33. An Agnes Gräfin zu Stolberg

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Johann Heinrich Voß: 33. An Agnes Gräfin zu Stolberg (1784)

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Ob wir dein noch gedenken, du Freundliche? Ja, es umschwebet
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Deine süße Gestalt, ach der Entfernten, uns stets.
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Hier und dort, wo wir gehn: in der blauen Stub' und der gelben,
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Wo dein Kanapee stand, wo du im Sopha geruht;
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Oder im grünen Gemach, wo wir nachts vom Lager im Mondlicht
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Blühender Rosen uns freu'n, die wir ins Fenster gebeugt;
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Zwischen den Blumenbeeten an rosendurchschimmerter Fruchtwand,
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Wo uns zuletzt des Aprils wärmende Sonne beschien;
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Unten im Dunkel der Laube, wo Silberrosen mit Erdbeern
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Und Maililien blühn, die du so emsig gepflegt,
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Wo wir unter die Schatten der Lind' und des zarten Ligusters
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Geisblattranken gepflanzt, wie du uns scheidend befahlst!
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Und auf der traulichen Bank des beschatteten Agneswerders,
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Also nannten wir ihn, gegen die Insel des Sees:
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Wo du fröhlich mit uns in des Sommers Schwüle den Seewind
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Atmetest, unter des Rohrsperlinges hellem Gesang;
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Oft die schwebende Mewe betrachtetest, lachend des Freundes,
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Welchen der weiße Schein mähender Männer betrog;
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Oder in sonniger Flut des Fischleins Spiele belauschtest,
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Welches aus falbem Moos perlend die Fläche durchglitt,
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Aber schnell vor dem Schatten der blumigen Mümmelchenblätter
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Stutzte, da weit in den See kräuselnd ein Wind sie erhob;
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Ach an dem lieblichen Orte, wohin du im Schimmer des Abends
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Noch zu guter Letzt schweigend am Arme mir gingst,
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Dort noch einmal den See im Glanz vielfarbiger Wolken
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Sahst, und des grünen Gesträuchs zitternde Schemen umher,
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Lächelnd riefst: »O wie schön! Vergeßt nicht meiner, ihr Lieben!«
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Und an des Freundes Brust schluchzend dein Antlitz verbargst:
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Überall gedenken wir dein, und erzählen uns wieder,
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Was du gesagt und gethan, sinnen und senken den Blick!
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Wallte nicht jüngst dein Herz von zärtlicher Freud' und Wehmut,
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Daß dir heller der Tag schimmerte, grüner die Flur?
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Wir Verlassenen feirten der trautesten Freundin Gedächtnis,
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Deren süße Gestalt uns, wo wir gehen, umschwebt.
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Dort am buschigen Ufer des kleinen Sees, wo wir ehmals
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Froher gingen mit euch, gingen wir Einsamen froh;
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Sahn, wie des Dorfes Schar mit Karst und Schaufel den Rasen
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Ebnete, künftig das Grab deiner Bewohner, Eutin:
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Wo auch unser Gebein zur Seite des schlummernden Sohnes
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Ruhen wird, an des Sees vögelumschwirrtem Geräusch;
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Und im Gespräche von Tod und Trennungen, pflückten wir emsig
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Blaue Vergißmeinnicht unten am sumpfigen Bord;
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Wandelten heim, und reihten die Blumen rings in der Schale:
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Und mit Wasser erfrischt, hob sich ein blühender Kranz.
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Diesen trugen wir froh in den schönen Saal mit der Aussicht
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Über Garten und See, welchen dein Bildnis verschönt;
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Stellten, mit herzlichem Gruße, den blauen Kranz vor dein Bildnis,
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Und betrachteten stumm, Agnes, dein holdes Gesicht,
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Lange betrachteten wir's: und von inniger Lieb' und Wehmut
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Bebend, umarmten wir uns heftig mit bräutlichem Kuß.
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Ob wir dein noch gedenken, du Freundliche: straf' ihr, o Stolberg,
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Für dies schalkhafte Wort küssend den lächelnden Mund:
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Wie, wenn sie, schöner von Freud', auf den blühenden Säugling hinabblickt,
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Der, mit dem Busentuch spielend, in Schlummer sich lallt;
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Und dann mütterlichstolz, voll unaussprechlicher Anmut
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Seitwärts schielend, dich fragt: »Trautester, hast du mich lieb?«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Heinrich Voß
(17511826)

* 20.02.1751 in Sommerstorf, † 29.03.1826 in Heidelberg

männlich, geb. Voss

deutscher Dichter und Übersetzer von Klassikern

(Aus: Wikidata.org)

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