16. Die Ameise und die Fliege

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: 16. Die Ameise und die Fliege (1761)

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Hitzig, aber nur mit Worten,
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Stritt die Ameis' und die Fliege
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Mit einander.
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Schweig'! ich siege,
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Sprach die Flieg': an allen Orten
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Bin ich, oder kann ich sein,
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Weil ich, wie der Adler fliege;
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Kannst du das mit deinem Bein?
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Kriechen kannst du; von der Erde
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Kommst du nicht; mit viel Beschwerde,
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Sorge, Kummer, Angst und Not
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Suchst du dir dein schlechtes Brot,
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Das ein Leckermaul verachtet!
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Ich hingegen sorg' und faste
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Niemals, denn ich bin zu Gaste,
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Wo man buttert, oder schlachtet!
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Seh' ich Widder, oder Stier,
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Schön bekränzt, als Opfertier,
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Dann erheb' ich mein Gefieder
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In die Luft und senk' es nieder
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Auf den priesterlichen Greis,
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Der dabei steht, es betrachtet,
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Und besprengt; und wenn ich weiß,
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Daß er fertig ist, und Zeus
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Prächtig, aber unsichtbar,
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Auf den heiligen Altar
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Vom Olympus niederfährt,
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Es zu speisen; dann kost' ich
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Es zuerst, und letze mich
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Auf des Donnergottes Herd!
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Ist im hohen Göttersaal,
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Offne Tafel, Freudenmahl,
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Allsobald bin ich auch da,
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Und mein Elefantenrüssel
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Holt aus mancher goldnen Schüssel
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Nektar und Ambrosia!
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Und das merke dir, Ameise!
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Diese süße Götterspeise
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Eß' ich dann mit allen Göttern,
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Sitzend auf den Lorbeerblättern,
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In dem Kranze des Apoll!
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Himmel! o wie schmeckt sie mir
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In dem Grünen da so wohl! – –
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Eins, das laß mich noch erwähnen!
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Auf den Busen einer Schönen
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Setz' ich mich gar oft auch hin,
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Und verschönre ihn, und bin,
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So wie du auf dürrem Grase,
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Herr auf eines Kaisers Nase,
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Wo ich, wenn er mir den Sitz
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Streitig macht, zu Kriege blase,
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Und geschwinder, wie der Blitz,
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Überwindet den ein Stich,
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Den kein Säbel überwindet!
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Solche Heldin, sieh! bin ich!

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Still, von keinem Zorn entzündet,
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Hört die fleißige, die weise
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Philosophin, die Ameise,
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Ruhig alles; endlich spricht
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Sie mit lachendem Gesicht:
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Ei, du bist, wie ich auf Grase,
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Herr auf eines Kaisers Nase?
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Mag's doch sein! Allein du bist
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Öfter es ja doch auf Mist!
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Und mich dünkt, es ist bekannt,
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Daß die Schönen in der Hand
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Ungeheure Fächer tragen,
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Grobe Fliegen zu verjagen.
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Bei der Götter fetten Schmäusen
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An der Tafel mit zu speisen,
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Ist was Artigs, das ist wahr;
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Aber angstvoll, mit Gefahr,
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Thust du es! Die Fliegenklappe
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Wartet, daß sie dich ertappe,
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Wo du sitzest, und dein Tod
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Steht bei jedem Bissen Brot!
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Freundin, ach, an deiner Stelle
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Sei mein Feind! in meiner Zelle
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Fürcht' ich nichts; ich lebe still;
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Esse, trinke, wann ich will!
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Mit Gefahr und Tod umgeben,
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Lebst du kümmerlich dein Leben
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Einen Sommer! und du stirbst
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Halb vor Hunger, weil du dir
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Auf den Winter nichts erwirbst,
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Und dann bettelst du bei mir!

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Bettl' ich? sprach die stolze Fliege,
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Warf den Rüssel, blies zum Kriege,
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Ging mit zornerfülltem Blick
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Auf die Feindin, sie zu fassen;

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Aber diese ging gelassen
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In ihr Magazin zurück!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

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