11. Deutschland

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Johann Heinrich Voß: 11. Deutschland (1772)

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Was flogst du, Stolz des Deutschen, zur Sternenhöh',
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Und blickest lächelnd nieder auf alles Volk,
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Vom Aufgang bis zum Niedergange,
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Welchem du König' und Feldherrn sandtest?

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Hörst du der Sklavenkette Gerassel nicht,
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Die uns der Franke (Fluch dir, o Mönch, der ihn
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Den Großen pries!) um unsern Nacken
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Warf, als, mit triefendem Stahl der Herrschsucht,

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Er, Gottes Sache lügend, ein frommes Volk
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Samt seinen Priestern schlachtet', und Wittekind,
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Statt Wodans unsichtbarer Gottheit,
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Wurmigen Götzen Geruch zu streun zwang?

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Nicht deutsches Herzens; Vater der Knechte dort,
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Thuiskons Abart! kroch er zum stolzen Stuhl
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Des Pfaffen Roms, und schenkt', o Hermann,
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Deine Cherusker dem Bann des Wütrichs!

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Nicht deutsches Herzens; Erbe des Julischen
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Tyrannenthrones, gab er zur Armengift
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Den Freiheitssang altdeutscher Tugend,
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Welchem die Adler in Winfeld sanken!

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Jetzt starb die Freiheit unter Despotenfuß;
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Vernunft und Tugend floh vor dem Geierblick
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Der feisten Mönch'; entmannte Harfen
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Frönten dem Wahn und dem goldnen Laster!

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O weine, Stolberg! Weine! Sie rasselt noch
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Des Franken Kette! Wenige mochte nur,
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Von Gott zum Heiland ausgerüstet,
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Luther dem schimpflichen Joch entreißen!

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Ruf' nicht dem Britten, daß er in strahlender
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Urväter Heimat spähe der Tugend Sitz!
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Still trau'rt ein kleiner Rest des Samens,
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Welchen der Nachen des Angeln führte!

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Nach Wollust schnaubt der lodernde Jüngling jetzt;
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Der Mann nach Gold; in lauer Gebüsche Nacht
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Lustwandeln freche Mädchenchöre,
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Schmachtend in Galliens reichsten Tönen.

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O dichtet ihnen, Sänger Germanias,
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Ein neues Buhllied! Singet den Horchenden
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Des Rosenbetts geheime Zauber,
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Oder die taumelnden Lustgelage!

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Ein lautes Händeklatschen erwartet euch! –
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Ihr wollt nicht? Weiht der Tugend das ernste Spiel? –
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Ha! flieht, und sucht im fernen Norden
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Eurem verkannten Gesange Hörer!

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Vertilgt auf ewig seist du, o Schauernacht,
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Da ich Jehovahs Dienste die Harfe schwur!
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Vertilgt, ihr Thränen, so ich einsam
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An den unsterblichen Malen weinte!

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Der, mit des Seraphs Stimme, Messias, dich
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Den Söhnen Teuts sang; siehe, den lohnt der Frost
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Des ungeschlachten Volks, den lohnen
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Hämische Winke des stummen Neides!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Heinrich Voß
(17511826)

* 20.02.1751 in Sommerstorf, † 29.03.1826 in Heidelberg

männlich, geb. Voss

deutscher Dichter und Übersetzer von Klassikern

(Aus: Wikidata.org)

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