Auff das absterben Hn. Ferdinands von Mudrach/ Käyserl. Raths und Präsidis in Breßlau/ 1690

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Benjamin Neukirch: Auff das absterben Hn. Ferdinands von Mudrach/ Käyserl. Raths und Präsidis in Breßlau/ 1690 (1697)

1
Der affe der natur/ die schatten-volle nacht/
2
Fieng unlängst meinen geist mit träumen an zu wiegen/
3
Und hatte die vernunfft kaum aus dem circkel bracht/
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Als ich Budorgis sah auff einem berge liegen.
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Zu ihren füssen war ein krannich vorgestellt/
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Der/ da er vor sein heer noch voller sorgen wachte/
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Und alle durch sein stehn im schlaffe sicher machte/
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Von pfeilen/ wie ein baum vom donner/ ward gefällt;
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Die andern flogen noch vor schrecken hin und wieder/
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Mit dieser Uberschrifft: Der beste liegt darnieder.

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Der grund des berges war mit wapen überstreut.
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Auff diesem zeigte sich der adler voller klagen;
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In seiner matten schooß lag die erfahrenheit/
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Und hatten vor den tod viel bücher auffgeschlagen;
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Sein sinn-gemählde war ein diamanten-stein/
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Mit der bezeichnungs-schrifft: Die zierde von der sonnen.
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Vielleicht/ weil/ wie sein glantz vom himmel kommt geronnen/
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So witz und wissenschafft des adels ausputz seyn/
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Und perlen und beryll von muscheln zwar entspriessen/
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Die hoheit aber muß aus ihren strahlen fliessen.

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Gleich über hatte sich die redligkeit gesetzt.
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Ihr kopff war voller angst/ wie brüche voller narben;
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Zur rechten lag ein hertz aus helffenbein geetzt/
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Auff dem diß urthel stund: Von gleicher art und farben.
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Zur lincken aber war ein hermelin gestellt/
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Das/ wenn man seinen leib mit feur und koth umringet/
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Viel lieber in die glut als in den unflath springet/
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Und dieses denckmahl trug: Rein/ oder von der welt.
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Zum schimpff uns/ die wir offt im hertzen voller flecken/
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Wie schwartzes schwanen-fleisch in weissen federn stecken.

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Nicht weit von dieser ab saß die gerechtigkeit/
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Und hatte mit der hand ein spiegel-glaß umgriffen/
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Auff dessen rande stund: Aus asche zubereit.
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Und drüber diese schrifft: Vor alle gleich geschliffen.
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Zur lehre: daß die pracht des richters asch' und spreu/
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Sein leben/ wie der leib/ nur schwachem glase gleiche;
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Der platz/ auff dem er sitzt/ vor arme/ wie vor reiche/
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Nicht anders/ als der thau vor alle blumen sey/
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Und ihm/ wofern er nicht nach geld und gunst soll wählen/
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Egyptens meynung nach/ muß hand und auge fehlen.

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Zwey schritte weiter war die gottesfurcht zu sehn.
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Ihr hals trug einen krantz von hyacinthen-steinen/
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Die/ wie das wetter fugt/ auch ihre farben drehn/
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Mit dieser überschrifft: Der himmel will nicht scheinen.
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Ihr antlitz aber sah zwey sonnen-blumen an/
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Die voller liebes-lust zur sonnen-kugel brannten/
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Zur seiten aber sich vom monden abwärts wandten/
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Mit dieser leuterung: Nur einem zugethan.
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Zu zeigen: daß der mensch nur einen Gott erkennen/
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Und wie ein hyacinth soll nach dem himmel brennen.

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Am ende sassen drey mit tüchern überdeckt/
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Und hatten über sich den affen lassen mahlen/
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Der/ wenn der monde fällt/ sich todt zur erde streckt/
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Mit dieser neben-schrifft: Aus mangel deiner strahlen.
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Den allen fügte sich Timantes endlich bey/
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Und sann auff witz und kunst ihr trauren abzuschildern;
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Doch merckt ich/ daß er nur/ nach vielen falschen bildern/
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Diß auff die decken schrieb: Der schmertzen conterfay.
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So gar kan traurigkeit/ wie wasser in der erden/
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Wann sie die liebe führt/ zu grossen ströhmen werden.

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Indem ich voller furcht diß alles noch besah/
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Kam der erblaßte tod in zirckel eingetreten.
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Viel geister suchten ihn/ so wie in Africa
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Die ziegen ihren gott/ den hundsstern/ anzubeten.
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Von diesen gaben sich mir sonder alle müh/
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Der Pyrrhus/ Atticus und Plato zu erkennen;
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Die andern liessen sich Anton und Cäsar nennen;
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Auff allen aber stund: Des todes opffer-vieh.
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Und hinter ihnen war auff einem wasser-ballen
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Im schatten noch zu sehn: So sind wir auch gefallen.

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Ach! dacht ich/ hält denn nichts auff erden festen lauff?
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Als gleich der glaube kam vom himmel abgeschossen/
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Aus seinem haupte stund ein junger Phönix auff/
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Und drüber dieser trost: Dem tode nur zum possen.
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Am kleide war der berg Olympus abgemahlt/
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Mit beygesetzter schrifft: Mein gipffel hat gewonnen.
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Vielleicht: Weil dieser berg stets oben von der sonnen/
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Ein frommer ewiglich im himmel wird bestrahlt/
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Und sich ein wahrer Christ durch glauben muß vom leiden/
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Wie süsse palmen-frucht von bittern wurtzeln/ scheiden.

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Nicht weit von diesem schwang die tugend ihren rock/
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Und brach durch neuen glantz die dünste meiner sorgen.
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Ihr sinnen-bildniß war ein matter reben-stock/
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Der wider schnee und frost im miste lag verborgen/
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Und über dem ein ball von pulver angezündt/
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Mit der bekandten schrifft: Ich leb im untergange.
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Zur seiten aber ab war eine wasser-schlange/
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Der/ wo sich gleich ein bruch an ihren häuptern findt/
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Doch stets/ wenn eines fällt/ ein neues wird gebohren/
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Mit dieser überschrifft: Mit einem nicht verlohren.

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Nach vieler pracht beschloß diß schwartze todten-fest
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Die lieb'/ in einer tracht von frischen Amaranthen.
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In ihrem schilde stund ein brennender Asbest/
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Mit dieser neben-schrifft: Aus liebe zun verwandten.
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Die brust schoß einen strohm von oel und balsam-safft
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Nach denen nur allein noch übrigen betrübten/
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Zum zeichen: daß der tod am grabe der veliebten/
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So wenig als ein wurm an ceder-ästen hafft/
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In wolken aber schien/ wie eine feder schriebe:
100
Der welt unsterblich feur ist glaube/ tugend/ liebe.

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Diß meynt ich/ hätt ich nechst im traume nur erblickt/
102
Heut aber bricht der tod das siegel meiner augen/
103
Da unser Mudrach sich vor seinem donner bückt/
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Und alle thränen-saltz aus seinem grabe saugen.
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Denn wo Trajan den ruhm des besten in der welt/
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Nur wegen seines amts/ vor andern weggetragen;
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Ein schiff den steuermann am meisten muß beklagen;
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Schreibt billig iede stadt/ wenn haupt und wächter fällt/
109
Budorgis aber itzt in ihre trauer-lieder/
110
Was Rom vor diesem sprach: Der beste liegt darnieder.

111
Zwar geb ich gerne nach/ daß dieses Canons ruhm/
112
Bald ein Timotheus wird herrschend überwiegen;
113
Denn dieses ist und bleibt der klugen eigenthum/
114
Einander durch ihr licht wie sternen obzusiegen.
115
Allein sein wesen war auch allen nicht gemein.
116
Denn da der Marius muß einem Sylla weichen/
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Und ihm in ahnen nicht kan wie an thaten gleichen/
118
Goß ihm der adel glantz/ wie schnecken purpur ein/
119
Und riß ihn über die/ die nach des pöfels züchen/
120
Wie regen insgemein nach ihrem dampffe riechen.

121
Des adels lebens-saltz ist die erfahrenheit/
122
So wie granaten-frucht die nahrung ihrer kronen;
123
Denn grob und edel seyn/ wird endlich mit der zeit
124
Ein haus/ in welchem nichts als leere titel wohnen.
125
Er hörte bald/ als kind/ der alten lehren an/
126
Und zeigte/ daß auch schon die balsam-blüte leben/
127
Ein junger zimmet-baum die beste blüte geben/
128
Und fleiß und jugend offt am höchsten steigen kan.
129
So spielet die natur/ daß auch gelehrte müssen/
130
Wie guter myrrhen-safft/ nur von sich selber fliessen.

131
Doch diß war nur der wind/ der seine funcken bließ/
132
Und schien/ daß ihn der trieb Epaminondens rührte/
133
Der seinen Lysis eh nicht wieder von sich ließ/
134
Als biß er gleiche krafft an dem verstande spürte.
135
Drum hat er nur drey jahr mit hören zugebracht/
136
Was Conrings grosser witz vor lehren abgewogen;
137
Biß Böcklers hoher ruhm ihn weiter fortgezogen/
138
Und endlich auch in ihm die regel wahr gemacht:
139
Daß wer im labyrinth der bücher nicht will fehlen/
140
Ihm kluge leute muß zur Ariadne wählen.

141
Von büchern wandte sich sein auge zu der welt;
142
Denn witz und klugheit sind wie zweige von corallen/
143
Die eher die natur in steine nicht verstellt/
144
Biß daß sie nach der see hat fremde lufft befallen.
145
Was Franckreich in sich hält/ was Niederland verbirgt/
146
Diß alles waren ihm wohlriechende jesminen/
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Aus denen sein verstand nicht anders als die bienen/
148
Der weißheit honigseim ihm selber ausgewürckt.
149
So müssen spielende die würffel im verkehren/
150
Wer reiset/ ieden blick mit vortheil angewehren.

151
Die meisten scheinen nur von weitem groß zu seyn/
152
Nach art der von der erd' entfernten monden-flammen;
153
Wenn aber ihre treu die bürger soll erfreun/
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Fährt sie wie schwefel-werck in dicker lufft vonsammen.
155
Sein nutz war anderwärts mit schalen stets verdeckt/
156
Und fing sich allererst in Breßlau an zu zeigen/
157
Zur lehre/ daß auch krafft in ungeblühten feigen/
158
Wie gold und feuer-glantz in Chrysolithen steckt/
159
Und diese ruhm verdient/ die auff der mutter erden/
160
Wie dattel-bäume nur bey datteln fruchtbar werden.

161
Was aber hat sein geist nach diesem nicht gethan?
162
Als er den bürgern halff vor ihre wohlfahrt sorgen/
163
Und offt den besten rath im nebel schwartzer morgen/
164
Wie spinnen ihren zeug bey trübem wetter spann.
165
Der schlaue Hannibal hat alles vor gesehn/
166
Was erst Carthago sich am ende ließ erschrecken/
167
Er aber prüfte stets die wege/ wie die schnecken;
168
Ließ bald vom anfang nicht/ was schädlich war/ geschehn/
169
Und glaubte/ daß ein rath der klugheit gröste gaben/
170
Wie leuen ihre krafft/ muß in den augen haben.

171
Der weißheit winckel-maaß war seine redligkeit/
172
Denn ob sich gleich die welt mit liljen-blättern zieret/
173
Im hertzen/ wie ihr stiel/ hingegen galle führet/
174
Und als ein tannen-baum vergifften schatten streut;
175
So blieb der selige doch marmel-kugeln gleich/
176
Und ohne schmincke so/ wie diese sonder ecken/
177
Hielt witz bey falschheit nur vor sonnen voller flecken/
178
Und machte niemahls sich durch fremde seuffzer reich/
179
Wohl aber/ daß auch noch kein fehl an seinem leben/
180
So wie kein wasser bleibt an reinen schwanen kleben.

181
Aus dieser mutter nun floß die gerechtigkeit/
182
Ein kind/ das ihrer viel wie Galba niederdrücken/
183
Wenn sie der purpur-rock auff ihrem alten rücken/
184
Mehr als ein panterthier der jäger wein/ erfreut.
185
Hier war ein Phocion/ den dieses nur betrübt:
186
Wie er vor iedermann/ was recht ist/ möge fällen:
187
Ein seltner Atticus/ der wie ein fisch die wellen/
188
Die menschen auff der welt hat alle gleich geliebt;
189
Und wenn sein urtheil ja die bürger straffen müssen/
190
Nur böse/ wie ein storch die schlangen/ hat zerrissen.

191
Was aber säum ich noch der seelen angelstern/
192
Das feur der gottesfurcht an seiner brust zu preisen?
193
Das wie castaneen nur ihren reiffen kern/
194
So lauter volles licht der erden konte weisen.
195
Ein stein steigt unterwärts/ die flammen himmel an;
196
Er warff den schweren stein der sünden zu der erden/
197
Bemühte sich durch glut des himmels freund zu werden/
198
Und hat wie Daniel offt betend dargethan:
199
Daß rechte gottesfurcht/ die allen fall soll meiden/
200
So wenig kälte muß als grüne schoten leiden.

201
Was wunder ist es denn/ daß er die krancke welt/
202
Auch nun dem leibe nach auff ewig hat vergessen?
203
Die nur mit nattern sich so lange freundlich stellt/
204
Biß die die nachtigall/ sie aber uns gefressen.
205
Der mensch wird nur allhier durch falsche lust und pracht/
206
Gleich wie ein tieger-thier durch spiegel auffgehalten;
207
Doch wenn wir endlich nun bey geld und gut veralten/
208
Und wie Severus uns durch thaten groß gemacht/
209
Last uns der tod wie ihn nur diese grabschrifft lesen:
210
Was hilfft es/ daß ich vor bin alles hier gewesen?

211
Doch denckt nicht/ sterbliche/ daß er gestorben sey!
212
Denn seine seele trägt des glaubens ehren-kronen/
213
Und scheidet ihre lust nur von der erden spreu/
214
Wie pomerantzen-frucht von schlechten wasser-bohnen.
215
Die tugend wird sein lob auch in des grabes nacht/
216
Wie sonnen ihren glantz beym untergange mehren/
217
Zu zeigen: daß der tod zum tempel unsrer ehren/
218
Wie regen zu der frucht/ den ersten anfang macht.
219
Budorgis aber hat mit diesem nichts verlohren/
220
Weil ihr der himmel schon ein gleiches haupt erkohren.

221
Ihr seyd nur noch allein/ betrübte/ voller schmertz/
222
Wo seine liebe kan in euren augen sterben.
223
Wie aber kan sie wohl/ da sein getreues hertz
224
Will einen marmel-sitz in eurer brust erwerben?
225
Drum denckt: der himmel kan betrüben und erfreun/
226
Und seuffzer/ wie den blitz der regen-bogen/ trennen;
227
Denn weil der selige nun will in freuden brennen/
228
Wird ihm eur wasser auch vielleicht zuwider seyn;
229
Nicht aber/ wenn die welt auff seinen leichstein schriebe:
230
Der grund der seligkeit ist glaube/ tugend/ liebe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Benjamin Neukirch
(16651729)

* 27.03.1665 in Rydzyna, † 15.08.1729 in Ansbach

männlich, geb. Neukirch

Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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