Im Schweiße meines Angesichts

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Im Schweiße meines Angesichts Titel entspricht 1. Vers(1761)

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Im Schweiße meines Angesichts
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Will ich mein Brod genießen,
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Und meine Wassersuppe; nichts
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Soll mich dabey verdrießen!
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Nicht dies, daß unter Gottes Fluch
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Nicht alle Menschen schwitzen!
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Nicht dies, daß Menschen, faul genug
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Sich ansehn, stille sitzen,

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Und thun, als wären sie gemacht
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Ohn' einen Fuß zu rühren,
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Mit ihrer bunten Kleiderpracht
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Die Erde zu verzieren;
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Und sehn, aus ihrem Schlafgemach,
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Nur Mittagssonne scheinen;
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Sehn arme Waisen weinen, ach!
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Und ohne mit zu weinen!

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Und sehen Thränen in den Fleiß
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Des armen Manns sich mischen;
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Und sehen täglich seinen Schweiß,
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Und ohn' ihn abzuwischen!
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Und sehen, daß er wie ein Thier
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Sich fast zu Tode quälet;
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Nur dieses will ich, daß es mir
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An keiner Arbeit fehlet.

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An Arbeit fehlen muß es nicht,
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Sonst muß er betteln gehen,
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Der Mann, in dessen Angesicht
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Die Schweißestropfen stehen!
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Er muß! – Er krümmt und windet sich
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Vor eine Thür zu treten,
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Und
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Zu singen, und zu beten.

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Er muß! Er geht von Haus zu Haus,
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Ein Tagewerk zu finden;
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Scharf sucht er; Ungeduld bricht aus,
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Sein Hunger keimet Sünden.
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Er findet keins. Er muß! ach Gott,
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Er muß, ein Bettler, gehen,
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Muß laufen, um ein Stückchen Brodt
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Die Herzen anzuflehen.

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Und welche Herzen? Hart wie Stein,
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Wie Felsen! ach, ihr Christen!
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Daß viele doch, nicht hart zu seyn,
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Ihr Brod erbetteln müßten;
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Nur einen Tag! sie würden sehn,
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Daß Menschenliebe fehlet,
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Und, daß sein bißchen Brod erflehn
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Die ganze Seele quälet!

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Die ganze Seele! Kummer liegt
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Auf ihr! Von Leibesnöthen
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Wird sie bestürmt, wird sie besiegt,
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Und – ach! die Seele tödten
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Wird der von Hunger matte Leib;
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Sich helfen, und sich rathen,
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Will er, und kan nicht; Kind und Weib
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Reißt ihn zu Missethaten!

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Ach Gott! behüte, großer Gott,
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Daß ich es nicht erfahre!
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Gieb, daß ich mir mein täglich Brod
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Erwerbe, daß ich spare,
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So viel ich kan, für Weib und Kind
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Und mich, wenn ich erkranke;
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Damit, wenn böse Tage sind,
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Ich dann auch dir noch danke,

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Für die Erlassung meiner Schuld
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Ach! ich, ein armer Sünder!
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Erflehend Langmuth und Geduld
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Für mich und meine Kinder,
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Und alle Menschen! Gott ist gut,
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Ist Vater, ist Erbarmer!
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Uns alle hört er! Böses thut
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Ein reicher, und ein armer,

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Ein weiser und ein dummer Christ;
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Gott leitet es zum Guten!
75
Wenn ein Tyrann im Harnisch ist,
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Und Unterthanen bluten,
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Auch da lenkt er den rothen Bach
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Des Blutes, eine Krümme,
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Der guten großen Absicht nach,
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Nicht im Tyranen-Grimme.

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Die Menschen, reich und arm, glaub' ich,
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Sind alle meine Brüder,
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Sind, all' in einer Kette, sich
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Des großen Staates Glieder,
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Zu dessen Wohlseyn jedes führt,
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Dies viel, und jenes wenig,
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Den oben unser Gott regiert,
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Und unten unser König!

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In diesem Staat bin ich vergnügt,
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Mir lächelt jeder Morgen;
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Ich singe mein:
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Und lasse beyde sorgen!
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Gott giebt dem Armen seine Zeit,
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Dem Reichen seine Mittel,
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Dem Ritter sein besetztes Kleid,
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Dem Bauer seinen Kittel!

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Und seinen Kittel nicht einmal
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Dem Sklaven, der, gedrücket
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Zu schwerer Arbeit, Noth und Qual,
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Zum Himmel Seufzer schicket.
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Er nahm zum Erbe der Natur
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Kein Blut der Purpurschnecken!
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Er seufzet, seine Blöße nur
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Mit Lumpen zu bedecken!

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Mit Lumpen nur, mit Lumpen, ach!
106
Ihr Reichen könnt ihr sehen,
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Ihn, euren Bruder, alt und schwach,
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In seiner Blösse gehen?
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Aus solcher Blöß' erzeugen sich
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Des Todes böse Seuchen,
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Und dann ersterben jämmerlich
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Die Armen sammt den Reichen!

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Die Reichen alle mögen sich
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In Gold und Seide kleiden,
115
Und schmausen; Christen, sie will ich,
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Ich Armer, nicht beneiden.
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Sie mögen ohne Leibesnoth
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In Erdenfreuden leben;
119
Nur, ihre Herzen rühre Gott,
120
Daß sie uns Arbeit geben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

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