Der advocirende Cupido

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Benjamin Neukirch: Der advocirende Cupido (1697)

1
Als neulich Lälia vor ihrem spiegel stund/
2
Und bald die augen ließ auff ihre marmel-ballen/
3
Bald auff der wangen pracht/ und ihren purpur-mund/
4
Bald wieder auff den schnee der rundten nase fallen;
5
Da warff sie voller zorn den spiegel aus der hand/
6
Und sprach: Was helffen mich die rosen meiner wangen?
7
Was nutzt der rothe mund? was meiner augen brand?
8
Wenn mund und nase nicht in gleicher zierde prangen.
9
Geh/ lügner/ bilde mir nur keine schönheit ein/
10
Denn meine nase macht/ daß ich mich muß betrüben/
11
Weil heut ein frauen-bild soll nach der mode seyn/
12
Und kaum der tausende kan grosse nasen lieben.
13
So klagte Lälia/ und sanck vor grosser qual
14
Auff einen lager-zeug von schwanen-federn nieder.
15
Indessen brach der zorn der augen hellen strahl/
16
Der eyffer theilte sich durch alle leibes-glieder/
17
Und endlich fing der mund mit diesen worten an:
18
So hör ich ärmster wohl/ wir sollen alle büssen/
19
Daß die natur zu viel an Lälien gethan/
20
Und ihr die nase nicht nach frantzen-art gerissen.
21
Ich habe längsten schon der sache nachgedacht/
22
Warum die küsse sich so sparsam eingefunden/
23
So hat das lumpen-ding/ die nase/ bloß gemacht/
24
Daß mir bey männern auch ist alle gunst verschwunden.
25
Beschimpfftes nasenloch! wie reimt sich nacht und schein?
26
Wie schickt sich mist und koth zu purpur und rubinen?
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Und dennoch soll dein schlam der liebe zunder seyn/
28
Und Lälien ihr ruhm aus deinem rotze grünen.
29
Er hätte noch weit mehr vor eyffer ausgespien/
30
Gleich aber fiengen auch die augen an zu blitzen/
31
Und sprachen: unsre glut soll eisen an sich ziehn/
32
Die sonne selber muß vor unsern flammen schwitzen;
33
Und darum haben wir offt thränend angesehn/
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Warum doch lieb und gunst so selten auff uns blicket?
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Warum die meisten offt als stumme bilder gehn/
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Und mancher flegel kaum das schmale hütgen rücket.
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Nun aber hat die zeit den knoten auffgelöst;
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Denn wie der sonnen-glantz/ wenn wind und wolcken steigen/
39
Die strahlen nur umsonst aus seinem circkel stöst/
40
Und auch bey voller glut kan keinen schimmer zeigen/
41
So brennet unser feur auch nur vergebens an:
42
So lange Lälia der nase will erlauben/
43
Daß sie den freyen lauff uns unterbrechen kan/
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Und unsrer sonnen-glut macht licht und flamme rauben.
45
Wolt ihr nun dieses nicht/ was unsre kräffte drückt/
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Ihr glieder ingesamt mit eurem schimpffe leiden;
47
So schafft/ daß Lälia bald nach dem artzte schickt/
48
Und ihr das dritte theil läst von der nase schneiden.
49
Ha possen! fielen hier die wangen ihnen ein/
50
Daß unser frühlings-feld soll vor der zeit erbleichen/
51
Daß thau und zucker nicht vor unsre rosen seyn/
52
Und uns die liebe nicht will sanffte pflaumen streichen/
53
Giebt eurem schmertze wohl/ ihr augen/ wenig nach;
54
Daß aber Lälia soll euren rath vollstrecken/
55
Wird ihrer marmel-haut nur wieder fleck und schmach/
56
Uns aber allerseits nur neuen schimpff erwecken;
57
Aus wunden/ schnitt und blut qvillt warlich schlechte cur;
58
Ein artzt ist nicht genug hier mittel auszutheilen;
59
Denn grosse nasen sind ein fehler der natur/
60
Und lassen sich nicht so/ wie junge kälber/ heilen.
61
Wohlan! versetzte drauff die auffgeschwellte brust/
62
So muß man gleichwohl auch ein mittel ausersinnen;
63
Denn daß mein zucker-eiß soll ohne brand und lust/
64
Und dieser perlen-schnee ohn alle glut zerrinnen/
65
Will mir und meiner haut noch keines weges ein.
66
Ein berg muß seine krafft aus thau und sonne saugen/
67
Ein schöner garten muß stets voller hände seyn/
68
Und äpffel/ die nur blühn/ und nicht zu brechen taugen/
69
Sind keiner augen werth. Ist nun mein liebes-feld
70
So/ wie ihr alle wißt/ mit bergen zu vergleichen/
71
Wo schwimmt der balsam-thau/ der ihre krafft erhält?
72
Wo läst mein sonnenschein die süsse strahlen streichen?
73
Sind meine früchte reiff? wo bleibt die edle hand?
74
Dir mir den zucker soll von meinen äpffeln lesen/
75
Und zeigen/ daß mein grund nicht ausgedorrter sand/
76
Und meine spitzen nicht von stein und holtz gewesen?
77
Ich schwere bey der krafft/ die dieser purpur führt/
78
Und solt ich einen gleich aus Engelland verschreiben/
79
Daß doch ein garten eh' von händen unberührt/
80
Als meine liebes-frucht soll ungebrochen bleiben.
81
Doch weil der schaden hier mich nicht alleine trifft/
82
So hab ich dieses nur euch allen vorzutragen/
83
Daß unser gantzer wunsch auff trübem sande schifft/
84
Wo wir die nase nicht beym Jupiter verklagen.
85
Eh! nicht beym Jupiter/ bey leibe/ sprach der mund:
86
Verliebte können nicht von liebes-fehlern richten;
87
Die liebe Jupiters ist allenthalben kund/
88
Wie soll sein blinder geist denn unsre händel schlichten?
89
So soll Apollo denn hierinnen richter seyn/
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Erwiederte die brust: denn klugheit/ recht und leben/
91
Diß alles trifft bey ihm in gleicher wagen ein/
92
Und wird nach seiner art den besten ausschlag geben.
93
Hier fielen sie der brust mit vollen stimmen bey:
94
Wer aber/ fiengen bald die augen an zu fragen/
95
Tritt unter uns hervor/ der am bequemsten sey/
96
Die klage förmiglich dem richter vorzutragen?
97
Ich/ sprach der bleiche mund; denn weil mein corallin
98
Vor grosser hitze fast in stücke will zerspringen/
99
So werd ich desto mehr mit reden mich bemühn/
100
Und bey dem richter scharff auff frische kühlung dringen.
101
Es sey drum/ huben drauff die wangen wieder an/
102
Vergiß nur aber nicht den schaden einzuschliessen/
103
Den uns das plumpe loch der nasen angethan/
104
Und unsre liljen noch mit ihrem schimpffe büssen.
105
Was unsrer sonnen-glantz vor grosse wunder schafft/
106
Das weist du selber wol/ versetzten hier die augen:
107
Denn ein verliebter geist muß seine lebens-krafft/
108
Und seiner flammen oel aus diesen ampeln saugen.
109
Drum präge dir den punct vor allen dingen ein/
110
Daß wir nur todten blitz aus unserm himmel schiessen/
111
So lange die natur nicht Lälien befreyn/
112
Und ihr die nase muß in andre formen giessen.
113
Ha! sprach die schöne brust/ hält dieses auch nicht platz/
114
So wird mein marmel-blick doch deine zunge schärffen;
115
Denn wo diß paradieß/ wo dieser garten-schatz
116
Die lebens-früchte soll der säulung unterwerffen/
117
So mögt ihr auch nur bald nach eurem grabe gehn.
118
Denn was der strenge blitz der muschel-runden augen/
119
Was mund und wange heißt in tausend flammen stehn/
120
Muß wieder perlen-milch aus diesen äpffeln saugen.
121
Ich brauche/ sprach der mund/ so vieler lehren nicht.
122
Schickt nur zum richter hin/ und last die nase laden;
123
Denn red ich ärmster nicht nach meiner schuld und pflicht/
124
So wird der ausgang mir am allermeisten schaden.
125
Drauff ward den augenblick das ruder fortgerückt/
126
Und das erzörnte schiff in freye see getrieben;
127
Apollo nahm es an. Die nase ward beschickt/
128
Und eine tagefarth zum klagen ausgeschrieben.
129
Als nun der liebe tag nach vieler angst erschien/
130
Und schon Apollo war auff seinen thron gestiegen/
131
Von dem hier diamant/ dort jaspis und rubin
132
Auff das gesamte volck ließ tausend blicke fliegen:
133
Als/ sag' ich/ sich nunmehr die kläger eingestellt/
134
Kam endlich auch zuletzt die nase vorgetreten/
135
Und hatt' ihr/ weil ein weib im reden leicht verfällt/
136
Der Venus kleinen sohn zum beystand auserbeten.
137
Sein leib war diesesmahl mit sammet angelegt/
138
Die hand trug buch und schrifft vor köcher/ pfeil und bogen/
139
Auff jenes war das bild der mutter abgeprägt/
140
Und dieses war zur pracht mit scharlach überzogen.
141
Als dieses auch geschehn/ da trat der mund herfür/
142
Und brachte voller zorn sein eyfriges verlangen
143
Mit diesen worten an: Gerechter fürst/ vor dir
144
Erscheinen wir anitzt/ mund/ auge/ brust und wangen/
145
Und klagen ingesammt: Was massen die natur/
146
Als sie der Lälien die geister eingegossen/
147
Und milch und honigseim in ihre lippen fuhr/
148
Zwar endlich ihren leib mit grosser kunst geschlossen;
149
Als aber nach der zeit die glieder sich gestreckt/
150
Hat sich die nase dort ie mehr und mehr erhoben/
151
Biß sie der augen licht/ wie nebel/ überdeckt/
152
Und wie ein fichten-baum in kurtzem auffgeschoben.
153
Wann dann nun scheinbar ist/ daß diese frevel-that
154
Uns allen bey der welt zum schimpffe muß gereichen/
155
Indem mein carmasin sich fast verfinstert hat/
156
Und meiner rosen blut vor kummer will erbleichen;
157
Indem der augen blitz vergebens sich bemüht
158
Durch strahlen reiner gunst ein treues hertz zu fangen;
159
Der purpur nur umsonst auff beyden wangen blüht/
160
Und schon die brüste selbst mit leerem köcher prangen;
161
Indem wir/ kurtz gesagt/ der männer lust-spiel seyn/
162
Und tausendfachen schimpff/ auch sonder ursach/ leiden/
163
Wenn sie nach ihrer art uns überall beschreyn/
164
Man könte speck und wurst von unsrer nase schneiden:
165
Als suchen wir bey dir/ Apollo/ schutz und rath/
166
Und bitten ingesammt/ in rechten auszusprechen/
167
Daß gleich den augenblick/ von wegen dieser that/
168
Becklagte möge sich der Lälien entbrechen/
169
Biß daß ihr die natur den fehler ausgewetzt/
170
Und das verwachsne fleisch vom neuen umgegossen;
171
Sie aber uns/ wie recht/ den schaden hat ersetzt/
172
Der uns so lange zeit aus ihrer haut geflossen.
173
Cupido fieng hierauff mit diesen worten an:
174
Vor dir/ Apollo/ ist die nase hier erschienen/
175
Und dingt ihr alles aus/ was etwan künfftig kan
176
Ihr/ als beklagten/ noch zu ihrer nothdurfft dienen.
177
Nechst diesem hat sie itzt mit mehrerm angehört/
178
Was massen gegentheil zu klagen sich nicht schämet/
179
Ob hätte sich ihr fleisch so freventlich gemehrt/
180
Daß es den augen selbst den freyen lauff gelähmet/
181
Den annoch rothen mund um seine rosen bracht/
182
Den wangen und der brust die liebes-krafft benommen/
183
Und endlich gar zuletzt durch seinen schimpff gemacht/
184
Daß sie bey männern auch um ihre wohlfahrt kommen.
185
Nun stellt beklagte diß zu freyem urtheil dar:
186
Ob grosse nasen stets der augen glantz verrücken/
187
Indem ja wohlbekandt/ und allzu offenbar/
188
Daß jungfern mehrentheils nach grossen nasen blicken?
189
Und herentgegen offt sich mancher stümper qvält/
190
Daß er in lieb und pein muß ohne kühlung brennen/
191
Weil seinem kopffe bloß ein grösser näßgen fehlt/
192
Und ihn die jungfern noch vor keinen mann erkennen.
193
So will sie auch nicht erst zu forschen sich bemühn/
194
Ob nicht ein einig wort die lippen offt vergällen/
195
Ein eyfrig wange kan aus sonne regen ziehn/
196
Und ein erzürnter blick den gantzen leib verstellen.
197
Bringt aber dieses nur entgegen-schützend ein/
198
Daß klägere sich bloß aus übermuth beschweren/
199
Daß sie in keiner gunst bey junggesellen seyn/
200
Und ihre lebens-krafft durch stille glut verzehren.
201
Immassen sich denn schon die zeugen eingestellt/
202
Die ehmahls Lälien den rücken halten müssen;
203
Wenn Polidorens mund zu ihrem sich gesellt/
204
Und seine seele ließ in ihren purpur fliessen.
205
So ist zum andern falsch und irrig angebracht:
206
Ob müsten gegentheil der männer urtheil leiden/
207
Und würden öffentlich durch diesen schimpff verlacht:
208
Man könte speck und wurst von ihrer nase schneiden.
209
Denn wie das gringste wort nicht zu erweisen steht.
210
So ist ja drittens falsch/ und freventlich ersonnen/
211
Daß sich die nase mehr/ als rechtens ist/ erhöht/
212
Und wider die natur zu grossen platz gewonnen/
213
Indem sie/ uneracht schon mercklich dargethan/
214
Daß alle klagen sich auff schwache steltzen gründen/
215
Auch noch durch diese schrifft mit ruhme zeigen kan/
216
Daß Venus selbst an ihr kan keinen tadel finden.
217
Weil denn nun sonnenklar aus obigen erhellt/
218
Daß mehrgedachtes theil/ mund/ auge/ brust und wangen/
219
Weil etwan Lälien der spiegel nicht gefällt/
220
Aus blossem übermuth zu rechten angefangen;
221
Und aber dieser schimpff beklagter ehre kränckt/
222
Und ieder kerl auff sie das maul noch würde rümpffen;
223
Hingegen die natur und alles recht gedenckt/
224
Daß keiner andre soll an seinen ehren schimpffen.
225
Als fleht/ Apollo/ sie dich gantz gehorsamst an/
226
Und bittet/ klägere nicht lassen abzutreten/
227
Biß daß sie allerseits den schaden gut gethan/
228
Und ihr hier öffentlich den frevel abgebeten.
229
Was aber gegentheil deßwegen würdig sey/
230
Diß alles will sie dir/ als richtern/ überlassen/
231
Und stellet/ grosser fürst/ es deinem willen frey/
232
Was du vor straffen denckst im urthel abzufassen.
233
Wir bleiben (warff der mund dagegen wieder ein)
234
Bey dem/ was wir bereits mit mehrerm vorgetragen/
235
Und würde wohl so schwer nicht zu behaupten seyn/
236
Daß grosse nasen offt bey männern fehl geschlagen;
237
Doch weil beklagte sich auff blosses nein gelegt/
238
Und ihre mängel denckt mit worten auszuschmieren/
239
So sind wir/ was die stadt von ihr zu reden pflegt/
240
Auch allerseits bereit durch zeugen auszuführen.
241
Cupido sprach hierauff: Beklagte nimmt es an/
242
Und bittet selber/ nur die zeugen vorzulassen.
243
Gleich ward den augenblick ein rauchfaß auffgethan/
244
Vor dessen reiner glut die sterne selbst erblassen.
245
Inzwischen stellten sich zwey menschen-ohren dar/
246
Apollo aber rieff: Ich schwere bey den flammen;
247
Macht heut' ein zeuge nicht die warheit offenbahr/
248
Daß er sich selber soll zu feur und glut verdammen.
249
Und hiemit fieng er an: Wem steht ihr ohren zu?
250
Der schönen Lälie/ versetzten ihm die ohren.
251
Was störet/ sprach er/ denn der Lälien die ruh/
252
Und warum hat ihr mund der schönheit glantz verlohren?
253
Streut etwan haß und neid vergällte reden aus?
254
Ach nein! Begegneten ihm hier die ohren wieder:
255
Der Lälien ihr muth ist wie ein lorbeer-strauß;
256
Und legt die zweige nicht vor blitz und donner nieder.
257
So muß denn/ fuhr er fort/ ein leibes-mangel seyn/
258
Um den sich Lälie muß ingeheim betrüben?
259
Ach! fielen ihm hierauff die ohren wieder ein:
260
Welch unmensch solte wohl nicht ihre glieder lieben?
261
Welch Momus hat iemahls hier fehler ausgesetzt?
262
Und wer will der natur noch pfuscher-striche weisen/
263
Wo selber Polidor die farben hochgeschätzt/
264
Und tausend andre noch das meister-stücke preisen?
265
Und gleichwohl/ sprach er/ soll die nase nicht bestehn.
266
Ha! widersetzten sie/ die leute sind betrogen:
267
Weil neulich Lälia sich ohngefehr versehn/
268
Und durch ein falsches glaß ihr selber vorgelogen.
269
So ist sie/ fragt' er fort/ von allem tadel frey?
270
Von allem/ sprachen sie; und wer es nicht will glauben/
271
Und trifft/ daß Lälia deswegen traurig sey/
272
Der mag uns/ wie er will/ auff tausend foltern schrauben.
273
Drauff traten beyderseits nach seinem wincken ab/
274
Und ward den augenblick der gegenpart befohlen/
275
Sie solte/ weil es noch weit mehr zu richten gab/
276
Zu besserm unterricht auch ihre zeugen holen;
277
Gleich aber brachte sie Cupido schon geführt/
278
Und war ein grüner stul und zinnern hand-gefässe.
279
Nun dachte iederman/ er hätte sich vexirt/
280
Und daß sein tummer kopff auff narren-balcken sässe:
281
Als aber bald darauff Apollo sie besprach/
282
Und fragt: Ob beyderseits die Lälie wohl kennten?
283
Da ließ ein ieder auch im lachen wieder nach/
284
Als ihm der grüne stuhl mit hundert complimenten
285
Diß zu der antwort gab: Ach! kennt ich diese nicht/
286
So wäre nicht zur zeit mein polster eingedrücket;
287
Denn eben sie hat mich so schändlich zugericht/
288
Wenn sie den Polidor durch küssen gantz entzücket/
289
Den rundgewölbten mund in seinen mund gesteckt/
290
Der lippen süsse milch wie kinder angesogen/
291
Der wangen liebes-schnee wie zucker abgeleckt/
292
Und seinen schwachen geist dem hertzen nachgezogen.
293
Und kennt ich diese nicht/ fieng auch das handfaß an/
294
So wäre nicht mein zinn so voller holer ballen;
295
Denn wenn ihr öffters schon der rücken weh gethan/
296
Und sie vor küssen fast in ohnmacht wollen fallen;
297
So hab ich ärmstes denn die stütze müssen seyn.
298
Ach! würde mir so viel nur wasser eingegossen/
299
Als täglich Lälien ambrirter liebes-wein
300
Von Polydoren ist in ihren mund geflossen/
301
Hier traten sie zurück. Und/ sprach Cupido drauff/
302
Nun sieht man wo der grund der klagen ist geblieben/
303
Doch weist beklagte noch auch dieses zeugniß auff/
304
Das ihr die Venus selbst mit eigner hand geschrieben.
305
Aus diesem buche wird ein ieder aber sehn/
306
Wie Läliens gesicht und Polidor sich küssen/
307
Wie artig mund auff mund zusammen buhlen stehn;
308
Indem die mutter sie hierinnen abgerissen.
309
Hier übergab er nun dem richter schrifft und buch/
310
Wer aber war wohl mehr als Lälia gewesen?
311
Apollo löste selbst das rothe scharlach-tuch/
312
Und gab die edle schrifft/ wie folget/ abzulesen:
313
Wir Venus zeugen hier mit unsrer eignen hand/
314
Daß wir die Lälie vor völlig schön erkennen;
315
Und machen durch diß blat der gantzen welt bekandt/
316
Daß keiner/ der sie schimpfft/ soll unserm zorn entrennen.
317
Drauff sah er in das buch/ auff Polidorens mund/
318
Und sprach: wir solten wohl nun straff und urthel häuffen:
319
Allein durch dieses thut die liebes-göttin kund/
320
Daß sich kein andrer soll an Lälien vergreiffen.
321
Nun aber kan ja nicht die straffe so ergehn/
322
Daß nicht auch Lälia den Schaden müste büssen:
323
Denn wo die glieder schon im blut und thränen stehn/
324
Da kan das hertze nicht in muscateller fliessen.
325
Genug daß Venus selbst die nase schön erkannt;
326
Und darum sollen sie der straffe seyn entnommen/
327
Biß daß ihr Polidor aus Hol- und Engeland/
328
Wird wieder voller lust zu seiner sonne kommen.
329
Inzwischen soll hiemit euch fest befohlen seyn/
330
Daß ieder künfftig wird dergleichen schimpff vermeiden;
331
Im fall er nicht von uns gerechte straff und pein/
332
Und tausend urthel will von Polidoren leiden.
333
Zuletzt bringt Lälien noch diese lehren heim:
334
Daß auch die klügsten wohl in ihren augen fehlen/
335
Und kinder offtermahls vor butter honigseim/
336
Die jungfern aber offt vor rosen dornen wählen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Benjamin Neukirch
(16651729)

* 27.03.1665 in Rydzyna, † 15.08.1729 in Ansbach

männlich, geb. Neukirch

Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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