Siegeslied nach der Schlacht bei Lissa

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Siegeslied nach der Schlacht bei Lissa (1757)

1
Im allerhöchsten Siegeston,
2
Mehr Psalm als Siegeslied;
3
Stolz, wie der Feind, eh' er geflohn,
4
Bescheiden, wie er flieht;

5
Stolz, aber minder stolz als er,
6
Beim Glück in seinem Krieg;
7
Fürtrefflich, nicht fürtrefflicher,
8
Als der erfochtne Sieg.

9
Stark, wie der Krieger, welcher schlug;
10
Sanft, wie der Friede doch;
11
Hoch, wie des Adlers Sonnenflug,
12
Voll Gottes Wunder, hoch!

13
Erhaben, wie des Helden Geist,
14
Der Überwinder ist;
15
Wahr, daß selbst Feind den Sänger preist;
16
Gott dankend, wie ein Christ;

17
Kühn, wie ein Löwe um sich schaut,
18
Im königlichen Gang;
19
Wie kriegrische Trompete laut,
20
Erschalle mein Gesang!

21
Denn überwunden ist der Feind,
22
In Staub ist er gelegt,
23
Verherrlicht steht der Menschenfreund,
24
Der Gottes Rache trägt;

25
Gebändiget das stolze Wien,
26
Gestürzt in dunkle Nacht;
27
Und, Brüder! Gott hat Sieg verliehn,
28
Dem Rechte, nicht der Macht.

29
Drum singet herrlichen Gesang;
30
Wien zittere darob!
31
Triumph! dem großen Gott sei Dank,
32
Dem großen

33
Ein Starker, ein Allmächtiger
34
Gewann für ihn die Schlacht.
35
»als Rächer will ich, sprach der Herr,
36
Zertreten ihre Macht.

37
Mein Donner soll auf ihren Kopf
38
Hart treffen; fressend Schwert
39
Soll ihn zerspalten, daß der Zopf
40
Des Haars zurücke fährt!

41
Vernichten will ich ihren Bund;
42
Würgengel, steig herauf!
43
Nimm, Hölle, nimm in deinen Schlund
44
Die Scharen Toten auf!

45
Warum verschmäh'n in stolzer Pracht,
46
Der Erde Fürsten mich?
47
Verlassen sich auf ihre Macht,
48
Stehn wider

49
Sind seiner großen Seele feind,
50
Die ich in ihn gelegt?
51
Und machen, daß der Menschenfreund
52
Gezwungen Waffen trägt?

53
So trag er meine Rache dann,
54
Und strafe sie!« – So sprach
55
Der Herr; sein Himmel hört es an,
56
Sein Donner sprach es nach.

57
Und
58
Und neuer Weisheit voll,
59
Betrübt, daß er des Menschenbluts
60
Nicht schonen kann, nicht soll.

61
Was, Brüder, that er in der Nacht,
62
Indem er dem Genuß
63
Der Ruh' entsagte, nach der Schlacht?
64
Er faßte weisen Schluß.

65
Den Feind bei Roßbach, den sein Arm
66
Berührte mehr, als schlug,
67
Fast zu barmherzig; und den Schwarm
68
Der Hofrats-Waffen trug;

69
Der, armes Sachsen, dein Barbar,
70
(verwüstung zeichnet ihn,)
71
Nicht aber dein Erretter war – –
72
Den, Brüder, ließ er fliehn!

73
Vor uns ging er von Roßbach ab,
74
Vor ihm ging Schrecken her!
75
Den Tag, den er uns Ruhe gab,
76
Den hatten wir, nicht er!

77
Er geht auf seiner Heldenbahn
78
Unaufhaltsam; er geht
79
So fort, als hätt' er nichts gethan,
80
Bis er am Ende steht.

81
Wir trafen ihn bei Großenhain,
82
Und hörten, vor ihm her,
83
Den Flüchtigen um Leben schrein.
84
Er gab ihm Leben; Er!

85
Der
86
Des Krieges Greuel trug,
87
Den, Brüder, sahn wir alle fliehn,
88
Daß ihm das Herze schlug.

89
Auch war mit seiner Heldenschar,
90
Held
91
Er kam davon, die Ursach war,
92
Er lief, wir mußten gehn.

93
Wir kamen ohne kleinen Krieg,
94
Denn
95
Wir kamen, singend unsern Sieg,
96
Bei unsern Brüdern an!

97
Da wallete der Helden Blut,
98
Zu sehn den Menschenfreund!
99
Da war ihr Auge lauter Glut,
100
Und suchte seinen Feind!

101
Den fanden wir sonst allezeit
102
Auf hohem Felsensitz,
103
In Lagern blöder Sicherheit,
104
Umschanzet mit Geschütz!

105
Was half, Collin! dem Grenadier
106
Sieghafter Helden Mut?
107
Zu mutig, Brüder, gaben wir
108
Gebirgen unser Blut!

109
Jetzt aber wurden wir verlacht,
110
Und, stolz auf ihre Zahl,
111
Beschlossen sie zum Feld der Schlacht,
112
Blachfeld das erste Mal.

113
Zu feiern großes Siegesfest,
114
Zu Wien beschlossen sie;
115
Hum! sagte
116
Ist unser, morgenfrüh!

117
Brach auf mit seinem großen Heer,
118
Das in Gedanken schlug;
119
Schwarz zog es drohender einher,
120
Als Donnerwolkenzug;

121
Bis es mit Sonnenuntergang
122
Sich ruhig niederließ,
123
Und
124
Die Pfeifer blasen hieß.

125
Da stützte mit der Rechten sich,
126
In stolzer Siegesruh,
127
Die ungeheure Last auf dich,
128
Du kleines Niepern du!

129
Du aber, Golau! zittertest
130
An ihrer linken Hand,
131
Als, Tages drauf, der kleine Rest
132
Dir gegenüber stand!

133
Denn fortgebracht durch Kriegesschritt,
134
Eh, als sie sichs versah,
135
Stand er, er stand mit starkem Tritt,
136
In langer Mauer da!

137
Welch hoher wunderbarer Glanz,
138
Uns allen wunderbar,
139
Erfüllte da die Gegend ganz,
140
Wo der Gesalbte war!

141
Wo Er, der Geist von unserm Heer,
142
Anordnete die Schlacht,
143
Sah, wo zu überwinden wär',
144
Mit kleiner, große Macht.

145
Starr mit den Augen stand der Feind,
146
Als er ihn sah, wie wir;
147
Was war es? Schwebte, Menschenfreund,
148
Ein Engel über dir?

149
War er im Wetter des Gefechts
150
Dein Engel? Schützt er dich?
151
Dich, Lust des menschlichen Geschlechts!
152
Dich, unsern

153
Hat er dein großes Herz erfüllt,
154
Mit weiser Tapferkeit?
155
Wie? oder war, im Glanz gehüllt,
156
Gott selbst mit dir im Streit?

157
Ein Wunder aller Augen war,
158
Als wir dich wieder sahn,
159
Daß tausend schreckliche Gefahr,
160
Dir,

161
Zehntausend Donner brachen los,
162
Zehntausend folgten nach;
163
Groß war des Todes Ernte, groß!
164
Laut, tausend Weh und Ach!

165
Uns schreckte fürchterlich Geschütz;
166
Du führtest uns darauf!
167
Nicht Donnerschlag, nicht roter Blitz,
168
Hielt deine Helden auf.

169
Auch folgt' uns in Gefahr und Streit,
170
Dein
171
Zu sterben,
172
Den Tod fürs Vaterland!

173
Wie schwarzer Todesengel Schar,
174
Flohn Helden, deren Amt
175
Befehl an uns zu bringen war,
176
Die Augen, wie geflammt.

177
Ein Wort, so thaten Roß und Mann,
178
Das ganze Todeswort!
179
Griff donnervolle Schanzen an,
180
Schlug deine Feinde fort!

181
Grausame kriegerische Lust,
182
Zu töten, war noch nicht
183
Gekommen sonst in unsre Brust,
184
Getreten ins Gesicht.

185
Jetzt aber,
186
Nicht Herz, wir hatten Wut;
187
Wir sahn den Feind mit Mordbegier,
188
Und dürsteten sein Blut!

189
Wir stampften Totenvolles Feld,
190
Zu haben blutgen Sieg!
191
Warum empört die ganze Welt,
192
Sich wider dich in Krieg?

193
Wir brannten alle Feuerrot,
194
Hoch hob sich unser Herz!
195
Wir waren alle lauter Tod,
196
Und Tod war unser Scherz.

197
Zu rächen jeden Tropfen Blut,
198
Der unter
199
War alles Feuer, schäumte Wut,
200
Schnob Rache Mann und Roß!

201
Unmenschlich gaben wir nicht mehr
202
Dem Bitten und dem Flehn
203
Der Knieenden vor uns Gehör,
204
So schnell es sonst geschehn!

205
Wir holten auf der schnellen Flucht
206
Des Feindes Fersen ein!
207
Warum war er voll Siegessucht?
208
Gestrafet mußt er sein!

209
Nicht Tiger, menschliches Geschlecht,
210
Glühn wider sich, wie du!
211
Wir, Menschen, riefen im Gefecht:
212
Sterbt Hunde! Menschen zu.

213
Doch Kriegesmuse! singe nicht
214
Die ganze Menschenschlacht;
215
Brich ab das schreckliche Gedicht,
216
Und sag: Es wurde Nacht!

217
Und sage:
218
Dacht einsam: »Großer Sieg,
219
Berede doch die ganze Welt,
220
Zu endigen den Krieg;

221
Weil Gott mir sichtbar hilft, mein Heer
222
Durch ihn die Schlacht gewinnt,
223
Und Völker, wie der Sand am Meer,
224
Ihm Spreu im Winde sind!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.