Der Kampf der Tugend

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Christian Fürchtegott Gellert: Der Kampf der Tugend (1742)

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Oft klagt dein Herz, wie schwer es sei,
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Den Weg des Herrn zu wandeln,
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Und täglich seinem Worte treu,
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Zu denken und zu handeln.
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Wahr ist's, die Tugend kostet Müh,
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Sie ist der Sieg der Lüste;
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Doch richte selbst, was wäre sie,
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Wenn sie nicht kämpfen müßte?

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Die, die sich ihrer Laster freun,
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Trifft die kein Schmerz hienieden?
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Sie sind die Sklaven eigner Pein,
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Und haben keinen Frieden.
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Der Fromme, der die Lüste dämpft,
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Hat oft auch seine Leiden;
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Allein der Schmerz, mit dem er kämpft,
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Verwandelt sich in Freuden.

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Des Lasters Bahn ist anfangs zwar
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Ein breiter Weg durch Auen;
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Allein sein Fortgang wird Gefahr,
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Sein Ende Nacht und Grauen.
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Der Tugend Pfad ist anfangs steil,
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Läßt nichts als Mühe blicken;
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Doch weiter fort führt er zum Heil,
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Und endlich zum Entzücken.

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Nimm an, Gott hätt es uns vergönnt,
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Nach unsers Fleisches Willen,
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Wenn Wollust, Neid und Zorn entbrennt,
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Die Lüste frei zu stillen;
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Nimm an, Gott ließ den Undank zu;
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Den Frevel, dich zu kränken;
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Den Menschenhaß: was würdest du
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Von diesem Gotte denken?

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Gott will, wir sollen glücklich sein,
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Drum gab er uns Gesetze.
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Sie sind es, die das Herz erfreun,
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Sie sind des Lebens Schätze.
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Er redt in uns durch den Verstand,
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Und spricht durch das Gewissen,
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Was wir, Geschöpfe seiner Hand,
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Fliehn, oder wählen müssen.

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Ihn fürchten, das ist Weisheit nur,
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Und Freiheit ist's, sie wählen.
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Ein Tier folgt Fesseln der Natur,
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Ein Mensch dem Licht der Seelen.
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Was ist des Geistes Eigentum?
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Was sein Beruf auf Erden?
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Die Tugend! Was ihr Lohn, ihr Ruhm?
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Gott ewig ähnlich werden!

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Lern nur Geschmack am Wort des Herrn
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Und seiner Gnade finden,
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Und übe dich getreu und gern,
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Dein Herz zu überwinden.
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Der Kräfte hat, wird durch Gebrauch
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Von Gott noch mehr bekommen;
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Wer aber nicht hat, dem wird auch
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Das, was er hat, genommen.

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Du streitest nicht durch eigne Kraft,
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Drum muß es dir gelingen.
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Gott ist es, welcher beides schafft,
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Das Wollen und Vollbringen.
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Wenn gab ein Vater einen Stein
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Dem Sohn, der Brot begehrte?
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Bet oft; Gott müßte Gott nicht sein,
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Wenn er dich nicht erhörte.

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Dich stärket auf der Tugend Pfad
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Das Beispiel selger Geister;
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Ihn zeigte dir, und ihn betrat
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Dein Gott und Herr und Meister.
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Dich müsse nie des Frechen Spott
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Auf diesem Pfade hindern;
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Der wahre Ruhm ist Ruhm bei Gott,
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Und nicht bei Menschenkindern.

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Sei stark, sei männlich allezeit,
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Tritt oft an deine Bahre;
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Vergleiche mit der Ewigkeit
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Den Kampf so kurzer Jahre.
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Das Kleinod, das dein Glaube hält,
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Wird neuen Mut dir geben;
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Und Kräfte der zukünftgen Welt,
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Die werden ihn beleben.

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Und endlich, Christ, sei unverzagt,
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Wenn dir's nicht immer glücket;
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Wenn dich, so viel dein Herz auch wagt,
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Stets neue Schwachheit drücket.
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Gott sieht nicht auf die Tat allein,
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Er sieht auf deinen Willen.
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Ein göttliches Verdienst ist dein!
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Dies muß dein Herze stillen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Fürchtegott Gellert
(17151769)

* 04.07.1715 in Hainichen, † 13.12.1769 in Leipzig

männlich, geb. Gellert

Philosoph der Aufklärung, deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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