Aufmunterung zum Spatzierengehen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Aufmunterung zum Spatzierengehen (1761)

1
Ach geht doch oft, ihr Schönen,
2
An hellen Frülingstagen,
3
Ins Feld und ins Gebüsche!
4
Welch irdisches Vergnügen
5
Wird euren Geist ermuntern!
6
Welch Labsal, welche Wonne,
7
Wird euer Herz erfrischen!
8
Wie
9
Den Reitz der Freude spüret,
10
So werdet ihr ihn spüren.
11
Ihr werdet Blumen sehen,
12
Und sie mit Seide stikken,
13
Wenn ihr zurükke kehret,
14
So, wie sie
15
Wenn er zurükke kehret.
16
Ihr werdet, voll Vergnügen,
17
Den Spieltisch wieder suchen,
18
Wenn ihr zurükke kehret.
19
Ihr werdet Männer reitzen,
20
Ihr werdet Freunde lokken,
21
Euch in den Busch zu führen.
22
Ihr werdet Caffe trinken,
23
Und noch die Lust empfinden,
24
Die ihr im Busch empfunden;
25
Ihr werdet treuen Schwestern,
26
Ihr werdet Dienerinnen
27
Viel Schönes von den Auen,
28
Und von den Wäldern sagen;
29
Ihr sollt mit Lust erzählen,
30
Was euer Blikk gesehen.
31
Erwählt mich nur zum Führer
32
Und seht, was ich einst sahe,
33
Am schönsten Frülingstage!
34
Ein heller Regenbogen,
35
Stand um den halben Himmel,
36
In treuflend schwarzen Wolken.
37
Er stand, mit tausend Farben,
38
Der Sonne gegenüber.
39
Die Sonne, frei von Wolken,
40
Umgab, mit goldnen Strahlen,
41
Den halben blauen Abgrund.
42
Es glänzt um tausend Blumen,
43
Ein silberweisser Schimmer;
44
Es hiengen, um die Rosen,
45
Die hellsten Wassertropfen,
46
Wie, um den Hals der Braunen,
47
Die hellsten Perlen hangen.
48
Ein schlauer starker Zefir
49
Bewegte, wo er schwärmte,
50
Die Gipfel hoher Tannen
51
Die Wies und Thal umgrenzten,
52
Und wenn er sie bewegte,
53
So sah man, auf den Gipfeln,
54
Wie Licht und Schatten wechselt.
55
Am niedrigen Gesträuche
56
Bewegte sich der Schatten,
57
Wenn die geschlanken Zweige,
58
Durch Zefirs Hauch belebet,
59
Sanft an einander schlugen.
60
Hierdurch entstand, im Busche,
61
Das lieblichste Geräusche,
62
Zu welchem sich das Murmeln
63
Der kleinen nahen Bäche,
64
Und tausend helle Kehlen
65
Der kleinen Vögel mischten.
66
Es lokkten Nachtigallen,
67
Es sangen Staar und Amseln
68
Es schlugen Wachtelhäne.
69
Indem ich ihre Lieder
70
Mit stillem Lobe hörte:
71
Sprang, aus dem dikken Busche,
72
Ein stolzer Hirsch ins Wasser;
73
Und plötzlich blieb er stehen,
74
Und schien sich zu besinnen,
75
Und langsam ging er weiter,
76
Und, mitten auf der Wiese,
77
Besah er sich im Wasser.
78
Er wies, mit steifem Kopfe,
79
Sein prächtiges Geweihe.
80
Als sich der Corsen König,
81
In seiner Krone zeigte,
82
Ließ er nicht halb so prächtig.
83
Er putzte mit der Zunge
84
An Beinen ohne Waden,
85
Und stand auf dreien Beinen,
86
Gleich als sich seinen Augen
87
Die schönste Hirschkuh zeigte.
88
Schnell trat er auf vier Beine,
89
Und ging im hohen Grase,
90
Stolz, wie ein Fürst der Thiere,
91
Gerade nach der Schönen.
92
Sie sahe den Geliebten,
93
Sie ging ihm selbst entgegen.

94
Ach, fragt mich nicht, ihr Schönen,
95
Was hast du mehr gesehen?
96
Nein, geht mit mir in Wälder,
97
Da solt ihr alles sehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.