Geitz und verschwendung hat der kühnen welt entdeckt/

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Benjamin Neukirch: Geitz und verschwendung hat der kühnen welt entdeckt/ Titel entspricht 1. Vers(1697)

1
Geitz und verschwendung hat der kühnen welt entdeckt/
2
Wie man durch künste soll den stein der Weisen finden.
3
Witz aber und vernunfft sind mühsam zu ergründen/
4
Was vor geheimniß auch in einer ziffer steckt.
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Warum ein hirten-kind auff käyser-thröne steiget;
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Ein käyser aber gar durch seine kinder fällt:
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Gewalt und glücke sich in enckeln abwärts neiget/
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Ein fauler Commodus des vatern ruhm verstellt/
9
Und uns die jahre maaß/ die zahlen grentzen setzen;
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Wie tieff ein ieder ihm soll sein gedächtniß etzen.

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Der geist Pythagoras/ der Griechenland regiert/
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Egyptens Cabala/ die lehre der Druyden/
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Zeugt/ daß der alten witz schon längsten unterschieden/
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Was die und jene zahl vor hohe würckung führt.
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Die nach-welt aber hat auch in der schrifft gefunden/
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Daß ihre meynung nicht ohn alle gründe sey:
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Drum grübelt Augustin in jahren und in stunden/
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Und mißt die gröste krafft der ziffer sieben bey;
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Vielleicht/ weil vier und drey viel wunder in sich schliessen/
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Aus beyden aber nur kan eine sieben fliessen.

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Und warlich alles trifft mit der erfahrung ein/
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Denn wem ist nicht bewust/ daß Gottes ruh auff erden/
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In sieben tagen auch hieß alles ruhig werden?
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Daß so viel tage noch in einer wochen seyn?
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Daß Noah vor der flut von allen reinen thieren/
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Nach einer ieden art/ in kasten sieben nahm?
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Daß/ da die wellen ihn durch klippen konten führen/
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Er doch auff Ararath in sieben monden kam?
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Womit er aber wind vom wetter möchte kriegen/
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Nach sieben tagen stets ließ eine taube fliegen?

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Gewiß; hier fässelt Gott den irrdischen verstand/
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Mehr aber/ wann wir uns bemühen zu erfahren:
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Warum ein jüdisch knecht nach sieben sclaven-jahren/
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So wie ein schuldener/ die freyheit wieder fand?
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Was Moses vor ein bild im leuchter abgerissen/
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Weil er mehr lampen nicht als sieben hat gemacht?
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Warum man siebenfach den Simson binden müssen?
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Ein siebentägig schaf zum opffer ward gebracht?
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Und endlich Jericho nicht eher solte fallen/
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Als biß man siebenmahl ließ die posaunen schallen?

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Diß und ein mehrers ist aus blosser schrifft bekandt/
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Wie aber nimmet uns nicht die natur gefangen?
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Der himmel selber muß mit sieben lichtern prangen/
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Die schon das heydenthum Planeten hat genannt.
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Der schnelle lauff verstellt in viermahl sieben tagen
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Dem monden sieben mahl sein blasses angesicht.
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Kein mensch kan leicht die lufft der erden noch vertragen/
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Der seiner mutter schloß vor sieben monden bricht;
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Ein ieder aber pflegt in allen sieben jahren
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Mit neuem alter auch was neues zu erfahren.

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Die tieffe west-see wird in sieben stunden klein;
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In sieben stunden muß ihr ufer wieder schwellen.
53
Der strenge Nilus fällt aus seiner mutter-qvellen
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In grossen Ocean/ durch sieben adern/ ein.
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Die ärtzte setzen uns zum schlafe sieben stunden.
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Aus sieben theilen muß der gantze mensch bestehn.
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Der schlimmste zucker wird wie silber gut befunden/
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Wenn man ihn siebenmahl läst durch die flamme gehn.
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Und Rom/ vor dem die welt den scepter solte beugen/
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Muß ohne schicksal nicht aus sieben bergen steigen.

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Was die natur geliebt/ hat auch die kunst gethan.
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Denn wessen hoher witz ist mächtig zu ergründen/
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Warum wir in der welt nur sieben stücke finden/
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Die man mit rechte noch vor wunder schelten kan?
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Warum Jerusalem muß sieben jahre zehlen/
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Eh Salomo den bau des tempels auffgestellt?
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Die schulen sieben nur zu freyen künsten wehlen?
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Ein ieder sänger sich an sieben noten hält?
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Und sieben Araber in sternen hoch erfahren/
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Gleichwie in Griechenland nur sieben Weisen waren?

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Schickt man das auge gar biß in den bürger-stand;
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So öffnet sich ein buch von hundert tausend zeugen.
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Denn muß Darius nicht durch sieben Fürsten steigen?
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Sind sieben könige den Römern nicht bekandt?
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Die Türcken hatten vor nur sieben grosse Bassen/
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In sieben thürmen wird des käysers schatz bewacht;
77
Das kleine Niederland/ das alle welt verlassen/
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Hat zu der freyheit sich durch sieben stände bracht;
79
Und Deutschlands vierdter Carl hat selber haben wollen/
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Daß sieben Fürsten nur den Käyser wählen sollen.

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So herrlich ist der ruhm/ den diese zahl erlangt.
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Wie aber macht sie sich dir selber nicht zum knechte/
83
Beglückter Danckelmann/ wann dein berühmt geschlechte/
84
So wie die Plejaden mit sieben sternen prangt?
85
Metellus/ der den muth der Griechen fast vergraben/
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Schwang/ da er sterbend fiel/ erst seine macht empor;
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Weil er vier söhne ließ von ungemeinen gaben:
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Hier aber stellet uns ein vater sieben vor/
89
Da jeder würdig ist ein wunderwerck der erden/
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Wie Cäsar und August/ das haupt der welt zu werden.

91
Ein eintzig ehren-tritt/ den das verhängniß weist/
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Ist besser/ weder zehn mit blut erlangte cronen.
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So steckt in Fabiern und allen Scipionen/
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Schon etwas von natur/ das ieden feind zerschmeist:
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Die Schweden pralen noch mit ihren Horn und Wrangeln:
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Das stoltze Spanien rühmt seinen Granvellan/
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Und lehret: Wann uns witz und kluge räthe mangeln/
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Daß sie der himmel auch aus schmieden schnitzen kan.
99
Wie soll dein nahme nun nicht in der Marck erklingen/
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Da sieben brüder schon dem lande früchte bringen?

101
Doch alle zuversicht auff das verhängniß baun/
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Heist einen hohen thurm von karten-blättern machen.
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Wem gunst und sonnenschein bey hofe sollen lachen/
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Muß auff sich selber mehr/ als seine wohlfarth/ traun.
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Das glücke kan uns zwar biß an die wolcken heben/
106
Doch/ wann die tugend vor die leiter angelegt:
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Sonst würden wir der welt so wenig nutzen geben/
108
Als perlen/ wenn der blitz in ihre muschel schlägt.
109
Drum müssen einen rath auch sieben stücke zieren/
110
Die/ was das glücke will/ zum rechten ende führen.

111
Vor allen dingen soll er klug und witzig seyn;
112
Die klugheit aber muß aus der erfahrung qvellen.
113
Denn wer die staats-kunst will auff blosse bücher stellen/
114
Bringt/ wie ein wilder baum/ nichts/ ausser blumen/ ein.
115
Der Verulam wird noch wie Cicero gepriesen;
116
Doch beyde werden auch im herrschen ausgelacht.
117
Hingegen hat Athen Themistocles erwiesen/
118
Und Mommorantius in Franckreich wahr gemacht:
119
Daß übung und natur mehr einen tag verrichten/
120
Als ein gelehrter kan in sieben büchern dichten.

121
Erfahrner Danckelmann/ ob deine wissenschafft/
122
Gleichwie der ceder-thau nach honig-seime schmecket:
123
So fleust doch aus der art/ die deinen geist erwecket/
124
Erst der gelehrsamkeit die rechte lebens-krafft.
125
Denn deine beste schul ist unser hof gewesen/
126
Der wie ein feigenbaum nur lauter früchte trägt.
127
In diesem hastu dir die lehren ausgelesen:
128
Wie man durch einen winck das gantze land bewegt/
129
Und zwar dem himmel nicht/ doch staaten weiß zu wehren/
130
Wann uns ihr sonnenschein Cometen will gebähren.

131
Der klugheit phantasey wird durch bedacht verricht.
132
Ein rath muß faulheit zwar/ doch auch die eile meiden/
133
Denn wie die äpffel nur gelinde wärme leiden;
134
So taugt ein anschlag auch von grosser hitze nicht.
135
Bescheidner Danckelmann/ so gleich wird von der sonnen/
136
Wann sie in widder tritt/ nicht tag und nacht getheilt/
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Als das geringste werck/ das dein verstand gesponnen/
138
Eh' deine feder mit zum fürsten-zimmer eilt/
139
Vielleicht/ weil mispeln erst auff stroh und harter erden/
140
Die schlüsse durch verzug am meisten nutzbar werden.

141
Viel aber haben witz und brauchen auch bedacht/
142
Und dennoch werden sie wie pflaumen offt betrogen/
143
Die/ wenn ihr gipffel gleich die blüte schon vollzogen/
144
Ein schwerer regen erst zu mißgeburten macht.
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Warum? dieweil ihr hertz voll irrsamer gedancken/
146
Wie Alcibiades voll gifft und galle steckt;
147
Die nadeln ihrer treu nach iedem sterne wancken/
148
Der zucker nur den mund/ nicht ihre that bedeckt/
149
Die ja so wenig sich mit ihres fürsten gängen/
150
Als falscher balsam kan mit reiner milch vermengen.

151
Getreuer Dankelmann/ wenn aller glaube bricht/
152
Wird doch die liebe nicht in deiner brust erbleichen.
153
Die Venus soll nicht weit vom sonnen-circkel weichen:
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Du aber weichest gar von deiner sonne nicht.
155
Die that des Mutius/ Horatiens beginnen/
156
Hat das bedrängte Rom erstaunend angesehn:
157
Doch könte deine treu was hefftigers ersinnen/
158
So würde dieses auch vor deinen fürst geschehn/
159
An dem du/ was vor sturm auch immer vorgegangen/
160
Nicht anders als das lack/ am baume beer/ gehangen.

161
Allein mit diesem ist noch alles nicht gethan.
162
Ein rath muß auff der welt auch Gottes nicht vergessen.
163
Die kräffte nach der schnur des bürgerwesens messen/
164
Zeigt/ wie ein bienen-schwarm/ nur lauter unglück an.
165
Du frommer Danckelmann/ dein hertze gleicht jesminen/
166
Die aussen purpur-roth/ von innen silber seyn.
167
Denn wenn sein feuer soll von aussen fürsten dienen/
168
So stimmt es innerlich vor mit dem himmel ein;
169
Zur lehre/ daß kein gifft kan raut und land verletzen/
170
Wenn wir bey dieses Gott/ bey jene salvey setzen.

171
Auff treu und gottesfurcht folgt die gerechtigkeit/
172
Das ruder/ das den kahn der policey regieret;
173
Der ölbaum/ welcher zwar im stamme galle führet/
174
Und dennoch süsse frucht von seinen zweigen streut.
175
Gerechter Danckelmann/ das blutige verbrechen/
176
Das unser Friederich durch hohen ernst gestillt/
177
Wird bey der nach-welt noch von deinem ruhme sprechen/
178
Weil sein gedruckt verbot aus deiner feder qvillt/
179
Und nunmehr zorn und schwerdt/ die volck und stadt verzehren/
180
So wie der Venus blut in rosen sich verkehren.

181
Jemehr die sonne scheint/ ie härter wird der koth/
182
Hingegen schmeltzt das wachs von den geringsten flammen.
183
Ein richter/ der nicht kan zu rechter zeit verdammen/
184
Tritt nur die frömmigkeit/ und keine laster todt;
185
Allein dein eifer weiß gar wohl zu unterscheiden/
186
Daß man nicht iedes pferd an harte zügel legt/
187
Die schafe selten läst die strenge peitschen leiden/
188
Murenen aber nur mit linden ruthen schlägt.
189
Und die gerechtigkeit zwar die gedrückten schützen/
190
Doch nicht/ wie Draco/ muß mit lauter donner blitzen.

191
Die lippen Hercules sind heute noch beschrien/
192
Daß ihrer ketten gold die menschen konte binden:
193
Ein rath/ der liebe will im gantzen lande finden/
194
Muß auch durch freundlichkeit die bürger an sich ziehn.
195
Holdsel'ger Danckelmann/ nichts wird dich mehr erheben/
196
Als daß du alles nur durch süsse blicke lenckst/
197
Den hohen ehre kanst/ den armen hoffnung geben/
198
Den gleichen aber offt dein hertze selber schenckst.
199
Denn ist gleich freundlich seyn gemeiner als camillen/
200
So können beyde doch die grösten schmertzen stillen.

201
Doch eines fehlet noch: Sein eigen meister seyn.
202
Denn wer im glücke steigt/ muß in der hoffart fallen;
203
Wenn geitz und götter-blut in Alexandern wallen/
204
So bricht sein königs-stamm ihm auff der erden ein.
205
Vergnügter Danckelmann/ die säulen deiner ehren
206
Sind/ wie die meisten/ zwar nicht glaß und porcellan;
207
Doch/ wenn die rosen sich in deinem hause mehren/
208
So sieht dein hoher geist auch fremde dornen an/
209
Und glaubt/ daß die allein die meisten perlen fangen/
210
Die/ wie ein schwaches kind/ vom glücke nichts verlangen.

211
Wie sieben strahlen nun aus deiner tugend gehn/
212
So kanst du siebenmahl auch ihre würckung schauen;
213
Denn ruhm und ehre sucht den tempel schon zu bauen/
214
Da deine klugheit soll in vollem golde stehn.
215
Durch die bedachtsamkeit muß mancher sturm sich legen/
216
Die treue macht/ daß dich der dritte Friedrich liebt;
217
Der brunn der gottesfurcht geußt lauter milch und segen/
218
Da die gerechtigkeit dem lande wachsthum giebt;
219
Die freundligkeit kan dir die halbe welt verbinden/
220
Vergnügung aber gar dein glück auff marmel gründen.

221
So steh' und wachse denn/ du grosser Danckelmann!
222
Der himmel öffne dir die schaalen seiner güte/
223
Und trenne/ wie der blitz/ was dein gesetzt gemüthe/
224
So/ wie der erden dunst die lufft/ benebeln kan.
225
Er lasse dieses haus dem myrrhen-baume gleichen/
226
Dem wunde/ schnitt und sturm bloß neuen safft erweckt;
227
Und wo der ahnen ziel/ gleich wie in königreichen/
228
Auff sieben hundert jahr nur seinen lauff erstreckt;
229
So wünsch ich dennoch/ daß nach sieben hundert jahren
230
Erst möge frische krafft in deinen stamm-baum fahren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Benjamin Neukirch
(16651729)

* 27.03.1665 in Rydzyna, † 15.08.1729 in Ansbach

männlich, geb. Neukirch

Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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