31. An Graf Holmer

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Johann Heinrich Voß: 31. An Graf Holmer (1783)

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Wie der Sänger des Hains in dem Käficht, unter dem Maibusch,
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Welchen die Tochter des Herrn sorgsam im Topfe gepflegt,
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Um mit früherem Laube des Lieblings Haus zu beschatten,
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Froher des Sonnenscheins, hüpft und melodischer singt:
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Klösterlich schwermutsvoll im Ofendunst an dem Fenster,
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Welches von Nachtfrost blinkt', oder von Hagel und Sturm
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Rasselte, saß er bisher mit strupfigter Schwinge, des Sommers
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Eingedenk, da er frei Wälder und Auen durchflog;
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Aber nun hüpft er und singt vor dem offenen Fenster des Gartens,
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Froher des Sonnenscheins, unter dem schimmernden Grün,
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Daß vor dem hellen Gesange die Jungfrau lächelnd am Nähpult
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Sich ihr gellendes Ohr schirmet, und Ruh' ihm gebeut:
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Also freut sich der Dichter, der, lange verscheucht, sein umgrüntes
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Einsames Gartenhaus endlich in Friede bewohnt,
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Und aus traulicher Kammer, von Mond und Sonne beleuchtet,
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Garten und Insel und See, Hügel und Wälder umschaut.
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Immer durchschwärmt sein Blick die Gegenden: oft wie die Biene,
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Welche Blumen umirrt, und bei den süßeren weilt;
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Stürmend oft und entzückt, wie der Adler Zeus, da er Nektar
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Und Ambrosia einst aus der elysischen Flur
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Brachte, dem Knaben zur Kost, der ein künftiger Herrscher des Donners,
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Unter der Grott' im Glanz seiner Unsterblichkeit schlief.
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Heil mir! ich zittre vor Wonn'! Ist es Wirklichkeit oder Erscheinung?
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Meine Stimme, wie hell! fließet von selbst in Gesang!
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Welchen unsterblichen Namen verkündet der Welt und der Nachwelt
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Mein Gesang? Wer schuf diese Gefild' um mich her?
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Bin ich dem Markt' entflohn, und dem ringsumrasselten Rathaus?
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Schreckt mich nicht mehr des Gerichts, oder der Gilden Tumult?
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Nicht der Senatorschmaus, der, vom drängenden Pöbel bewundert,
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Laut in den Wiegengesang, über der Wöchnerin, tobt?
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Nicht anwohnender Schergen Besuch, noch des Bürgergehorsams
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Nächtlicher Lärm? nicht mehr kreischender Buben Gewühl,
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Zankender Kauf und Verkauf, und des Fuhrmanns Fluch, und der Räder
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Rollen, die knallende Peitsch', oder der Hunde Gebell?
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Noch der Gräuel des Marktes, der gotische Pranger, des Galgens
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Bruder! zum Schaugepräng' hoch auf den Hügel gepflanzt?
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Jetzo stört mich nur etwa die Nachtigall fern am bebüschten
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See, die Schwalb' am Gesims', oder das purpurne Licht,
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Welches durch wankende Rosen und Pfirsiche sanft in die Fenster
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Meines Kämmerleins schlüpft, und aus dem Traume mich weckt.
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Oder, wandl' ich durch Blumen, von duftender Blüte beschattet,
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Denkend einher, dann umsumst etwa ein Bienchen mein Haupt;
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Oder die Taube vom Dach umsäuselt mich; oder ein Sperling
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Schwirrt aus dem Kirschenbaum, schwirrt aus den Erbsen empor.
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Oft auch, wann ich, beschirmt vor dem Mittag, unter dem Fruchtbaum
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Lieg', und starrend mein Blick Würmer im Grase verfolgt,
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Schreckt mich ein fallender Apfel zur Seit', und der grünliche Laubfrosch,
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Der im Johannsbeerbusch quakend den Regen erseufzt.
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Oder wenn ich am plätschernden See, in der Linden Umschattung,
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Sinnend die Wellen zähl', oder den östlichen Blitz
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Und den farbigen Bogen bewundere, der in des Wassers
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Zitterndem Spiegel sich krümmt, und das zerstreute Gewölk;
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Springt oft plötzlich ein Schwarm von Gründlingen hinter der Wolke
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Fliehendem Schatten empor, schimmernd im sonnigen Glanz;
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Oder es rauscht unvermutet der Regen durchs Laub, daß ich triefend
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Heim zu dem Weiblein entflieh, welches am Fenster mich höhnt.
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Freundliche hehre Natur, du lächelst Weisheit und Einfalt,
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Freien Sinn, und zur That Kraft und Entschluß in das Herz!
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Wen dein lächelnder Blick zum vertrauteren Liebling geweiht hat,
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Eilet gern aus dem Dunst und dem Gerassel der Stadt,
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Eilt in die grünen Gefild', und atmet auf, und empfindet
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Menschlicher, neben des Hains luftigem Bache gestreckt.
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Aber wenn sein Schicksal in dumpfige Mauren ihn kerkert,
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Pflanzt er sich, wie er kann, irgend ein Gärtchen zum Trost;
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Myrte, Zitron und Rose, die Balsamin' und der Goldlack,
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Und süßduftendes Kraut, schmücken sein Fenstergesims;
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Eine blühende Lind' und Kastanie, nicht von des Gärtners
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Bildender Scheere gestutzt; oder umrankender Wein,
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Der, voll junger Trauben, sein schwebendes Laub an der Wohnung
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Sonnige Fenster geschmiegt, säuselt ihm Kühlung und Ruh.
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Kränz', o Viol' und Narzisse, mein Haar! Des Gefildes Bewohner
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Bin ich, und nicht der Stadt! Schauere Blüten herab,
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Heiliger Baum, der oft mit Begeisterung meinen geliebten
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Stolberg einsam umrauscht'; oft uns vereinigte hier,
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Ihn und Agnes und mich, beschattete: wann, von der Freundschaft
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Und der schönen Natur himmlischem Nektar entflammt,
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Unsere Seelengespräche den Edelsten unter den Fürsten
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Segneten! Heiliger Baum, schauere Blüten herab!
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Feiernd denk' ich Sein, des Edelsten, der nach der Arbeit
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Hier zu ruhn mir vergönnt; feiernd, o Holmer, auch dein:
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Denn du sahst das Getümmel um mich, und brachtest die Botschaft
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Unserm Vater, der uns gerne wie Kinder erfreut!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Heinrich Voß
(17511826)

* 20.02.1751 in Sommerstorf, † 29.03.1826 in Heidelberg

männlich, geb. Voss

deutscher Dichter und Übersetzer von Klassikern

(Aus: Wikidata.org)

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