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Wie ohne Mutter Blut Minerva sey empfangen
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In Jupiters Gehirn' – vnd wie es zugegangen
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Als Jungfraw Danae die güldnen Tropfen fing'
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In ihre zarte Schoß, davon sie schwanger ging,
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Und ihren Perseus bracht, – auch wie zum Lorberbaume
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Die Dafne worden sey, vnd wie aus einem Schaume
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Das geile Venus-Weib in kalter Meeresschoß
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Empfangen vnd geborn, ja wie sie Segel bloß
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Vnd ohne Schiff darzu vf eine Muschel kommen
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Vnd ihre Reyse hab' vf Cypern zugenommen, –
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Auch wie das Bacchusvaß, der Gott der Schlemmerey
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Von Mans- vnd Weibsperson zweymal geboren sey, –
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Vnd wie der Jupiter sey aus der Götter Orden
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Zu Nießung seiner Lust zu einem Stiere worden, –
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Das findet man hier nicht: von solcher Eitelkeit
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Vnd blindem Fabelwerk' ist deine Muse weit.
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Denn was gleich Pindus selbst vnd Phœbus Leyer klinget,
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Vnd aller Musen Schaar vfs lieblichste drein singet,
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Wie süß es immer tönt, jedoch es wenig haft,
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Wenns nicht belebet wird von einer höhern Kraft.
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Der Naso, die Syren' vnd Wunder der Poeten,
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Singt schön' vnd meisterlich von Lieb' vnd Liebesnöten,
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Doch ist es nur ein Schall, der nur den lüstern Sinn
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Vnd schnöden Vorwitz speist, vnd sonst fährt vberhin,
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Ja eine Zauberey, die vnsern Sinn bekämpfet
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Vnd wie ein schwarzer Rauch vnd dicker Nebel dämpfet,
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Daß er nicht über sich zu Gott vnd Himmel an
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Vor ihrer schweren Dunst im Geiste kommen kan.
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Drumb lestu billich stehn solch' vnbeseelte Lieder
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Vnd setzest dich dort hin in Stall zur Krippen nieder,
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Die zwar von Ansehn schlecht, doch mehr am Werthe hält,
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Als nicht erkaufen kan die ganze weite Welt.
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Darumb du Lorbeerlaub vnd frischen Eppich führest
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Vnd sie mit allerley Geblüm' vnd Grünem zierest,
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Daraus das liebe Kind bey rawer kalter Nacht
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So lieblich blicken thut, daß alls für Frewde lacht.
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Nun wol, du machst es gut. Was deine Musa singet,
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Nicht nur allein im Stall' vnd vmb die Krippe klinget:
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Der Schall bricht höher sich, fährt vber allen Neid,
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Vnd machet dich bekant der grawen Ewigkeit.