Das Glück eines guten Gewissens

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Christian Fürchtegott Gellert: Das Glück eines guten Gewissens (1742)

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Besitz ich nur
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Ein ruhiges Gewissen:
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So ist für mich, wenn andre zagen müssen,
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Nichts Schreckliches in der Natur.

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Dies ist mein Teil!
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Dies soll mir niemand rauben.
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Ein reines Herz von ungefärbtem Glauben,
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Der Friede Gottes nur ist Heil.

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Welch ein Gewinn,
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Wenn meine Sünde schweiget;
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Wenn Gottes Geist in meinem Geiste zeuget,
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Daß ich sein Kind und Erbe bin!

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Und diese Ruh,
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Den Trost in unserm Leben,
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Sollt ich für Lust, für Lust der Sinne geben?
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Dies lasse Gottes Geist nicht zu!

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In jene Pein,
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Mich selber zu verklagen,
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Der Sünde Fluch mit mir umher zu tragen;
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In diese stürzt ich mich hinein?

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Laß auch die Pflicht,
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Dich selber zu besiegen,
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Die schwerste sein! Sie ist's; doch welch Vergnügen
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Wird sie nach der Vollbringung nicht!

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Welch Glück! zu sich
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Mit Wahrheit sagen können:
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Ich fühlt in mir des Bösen Lust entbrennen;
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Doch, Dank sei Gott! ich schützte mich.

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Und welch Gericht!
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Selbst zu sich sagen müssen:
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Ich konnte mir den Weg zum Fall verschließen;
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Und doch verschloß ich mir ihn nicht.

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Was kann im Glück
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Den Wert des Glücks erhöhen?
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Ein ruhig Herz versüßt im Wohlergehen
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Dir jeden frohen Augenblick.

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Was kann im Schmerz
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Den Schmerz der Leiden stillen;
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Im schwersten Kreuz mit Freuden dich erfüllen?
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Ein in dem Herrn zufriednes Herz.

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Was gibt dir Mut,
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Die Güter zu verachten,
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Wonach mit Angst die niedern Seelen trachten?
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Ein ruhig Herz, dies größre Gut.

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Was ist der Spott,
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Den ein Gerechter leidet?
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Sein wahrer Ruhm! Denn wer das Böse meidet,
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Das Gute tut, hat Ruhm bei Gott.

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Im Herzen rein,
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Hinauf gen Himmel schauen,
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Und sagen: Gott! du Gott, bist mein Vertrauen!
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Welch Glück, o Mensch, kann größer sein?

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Sieh, alles weicht,
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Bald wirst du sterben müssen.
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Was wird alsdann dir deinen Tod versüßen?
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Ein gut Gewissen macht ihn leicht.

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Heil dir, o Christ!
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Der diese Ruh empfindet,
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Und der sein Glück auf das Bewußtsein gründet,
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Daß nichts Verdammlichs an ihm ist!

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Laß Erd und Welt,
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So kann der Fromme sprechen,
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Laß unter mir den Bau der Erde brechen!
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Gott ist es, dessen Hand mich hält.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Fürchtegott Gellert
(17151769)

* 04.07.1715 in Hainichen, † 13.12.1769 in Leipzig

männlich, geb. Gellert

Philosoph der Aufklärung, deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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