Der Kirchenraub in der St. Anna-Capelle

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Luise Hensel: Der Kirchenraub in der St. Anna-Capelle (1837)

1
Könnt' ich doch mit hellen Engelzungen
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Allen guten, frommen Menschenseelen,
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Was mein Ohr vernommen, wieder sagen!

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Ach! vielleicht, daß noch ein Herz erwachte,
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Noch ein Auge weinte wie das meine,
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Noch ein Seufzer auf zum Himmel strebte.

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Doch weil Alle Andres sich erzählen
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Und weil Niemand da, der mich verstände,
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Will ich's dir, mein stilles Blatt, vertrauen.

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Nicht gar fern vom schönen Strom des Rheines
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Steht auf einer immer grünen Aue
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Eine reich geschmückte Dorf-Capelle.

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Und darin ein lieblich Bild der Mutter,
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So die heil'ge Jungfrau uns geboren,
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Die wir nimmer würdig preisen mögen.

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Rings im Kirchlein stehn viel heil'ge Bilder,
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Reich geschmückt mit lichten, bunten Steinen,
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Auf den Häuptern zierlich goldne Kronen.

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Und das Kirchlein birgt viel Goldgefäße,
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Die geweiht sind, Christi Leib zu fassen,
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Wenn der Priester Brod und Wein gesegnet.

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Einst hatt' unter frommen Christen mitten
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Sich ein teuflisch Herz hineingeschlichen,
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Glaub' und Lieb' und fromme Demuth heuchelnd.

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Als der Priester unsern Herrn emporhob,
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Daß die Christenschaar Ihn betend ehre,
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Hat

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Als die Frommen ihren Herrn empfangen,
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Dankend dann zu ihren Hütten kehrten,
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Da der Priester sprach das letzte Amen:

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Lag er noch wie im Gebet versunken,
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Sann am heil'gen Ort auf List und Tücke,
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Heimlich lauschend nach der Hand des Priesters.

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Dieser, unter heiligen Gebeten,
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Legt, was übrig war an heil'gen Hostien,
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In den prächtigsten Pokal des Altars.

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Ging dann, sich noch einmal tief verneigend,
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Fromm sich segnend mit dem Kreuzeszeichen
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Und nahm Wasser aus dem Weihgefäße.

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Und auch jener, der so gleißend kniete,
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Kam, taucht' ein in's Gott geweihte Wasser,
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Schlich dann heim in seine düstre Wohnung.

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»nicht verträgt das helle Licht der Sonne,«
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Sprach er bei sich selbst, »so finstre Werke,
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Wie ich heut zu thun beschlossen habe.«

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»darum in den Stunden nächt'gen Dunkels,
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Wenn die Gegend einsam ist und öde,
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Nehm' ich mir, was mir mein Herz genommen.«

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Und er zählte ruhelos die Stunden,
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Bis des lieben Gottes klare Sonne
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Hinter Bergen sich versenken mußte.

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Und nun kam er in der stillen Mai-Nacht
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– Nicht den Duft der lieblichen Viole,
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Nicht den Sang der Nachtigall vernahm er –

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Stieg in's niedre Fenster der Capelle,
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Brach mit frecher Hand den Tabernakel,
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Nahm den Becher mit dem Hochgelobten.

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Und nun ging er hin, ein zweiter Judas,
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Trug das Heil'ge in unwürd'gen Händen,
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Daß er heimlich selbst darob erbebte.

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Doch er sprach, im Bösen sich zu stärken:
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»ei, mein Herz, wie bist du fromm und schüchtern;
63
Willst du etwa gut und gläubig werden?«

64
»weißt du nicht mehr, daß kein Gott im Himmel,
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Daß in diesem Brod kein Gott enthalten,
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Daß das

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»sieh, im kühnen Frevel mich zu stärken,
68
Werf' ich lachend hier das Brod zur Erde,
69
Daß sich Wind und Regen darin theilen.«

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Und er schleuderte die heil'gen Hostien
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Höhnend nieder auf den thau'gen Boden,
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Ging, den Kelch beim Juden zu verhandeln.

73
Aber sanft auf Moos und Frühlingsblumen
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War im Fallen Christi Leib gesunken
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Und die Blümlein freuten sich der Ehre.

76
Aber nicht, wie jener Frevler wollte,
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Hat die zärtliche Gestalt des Brodes
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Regen oder Wind zerstören mögen.

79
Nicht ein Tröpflein Thau's durft' Ihn berühren;
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Denn der ew'ge Vater will nicht haben,
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Daß »Sein Heil'ger die Verwesung sehe«.

82
Einst am schönsten, klarsten Sommermorgen
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Kam ein frommer Schäfer mit der Heerde,
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Sang ein Lied zum Preis des guten Hirten,

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Brach im Gehn sich manche schöne Blume,
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Freute sich des Duftes und der Farbe,
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Dankte Gott, der sie der Erde schenkte.

88
Und er wollte längs den Schlehen wandeln,
89
Aber seine Heerde, sonst so folgsam,
90
War von dieser Stelle nicht zu locken.

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Ja, wohl rührend muß es sein gewesen:
92
Als er umsah, knieten alle Schäflein
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Fromm wie betend auf dem grünen Rasen.

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Und er wußte nicht, wie ihm geschahe,
95
Und sein frommes Herz fing an zu beben,
96
Nieder zog es ihn zu seinen Schafen.

97
Und er kniet, und weiß es nicht, wie lange,
98
Betet, doch nicht weiß er, was er betet,
99
Freut sich, und nicht kennt er seine Freude.

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Aber plötzlich sieht im Klee der Wiese
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Und in Blumen er die Hostien liegen,
102
Wie vor Monden sie geraubet worden.

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Ganz in Wehmuth will sein Herz sich lösen,
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Doch ermannt er sich und läßt die Heerde,
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Eilt zum Pfarrer, frohe Kunde bringend.

106
Dieser kommt mit allen seinen Priestern,
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Fromm geschmückt mit kirchlichen Gewanden
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Und umgeben von dem gläub'gen Volke.

109
Fromme Mägdlein, Kränz' und Kerzen tragend,
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Nahen unter frohem Fahnenschwingen,
111
Um den Zug des Heilands zu begleiten.

112
Und der Priester mit geweihten Händen,
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Sprechend alt-katholische Gebete,
114
Legt in reines Gold die heil'gen Hostien.

115
Schreitend unter seidnem Baldachine
116
Dann bei Glockenklang und heil'gem Singen
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Trug er wieder sie zur Dorf-Capelle. –

118
Doch den Armen hat man nie gefunden,
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Der den Herrn verwarf um Gold und Silber,
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Und ich gönn' ihm seinen armen Götzen.

121
Aber wohl die demuthvolle Liebe,
122
Die der fromme Hirt im Busen hegte,
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Wünsch' ich meinem Herzen auch zu haben.

124
Und auf jener Stelle, wo den Heiland
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Man gefunden in des Grases Blumen,
126
Steht jetzt eine Kirche, Ihm zur Ehre;

127
Und darinnen hängt in vielen Bildern,
128
Fein gemalt von einem frommen Maler,
129
Die Geschichte von dem Kirchenraube.

130
Doch vor Allen rührend ist das Bildniß
131
Von dem Hirten und den frommen Schäflein,
132
Wie sie knien auf blumenreichem Rasen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Luise Hensel
(17981876)

* 30.03.1798 in Linum, † 18.12.1876 in Paderborn

weiblich, geb. Hensel

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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