22. Der Aal und die Schlange

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: 22. Der Aal und die Schlange (1761)

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So sag' er mir, Herr Bruder, doch einmal,
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Sprach eine Schlange zu dem Aal,
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Wie seine Schwester ihm gefällt?
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Ist auf der ganzen weiten Welt
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Was schöners? Ist so schön,
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So glatt, so bunt, noch eine Haut zu sehn?

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Schön ist, antwortete der Aal,
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Die deinige, die meinige nur glatt!
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Wie aber kommts, das sag einmal,
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Daß man mich lieber hat
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Und lieber sieht als dich? Jedweder, der dich sieht,
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Hat Furcht und Schrecken im Gesicht,
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Ruft Hilf' und flieht!

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Er flieht? warum? das weiß ich nicht!

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Ich aber weiß es, spricht der Aal,
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Auch wissen's ja die Menschen alle,
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Die dich im Grase liegen sehn;
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Von außen bist du schön –
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Von innen Gift und Galle!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

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