Der Schneider, wenn er solo ist

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Adolf Glaßbrenner: Der Schneider, wenn er solo ist Titel entspricht 1. Vers(1843)

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Der Schneider, wenn er solo ist,
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Ist er sehr liberal;
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Da bügelt er Minister auf
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Mit seinem heißen Stahl;
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Da denkt er bei dem Fürstenrock:
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Ach stecktest du darein!
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Durch diese Bürste solltest du
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Sehr bald bekehret sein!
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Drauf Neununddreißig Lappen flickt
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Zusammen er aus Spaß;
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Hängt's seinem Buben um und ruft:
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Welch ein Hanswurst ist Das!
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Heididel, didel, dumm, dumm, dumm!
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So thut er nur allein!
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Doch bücken sie sich krumm, krumm, krumm,
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Wenn sie beisammen sein.

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Der Schuster, hat er doppelt Pech,
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Denkt auch nicht legitim;
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Ach, ruft er, deutsche Tyrannei,
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Hätt' ich dich vor dem Pfriem!
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Was ich bezweckte, wüßt' ich wohl:
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Ich bohrt ihn Dir in's Herz!
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Durch diese Leistung heilte ich
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Das Vaterland vom Schmerz.
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Ein Schuster, der vom Stillstand hört,
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Wichst giftig seinen Drath;
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Bei ihm muß Alles Fortschritt sein,
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Sonst wird er desperat.
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Heididel, didel, dumm, dumm, dumm!
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So thut er nur allein!
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Doch bücken sie sich krumm krumm, krumm,
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Wenn sie beisammen sein.

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Der Hufschmid, hat er Vollblut vor,
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Juckt's ihn schon in der Hand;
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Ja, hätt' ich deinen Adel so,
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Mein armes Vaterland!
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Mit meiner derben Schmiedefaust
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Faßt' ich ihn bei dem Schopf',
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Und zöge seinen Nagel ihm
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Aus seinem leeren Kopf.
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Drauf riß sein großes Maul ich auf
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Und packte seine Bein':
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Wind hat er stets gemacht, nun soll
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Mein Blasebalg er sein!
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Heididel, didel, dumm, dumm, dumm!
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So thut er nur allein!
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Doch bücken sie sich krumm, krumm, krumm,
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Wenn sie beisammen sein.

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Der Tischler, hämmert er am Sarg,
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Denkt an die Bundesnacht;
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Die hat ja unsre Freiheit auch
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In einen Sarg gebracht.
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Wär' dieses schwarze Bett für dich!
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Vier Bretter braucht' ich nur;
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Denn eins vor'm Kopfe hast du schon,
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Du Fürsten-Kreatur!
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Geschlagen hast du stets für uns;
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Noch nie für dich geruht! –
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Drum ungehobelt, ohne Maaß
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Ist gegen dich die Wuth!
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Heididel, didel, dumm, dumm, dumm!
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So denkt er nur allein!
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Doch bücken sie sich krumm, krumm, krumm,
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Wenn sie beisammen sein.

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Der Seiler an dem Festungswall
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Beklagt auch sein Geschick;
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Gern drehte er der Tyrannei
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Als Halsband seinen Strick.
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Die Demagogen, eingesperrt
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Dort oben, jammern ihn;
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Mit Freuden gäb' er's längste Seil
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Den Edlen zum Entfliehn!
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Sie haben, denkt er, nur gewollt,
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Was uns versprochen ward;
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Doch ist, sein Wort zu halten, nur
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Der Ehrenmänner Art!
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Heididel, didel, dumm, dumm, dumm!
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So denkt er nur allein!
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Doch bücken sie sich krumm, krumm, krumm,
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Wenn sie beisammen sein!

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Der Setzer, der die Zeitung setzt,
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Treibt auch Allotria:
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Spricht man vom deutschen Bundestag,
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Nimmt er für's B ein H.
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Von großen Mächten liest er wohl,
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Doch macht er Nächte draus;
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Aus Metternich wird Mitternacht,
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Aus Czaaren-Czäärenhaus!
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Aus Redaktion wird Reaction
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Des offiziellen Blatt's;
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So drückt' er seine Meinung aus,
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Blos durch den falschen Satz.
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Heididel, didel, dumm, dumm, dumm!
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So thut er nur allein!
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Doch bücken sie sich krumm, krumm, krumm,
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Wenn sie beisammen sein!

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Dem Bauer, wenn das Land er pflügt,
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Fällt manche Thräne drauf:
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Mir buckeln sie für meinen Schweiß
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Die meisten Lasten auf!
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Hätt' ich nur die Regierungsherrn
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Wie dieses lange Gras!
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Ich mähte sie; für's liebe Vieh
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Wär' eine Freude das!
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Dann dienten später sie dem Land
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Als ordentlicher Mist;
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Dann ständ' es besser um Uns All',
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Als wie's anjetzo ist!
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Heididel, didel, dumm, dumm, dumm!
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So denkt er nur allein!
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Doch bücken sie sich krumm, krumm, krumm,
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Wenn sie beisammen sein!

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Ei, lieber Deutscher, merke dir's,
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Ein weiser Rechner spricht's:
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Stark sind die Menschen im Verein;
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Der Einzelne kann Nichts!
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Ein Tropfen ist dein Wille nur,
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Du selber bist ein Tropf:
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Doch mächtig seid ihr wie das Meer,
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Schaart ihr euch Kopf an Kopf. –
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Was ihr dann wollt, das ist geschehn,
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Dann seid ihr froh und frei;
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Dann ist es mit der ganzen Noth
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Des Vaterlands vorbei!
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Heidideldomm! Juchheissassa!
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Dann ist die Noth vorbei!
127
Juchheissa, heissa, Hopssassa!
128
Dann sind wir froh und frei!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Glaßbrenner
(18101876)

* 27.03.1810 in Berlin, † 25.09.1876 in Berlin

männlich, geb. Glassbrenner

deutscher Humorist und Satiriker (1810–1876)

(Aus: Wikidata.org)

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