlicher Genuß!
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Die zierlich-reizend freundlichen Gensd'armen!
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Wem sie begegnen, der kriegt einen Kuß,
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Wer ihnen nah' kommt, liegt in ihren Armen!
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Sie sind so sehr beliebt, daß immer nur
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In ihrer Tracht der Sultan darf erscheinen;
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Käm' er je anders, zeigte sich,
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Wie man mir sagte, sicherlich
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Von Enthusiasmus keine Spur,
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Und keine Seele würfe ihn mit Steinen.

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Nun öffnet sich eins jener grauen Klöster
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»zur ew'gen Tugend,« und es tritt heraus
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Ein junger Leierkastenmann, genannt der »Tröster,«
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Der fromme Götzenpriester Sanktus Klaus;
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Ihm folgen betend die Putzmacherinnen
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Im zücht'gen Schleier und Cypressenkranz,
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So ziehn sie nach dem Markt hin und beginnen
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Dort den uralten, heil'gen Polkatanz.

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Die Landarmee in der verkehrten Welt
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Besteht aus Hunderttausend kleinen Knaben,
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Die blutigrothe Uniformen haben,
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Auf Steckenpferden durch die Straßen traben,
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Und in Casernen und in Zelt und Feld
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Verprassen ihrer armen Väter Geld.

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Hier ziehen, ihre Butterbrode schmausend,
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Die kleinen Körper alle kerzengrade,
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Steif und geschnürt, wohl eben gegen Tausend,
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Der Kindertrommel folgend, zur Parade.
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Sie schau'n martialisch hin auf ihre Mütter
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Und auf die Väter in der Gaffer Runde,
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Doch beißen sie nur Brod, und Keinen dieser Ritter
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Verunziert eine Narbe oder Wunde.

120
Es zog seit frühstem Morgen pfeifend schon
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Der elegante Lumpensammler durch die Stadt;
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Jetzt liefert er, was er gewonnen hat,
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Ab an die »Bunte-Lappen-Commission«.
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Dorthin drängt Alles und umringt den Karren,
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Was mehr und wen'ger toll ist und verrückt;
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Es zittern vor Begier Dummdummdumm's Narren,
127
Bis ihren Hintern solch ein Lappen schmückt.

128
Hoch aufgerichtet auf dem Walle geht
129
Das allgemein verehrte Rindvieh promeniren;
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Die alte Edelkuh läßt sich von Kälbern, seht!
131
Großmäul'gen und glotzenäugigen, hofiren,
132
Und auch die junge Kuh, die mit dem Fächer weht,
133
Uebt, hinter ihr, sich schon im Coquettiren,
134
Nimmt knixend an von einem alten, welken,
135
Verliebten Ochsen einen Strauß von Nelken,
136
Und läßt dafür sich ein Glas Milch abmelken.

137
Die Straßen reinigen nun die Rentiers;
138
Hoffräuleins rufen Grünes aus und Eier;
139
Es betteln rings die hungrigen Banquiers,
140
(dem Einen, Rothschild hieß er, schenkt' ich einen Dreier)
141
Der Arzt haut mit dem Stocke, schimpft und flucht
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Auf alle Kranken, fährt nur zu Gesunden;
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Der Fiscus in der Uniform besucht
144
Flinklaufend mit dem Scheersack seine Kunden;
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Es gehen die Minister Haus zu Haus
146
Durch alle Straßen, alle Gassen,
147
Und tragen die Regierungszeitung aus,
148
In der sie für des Bürgers Geld –
149
O, über die verkehrte Welt! –
150
Sich und ihr Treiben täglich loben lassen.

151
Ein Handelsherr, ein aufgeblas'ner, reicher,
152
Löscht seinen Dämpfer »Liebe« an der See,
153
Wirft schwarze importirte Menschen in den Speicher,
154
Männer und Frauen
155
Und exportirt daneben weiße Menschenwaare,
156
Die, hier gedrückt, gemartert und geprellt,
157
Den letzten Fluch flucht und die letzten Jahre
158
Verleben will fern der verkehrten Welt.

159
Dort courbettirt ein eitles Pferd, ein Schimmel,
160
Auf einem wieh'rnden Vollbluts-Lieutenant
161
Vor einer Bayadere, die dem Himmel
162
Schmerzvoll ihr frommes Auge zugewandt;
163
Barmherz'ge Schwestern, wein- und liebesüchtig,
164
Schnauzbärtig und mit Schmarren ruhmbedeckt,
165
Die sitzen vor der Kneipe, kneipen tüchtig
166
Und singen, lang die Beine ausgestreckt.
167
Studenten, die vorbeigehn, halten züchtig
168
Ihr Köpfchen unterm Sonnenschirm versteckt.

169
Hier ehrt man Einen mit des Mordes Brandmal,
170
Dort schleppt man einen edeln Dichter fort;
171
Hier stellt man einen Bürger auf am Schandpfahl,
172
Weil er gehalten streng sein Manneswort;
173
Dort prügelt ihren Prior eine Nonne,
174
Weil er das schöne Kind zu selten küßt,
175
Und hier den alten Grafen dessen Bonne,
176
Weil er Nichts lernt und ungezogen ist,
177
Den Müller dort der weiße Schornsteinfeger,
178
Weil jener ihm die Atlasschuh' beschmiert,
179
Und hier der Autor wüthend den Verleger,
180
Weil dieser ihn zu hoch stets honorirt!

181
Verdammter
182
Schier um uns den Verstand zu rauben!
183
Und hätt ich eh'dem
184
Ich würde Das, was hier geschehen,
185
Mir selber nicht, der ich doch selbst es sah,
186
Geschweige irgend einem Andern glauben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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