22. Der Fischreiger

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: 22. Der Fischreiger (1761)

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Am Ufer eines Bachs, auf einer Wiese, ging
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Ein alter Reiger, still, auf langen dürren Beinen,
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Mit langem Hals, an dem ein langer Schnabel hing.
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Des Bachs Gewässer floß auf harten Kieselsteinen,
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Bergab, mit angenehmem Schall,
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Durchsichtig wie Krystall,
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Und stand dann wieder tief. Vom Himmel ohne Wolke
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Fiel warmer Sonnenstrahl
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Auf seine Fläche, drang zum kalten Wasservolke;
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Lockt es herauf, in Haufen ohne Zahl;
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Es letzte sich, war guter Dinge;
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Stieg auf und machte frohe Sprünge
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Am warmen Sonnenstrahl!

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Herr Reiger, wie so faul? Schnappst du denn nicht einmal
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Mit deinem langen Schnabel zu,
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Zu holen einen Hecht? Du Fauler, wartest du
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Auf einen Karpfen? Ei! wie wird es dich gereu'n!
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Wenn du wirst schnappen wollen, wird kein Hecht mehr sein!

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Wie ernsthaft! wie so still!
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Wie dreht er seinen Hals, den er nicht brauchen will!
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Ein kluger Freund von Mäßigkeit,
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Besinnt er sich: Es ist noch Zeit!
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Stets essen, ist gemeiner Vögel Weise!
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Bald aber hungert ihn, und nun sieht er sich um,
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Nach Karpfen oder Hecht;
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Allein, verschwunden ist das ganze Fischgeschlecht;
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Nur Schleie schwimmen noch; er aber ist nicht dumm,
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Er hat Geschmack! Schlei wäre schlechte Speise,
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Für einen Reiger! alle läßt er ziehn!
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Und immer mehr noch hungert ihn.
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Er geht vom Ufer ab, und watet in den Bach!
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Gründlinge trifft er an; fragt aber nichts darnach;
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Er läßt sie all' im Frieden schwimmen, spricht:
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Grüdlinge fressen Reiger nicht;
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Nach ihnen nur einmal den Schnabel aufzuthun,
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Das wäre großer Schimpf für einen Leckermund!
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Er sagt's; indessen geht, was Fisch ist, auf den Grund;
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Nicht einer laßt sich sehn! Ei, Leckermund, wie nun?

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Er immer hungriger, steht da mit Ungeduld,
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Und sieht sich um, und sucht, und sucht bis um Ermüden.
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Kein Karpfe kommt, kein Hecht! Er giebt sich selbst die Schuld,
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Und ist mit einem Frosch zufrieden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

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