17. Elegie

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Johann Heinrich Voß: 17. Elegie (1773)

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Liebe Mädchen, was quält ihr mit trostverlangender Klage
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Mein zu fühlbares Herz?
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Wäre Trost bei mir? – dort sitzt ja noch immer mein B[oie],
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Stumm, mit geheftetem Blick!
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Ach! mir blutet ja selbst, zwar nicht um die Schwester, mir blutet
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Um die Freundin mein Herz!
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Du, o Blume des Himmels, du, überschwenglich von jeder
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Weiblichen Tugend bestrahlt!
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Gottes Wohlgefallen! und meine Freundin! du starbest,
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Niemals erblicket von mir? –
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Ach! nun weiß ich, warum in den seligen Stunden des Tiefsinns,
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Wenn, am vertrauten Klavier,
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Ganz mein schwärmender Geist in dem Himmel des ersten Erblickens,
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In dem geflügelten Gruß,
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Und in den Labyrinthen der Wonnegespräche vertieft war;
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Unter der eilenden Hand
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Dann triumphierendes Jauchzen die goldenen Saiten durchrauschte,
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Wie ein wallendes Meer:
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Ach! nun weiß ich, warum so oft der irrende Finger
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Im wehklagenden Ton
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Sich verlor, ein Seufzer sich hob, und stillbethränet
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Hing am Monde mein Blick!
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Himmlische Freundin, wenn einst, mit deinem Bruder, ein Frühling
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Hin, wo du schlummerst, mich führt;
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Und du am heitern Abend, um deinen grünenden Hügel,
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Oder im schattigen Gang,
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Welchen du liebtest, mit irrem Schritt, und gebrochnen Reden,
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Deine Geliebten erblickst:
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Wird nicht dann, (vergönn' es ihr, Gott!) ein plötzliches Säuseln,
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Oder ein fliegender Glanz,
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Meiner schaudernden Seele verkünden, daß unter Jehovahs
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Palmen die Freundschaft noch daur't?
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Ja! sie dauret! Was braucht's Erscheinung? Die edlere Freundschaft
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Wandelt zur Ewigkeit mit!
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O streut rötliche Blumen, ihr zärtlichen Schwestern und Brüder,
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Blumen der Lieb' auf ihr Grab;
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Eine Blume der Freundschaft für mich, die in trauriger Ferne
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Selber ich streuen nicht kann!
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Aber weint nicht so laut, ihr zärtlichen Schwestern und Brüder!
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Streut, nur schluchzend, sie hin!
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Dann entweicht in die Laube, von stillen Sternen behorchet,
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Und vom seufzenden West!
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Und klagt leise Klage, daß nicht des leidenden Vaters
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Starrende Melancholei
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Ihr von neuem erweckt; daß nicht die lindernde Zähre
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Jener, die mütterlich traurt,
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Wieder versiege; noch laut und händeringend der Witwer
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Fodre sein Weib und sein Kind!
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Geht zu ihnen, o Mädchen, und sagt, mit thränendem Lächeln:
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Gott, der die Tugend belohnt,
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Rief an dem Tage des Segens, an welchem er Klopstock sandte,
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Sie zu dem himmlischen Fest!
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Jetzo lehrt sie, umrauscht von duftenden Bäumen des Lebens,
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(sonst nur der Engel Geschäft!)
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Ihre morgenrötliche Tochter die Keime der Weisheit,
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Und den gelallten Psalm!
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Oftmal pflückt sie auch Blumen für uns, und forscht von dem Seraph,
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Der sie zur Freundin erkor,
59
Ob's noch lange daure? Dann rinnt die selige Wehmut
60
Ihr auf den werdenden Kranz!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Heinrich Voß
(17511826)

* 20.02.1751 in Sommerstorf, † 29.03.1826 in Heidelberg

männlich, geb. Voss

deutscher Dichter und Übersetzer von Klassikern

(Aus: Wikidata.org)

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