27. Die Rose, die Rebe, der Distelkopf und Jupiters Adler

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: 27. Die Rose, die Rebe, der Distelkopf und Jupiters Adler (1761)

1
Jedwedes Wesen war begabt mit Wissenschaft
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Damalen, als die Welt die anerschaffne Kraft
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Noch hatte; die Vernunft war, sagt man, eingesessen
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Im Menschen und im Tier, in Pflanzen, die wir essen,
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In allem Lebenden bis auf die Milbe! dumm
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War noch kein Menschenkopf, noch keine Blume stumm!

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O schöne, schöne Zeit! von welcher ist zu lesen
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In einem schönen Buch: Ein Garten sei gewesen,
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Und eine Rose, schön, wie's keine jetzt noch ist;
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Ei! hätte die gesagt zur Rebe: du, du bist
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Bei weitem nicht so schön, als ich bin; ich beklage
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Dich arme Rebe! Du, das liegt am hellen Tage,
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Bist ungeholfen Nichts! bist elend, jämmerlich;
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Der Mensch macht
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Giebt eine Stütze dir, macht, daß du dich kannst schlingen
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Um einen Platanus, auf welchem Vögel singen;
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Du, Rebe, deren Blüt' erlesnen Balsamduft
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Weit um sich her nicht geußt in dünne Sommerluft,
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Du lägst, hälf' er dir nicht, zu deiner großen Schande,
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Verworfen, schmutzig, kalt und kröchst vor uns im Sande!

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Hingegen ich, mein Kind! ich, also wunderschön,
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Daß aller Augen sich an mir nicht müde sehn,
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Ich Blumenkönigin, ich, so von Gott erschaffen,
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Ich steh' in eigner Kraft, und, mitten unter Waffen!
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Kömmt nun ein schöner Tag, sieh! dann brech' ich hervor
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Mit meinem Sonnenglanz! Dem ganzen Blumenchor
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Weich' ich nicht aus, ich bin die Mörderin, ich töte
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Was schön ist um mich her, bis auf die Morgenröte!
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Wenn eine junge Braut dem Mann, dem Bräutigam
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In ihrer Ehrenzucht und jungfräulichen Scham
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Gefallen will, dann muß, an Tafeln und in Tänzen,
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Ich Blumenkönigin an ihrem Busen glänzen!

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Nur einen kleinen Wert hast dennoch gegen mich
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Du so vergängliche! sagt da die Rebe; dich,
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Kaum aufgebrochne, stößt, und alle deine Glieder,
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Aus ihrem Sein in Nichts ein Hauch des Windes nieder;
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Dein Leben ist so kurz, o Schwesterchen! man sieht
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In einem Tage dich schön blühend und verblüht;
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Die Schönheit steht bei dir, du streitest und du siegest!
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Ja! wenn, so schön du bist, du schöne Früchte trügest,
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Dann wärst du
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Wärst schön – und nützlich auch, wie meine Trauben sind

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Ein dicker Distelkopf, ein Auswurf aus der Erde,
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Hört an die Reden, spricht: Ihr Schwätzer, schweigt! ich werde
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Mit euch nicht streiten, ich, der Freimann, der gepflegt
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Zu werden nicht bedarf, den jeder Boden trägt!
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Ihr Sklaven! eure Frucht und eure Blüte dienet
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Dem Menschen, der euch pflanzt; ihr wachset, blühet, grünet,
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Weil ihr die Sklaven seid, die, keiner Freiheit hold,
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Nur glänzen, ihr, im Dienst, wie Silber oder Gold!
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Nach eurem Schimmerglück werd' ich gewiß nicht trachten,
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Ihr Menschendiener ihr! euch kann ich nur verachten!

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Schweig! o du Distelkopf, verwegner Lästrer, still!
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Der muß vollkommen sein, der alles tadeln will!
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Rief aus der hellen Luft ein Adler, der vom Throne,
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Des hohen Jupiters geflogen kam; o schone
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Der Worte, Lästrer, du! o du, der frei nicht ist,
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Du Sklave, der du nur des Esels Speise bist!
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Ich lehre – kaum bist du der Lehre würdig – höre,
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Du Rose! Rebe du! nur euch geb' ich die Lehre:

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»der Schöpfer, der uns schuf, gab jeglichem sein Teil,
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Zu helfen überall zum allgemeinen Heil!
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Und alles, was er will, kann er Geschöpfen geben,
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Geruch und süßen Saft den Rosen und den Reben!
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In jeder Eigenschaft strahlt seine Güte weit
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In seinem Reich, und ihm blieb die Vollkommenheit!«

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Gelaßner sprach er dies, als was der arme Tropf,
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Der Herr mit dickem Kopf,
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Anhören mußte; saß bei Reb' und Rose, zog
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Der Rose Wohlgeruch sanft ein, mit starken Zügen,
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Flog wieder auf zum Thron des hohen Gottes, flog,
72
Und Ros' und Rebe

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

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