Ha! sprach ein junger Hengst, wir Sklaven sind es wert

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Ha! sprach ein junger Hengst, wir Sklaven sind es wert Titel entspricht 1. Vers(1761)

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Ha! sprach ein junger Hengst, wir Sklaven sind es wert,
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Daß wir im Joche sind! Wo lebt ein edles Pferd,
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Das frei sein will? Ha! wie so glücklich war
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Zu jener Zeit der Väter Schar!
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Die waren Helden, edel, frei,
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Und tapfer! In die Sklaverei
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Bog keiner seinen Nacken,
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Engländer nicht, und nicht Polacken.
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Der ungeheure weite Wald
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War ihr geraumer Aufenthalt;
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Auch scheuten sie kein offnes Feld;
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Sie gras'ten in der ganzen Welt,
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Nach freiem Willen! Ach und wir
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Sind Sklaven, gehn im Joch, arbeiten wie der Stier!
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Wir Pferde? wir? dem Menschen unterthan?
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Dem Menschen? – – Brüder, seht es an,
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Das unvollkommne Tier!
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Was ist es? was sind wir?
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Solch ein Geschöpf bestimmte die Natur
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Uns prächtigen Geschöpfen nicht zum Herrn!
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Pfui, auf zwei Beinen nur!
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Riecht er den Streit von fern?
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Bebt unter ihm die Erde, wenn er stampft?
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Sieht man, wenn seine Nase dampft?
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Ist er großmütiger, als wir?
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Ist er ein schöner Tier?
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Hat er die Mähne, die uns ziert?
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Und doch ist er, ihr Brüder, ach!
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Der Herr, der uns regiert!
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Wir tragen ihn, wir fürchten seine Macht;
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Wir führen seinen Krieg, und liefern seine Schlacht;
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Er siegt; man singt ihm Lobgesang:
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Und doch, die Schlacht, die er gewann,
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War unser Werk, wir hatten es gethan!
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Was aber ist der Dank?
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Wir dienen ihm zur Pracht
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Vor seinem Siegeswagen;
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Und ach! vielleicht nach wenig Tagen
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Spannt er vor einen Pflug
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Den Rappen, der ihn trug!
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Entreißt, ihr Brüder, euch der niedern Sklaverei!
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Dem Joch entreißet euch, und werdet wieder frei!
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Schwer ist's wohl nicht, wenn wir
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Zusammenhalten! was meint ihr? –

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Er schwieg. Ein wieherndes Geschrei,
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Ein wilder Lärm entstand, und jeder fiel ihm bei.
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Ein einziger erfahrner Schimmel nur,
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Ein zweiter Nestor, sprach:

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Ja wahrlich! die Natur
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Gab uns die prächtige Gestalt,
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Die keiner hat, als wir, auch gab sie uns Gewalt
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In unsern Huf; allein, aus mildrer Hand
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Bekam der Mensch Verstand.
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Wer baute diesen Stall, in dem wir sicher sind
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Vor Tiger und vor Wolf? vor Regen und vor Wind?
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Wer macht, daß wir auch dann dem Hunger widerstehn,
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Wann wir der Auen Grün im Winter sterben sehn?
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Wenn Eis vom Himmel fällt, wenn alles wüst' und tot
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Auf allen Fluren ist? Wer wendet alle Not
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Von unsern Krippen ab?
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Der Mensch, der gute Mensch, den uns der Himmel gab!
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Er streut den Haber aus, und erntet siebenfach,
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Er trocknet süßes Gras, und bringt es unter Dach!
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Zwar helfen wir dabei; thun aber keinen Schritt
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Und keinen Zug umsonst, er macht uns täglich satt;
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Und wann er Ruhetag nach seiner Arbeit hat,
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So haben wir ihn mit!
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Wir dienen ihm, er uns, wir leben mit einander;
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Sind mit einander frei; der Rappe Bucephal,
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Der Grieche, welcher einst den großen Alexander
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Auf seinem Rücken trug, war König in dem Stall,
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Wie jener auf dem Thron, und kam er in ein Feld,
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Wo Ruhm zu ernten war, so war er auch ein Held,
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Und beide, Pferd und Mensch, eroberten die Welt,
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Und teilten unter sich den Ruhm des Sieges!
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Würden wir
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Vom Bucephal sonst wohl gehöret haben?
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Er läg' in tiefer Nacht begraben,
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Das edle Tier!

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Kein Brutus und kein Cicero
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Besänftigte die Römer so
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Wie dieser Redner seine Brüder.
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Denn er voran und hinter ihm die Schar
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Der mutigen Rebellen alle,
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Nebst diesem, der der Sprecher war,
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Begaben allsobald sich wieder nach dem Stalle!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

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