Der zunder der natur/ den Adam noch behielt/

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Benjamin Neukirch: Der zunder der natur/ den Adam noch behielt/ Titel entspricht 1. Vers(1697)

1
Der zunder der natur/ den Adam noch behielt/
2
Als klugheit und verstand wie zucker war zerronnen/
3
Hat zwar in heyden auch so grosses licht gewonnen/
4
Daß seiner flammen glut durch stumme bilder spielt:
5
Wenn Rom und Persien unsterblich feuer ehret/
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Aus dem die ewigkeit des grossen Gottes blitzt:
7
Athen der weißheit brunn in der Minerva lehret;
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Egypten Isis bild mit hundert brüsten schnitzt/
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Zu zeigen: Daß die krafft der geister-vollen erden/
10
Durch brüste der natur muß unterhalten werden.

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Doch mensch und klugheit muß wie grund-eiß untergehn;
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Nachdem uns Gott und schrifft zur sonne selber dienen:
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Drum läst der grosse fürst der schwartzen Abyßinen/
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Ein edler sinnenbild als alle Griechen sehn:
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Wenn seiner sclaven hand ihm nach der Mohren sitten/
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Drey schaalen auff das gold der schweren tafel stellt;
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Davon die erstre obst/ so wie ein creutz zerschnitten/
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Der andern umkreiß feur/ der dritten asche hält/
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Und jene Christus bild/ die andere der höllen/
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Die letzte tod und grufft ihm soll vor augen stellen.

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Denn eben dieses ist des glaubens kern und safft/
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So wie gebrandter tranck die krafft von zimmet-rinden.
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Auff diese pfeiler muß sich Christ und priester gründen/
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Der nicht am sünden-koth verdamter wollust hafft:
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Und endlich dieses ist/ was noch bey seinem leben
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Des nunmehr seligen erblaßter mund gelehrt:
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Wenn er wie Memnons bild des morgens thon gegeben/
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Die schulen wie der mond die pflantzen hat vermehrt/
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Und allen kurtz gesagt: Calovius im lesen/
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Im reden Müller ist/ im schreiben Arndt gewesen.

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Der stärckste balsam ist/ der von sich selber wächst;
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Die besten priester sind/ die von sich selber steigen:
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Sein eyfer fing sich schon in wiegen an zu zeigen/
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Und hat nach himmels-thau wie muscheln bald gelechst.
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Die lehr-begierde wuchs mit den erlangten jahren/
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Der klugheit blüte nahm mit allen stunden zu:
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Je schärffer aber offt die müden glieder waren/
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Je seltner ließ sein geist papier und büchern ruh:
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So gar muß beyderseits gelehrten und den bienen/
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Auch müh und arbeit offt nur zur ergetzung dienen.

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Des fleißes mißgeburt ist trotz und schmeicheley.
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Die pflegt die klügsten auch wie pfauen auszukleiden:
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Er aber ließ sich bald durch frembden ruhm bescheiden/
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Daß keiner zu gelehrt zu einem priester sey.
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Der sprachen grosser brunn/ der alten väter schrifften/
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Der secten unterscheid/ der schwermer irrlichts-schein/
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Und was die staats-sucht offt vor frieden denckt zu stifften/
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Schrieb auch in seine brust mit diamanten ein:
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Die müsten etwas mehr als Hobbes bürger wissen/
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Die Christum von der welt nicht denken außzuschliessen.

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Wie nun die aloe der stauden kostbarkeit
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In funffzig jahren erst durch ihre blumen zeiget
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Und denn in einer nacht ihr stengel höher steiget/
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Als alle stauden sonst die gantze sommer-zeit:
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So keimte zwar sein ruhm mit iedem augenblicke;
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Denn ehre folgt der müh wie thürmen schatten nach;
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Die demuth aber hielt den stengel noch zurücke/
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Biß selbst ein hoher rath der blumen riegel brach/
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Und er auff eine zeit ein glied im doctor-orden/
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Und ober-priester ist im grossen Breßlau worden.

61
Was aber müh ich mich doch mit der aloe
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Den wachsthum dieses haupts an kräfften zu vergleichen?
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Was dort im tage blüht/ muß mit der nacht verstreichen;
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Hier schoß der blumen pracht fast stündlich in die höh.
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Der traurbaum Indiens scheint seiner zwar zu schonen/
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Und schleust nur bey der nacht der blüte flocken auff:
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Hier aber wuste nichts als nutzbarkeit zu wohnen/
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Kein frost/ kein sonnen-schweiß brach seiner arbeit lauff/
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Dadurch er denn bezeugt: Daß priester lampen wären/
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Die offt in anderm dienst ihr öle selbst verzehren.

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Die krafft/ die nun zuletzt aus diesen blumen schoß/
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War/ daß er erstlich Gott recht wuste vorzustellen/
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Wenn sein erhitzter mund mit milch und honig-qvellen/
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So wie Chrysostomus mit göldnen ströhmen floß.
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Denn einen grossen gram von grillen aus sich schütten/
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Zeigt nur gelehrsamkeit nicht aber andacht an;
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Und Christus selber hat in dornen zwar gelitten;
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Er aber Acoluth durch lehren dargethan:
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Daß auch granaten-safft in purpur-rothen kronen/
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Und Christus ehre kan auff göldnen lippen wohnen.

81
Doch/ wie ein gärtner nichts/ was ruhm verdient/ gethan/
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Der alte bäume stützt und krumme läst veralten:
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So ist ein priester nichts/ der fromme nur erhalten/
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Nicht aber auch zugleich die sünder straffen kan.
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Ambrosius hat schon zu seiner zeit erfahren/
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Daß raup und unflat auch in käyser-kronen steckt/
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Daß fall und schönheit sich so wie geschwister paaren/
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Der sonnen heisse glut auch kröt' und molchen heckt:
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Soll nun das stille gifft nicht geist und seele schwächen/
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So muß aus himmeln auch zuweilen donner brechen.

91
Ihr sünder/ die sein mund mit furcht und trost erfüllt/
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Helfft meine feder hier durch euer zeugniß schützen
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Wie eurer wollust brunst vor seines eyfers blitzen/
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So wie ein elephant vor widdern sich gestillt:
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Wie dieser Nathan euch durch lehren von der höllen/
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Offt zähmer als den stier der feigenbaum gemacht;
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Und Archimedes eh zur ruh sich konte stellen/
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Da er der grossen kunst vergebens nachgedacht/
99
Wie man Egyptenland mit wasser solte träncken/
100
Als dieser/ wie er euch zum himmel möchte lenken.

101
Der Mohren letztes bild ist endlich asch und tod;
102
Der priester drittes ampt/ die lehre recht zu sterben.
103
An diesem faden hengt errettung und verderben/
104
Durch diß fällt Caracall in angst und höllen-noth.
105
Wer aber weiß wohl nicht/ was Acoluth gelehret/
106
Wenn er die sichre welt des todes überwieß?
107
Der frommen helden-muth durch himmels-trost vermehret/
108
Verzagten aber stets in hertz und ohren bließ:
109
Man müste/ wolte man mit tod und teuffel kriegen/
110
Wie Constantinens heer/ im creutze Christus siegen.

111
Und so traff Acoluth mit seinen lehren ein:
112
Diß war die läuterung der Abyßiner schaalen:
113
Was aber nützet wohl mit engel-zungen pralen/
114
Wenn wir im hertzen doch nur Epicurer seyn?
115
Ein priester/ dessen glantz wie diamanten blitzet/
116
Und dennoch schlechte spreu vor seine seele wehlt;
117
Dem auff dem munde milch und rosen-zucker sitzet/
118
Im hertzen aber geist und lebens-öle fehlt;
119
Kan uns zur himmelfahrt so wenig schiff und nachen/
120
Als ohne mittelpunct gewölbte circkel machen.

121
Den nachruhm/ den auch hier der selige verdient/
122
Gebrechen mir vielleicht zu schreiben zeit und stunden:
123
So gar war mund und hertz an einen thon verbunden/
124
So gar hat blüt und frucht nach einer art gegrünt.
125
Er wust und glaubte fest: Daß scharlach weissen händen/
126
Und priestern frömmigkeit am allerschönsten steh;
127
Drum hub er stets zu Gott/ als wie die sonnen-wenden/
128
Den gipffel seines haupts mit freuden in die höh/
129
Und hatte/ was sein mund der kirchen ausgeleget/
130
In dreyen schalen auch der seelen eingepreget.

131
Die erste schaale war sein flammen-volles hertz/
132
In welchem Christus creutz und seine dornen stunden.
133
In diesem kühlten sich nun seine liebes-wunden/
134
So wie ein hirsch durch kraut der glieder gifft und schmertz.
135
Zwar Alexanders bild ward auch zu Rom getragen/
136
Und solte dem August ein pfand der ehren seyn:
137
Allein sein hertz verwarff was Griech und Römer sagen/
138
Und bildte sich weit mehr mit Christus purpur ein/
139
Von dessen hoher krafft/ wie sterne von der sonnen/
140
Die Götter dieser welt selbst ihren glantz gewonnen.

141
Das glücke/ das der mensch vor seinen abgott hält;
142
Die ehre/ der wir sonst fußfällig opffer reichen;
143
Diß alles pflegt' er nur der mutte zu vergleichen/
144
Die durch der flügel krafft in tod und flamme fällt;
145
Und ließ der zeiten sturm sein hertz so wenig schwächen/
146
Als spiegel/ deren glantz nur ein gesichte zeigt/
147
So bald wir aber nur das taffel-glaß zerbrechen/
148
Mit gleicher würckungs-krafft aus iedem theile steigt;
149
So daß in ihm der spruch: Viel leiden und doch hoffen/
150
Wie beym Empedocles warhafftig eingetroffen.

151
Und warlich! dieses ist der seelen kieselstein/
152
Aus dem das helle feur des wahren glaubens springet.
153
Denn wer in Canaan nach milch und honig ringet/
154
Muß in Egyptenland vor knecht und sclave seyn.
155
Corall und perle wächst im faltze tieffer wellen;
156
Die schönste rose saugt aus nesseln lebens-krafft/
157
Das beste gummi kan nicht ohne winde qvellen;
158
So muß nun auch ein geist/ der an dem himmel hafft/
159
Wie zucker auff der glut/ wie blumen in der erden/
160
Und Athanasius im creutze kräfftig werden.

161
Der himmels-liebe kind/ ist die barmhertzigkeit:
162
Die schwester der gedult den nechsten recht zu lieben;
163
Und wie Pythagoras sich nur im schweigen üben/
164
Wenn neid und eiffer gifft wie drachen auff uns speyt.
165
Hier aber müssen mir die federn ströme giessen/
166
Und dennoch riß ich kaum recht unsern todten ab/
167
Wie er vor wermuths-safft ließ mußcateller fliessen/
168
Der güter zehnden theil den armen leuten gab;
169
Und doch so wenig ist ein kind des elends-orden/
170
Als sein vergnügtes hertz zum Pharisäer worden.

171
Die andre schaale/ die der selige geführt/
172
War sein mit glut und feur erfülletes gewissen:
173
Denn priestern wird so leicht von sünden/ als narcissen
174
Und lilgen/ fleck und koth von fliegen angeschmiert.
175
Drum hat er auch niemahls vor engel sich gepriesen/
176
Er fühlte/ wie ein mensch/ auch angst und seelen-pein/
177
Und hat der sichern welt mit thränen offt gewiesen:
178
Wer dorten nicht ein knecht der höllen wolte seyn/
179
Der müste hier durch reu vor Gottes zorn-gewittern/
180
So wie Caligula vor blitz und donner zittern.

181
Sein drittes sinnen-bild war endlich asch und grab/
182
Die schaale/ die sie trug/ sein festgesetzter glaube.
183
Wie manchem Nero wird das hertze hier zu staube!
184
Wie manchem Hannibal fällt schild und harnisch ab!
185
Er aber ließ uns offt aus seiner andacht lernen:
186
Daß rühmlich leben nichts/ als täglich sterben sey.
187
Der tod/ der füge nur so wie cometen-sternen
188
Den frommen furcht und angst/ nicht aber schaden bey;
189
Und könne Christen ja so wenig bitter schmecken/
190
Als mandeln/ weil sie nur in harten schalen stecken.

191
Und endlich hat er selbst der erden abgedanckt/
192
Sein geist hat kett und strick des todes durchgerissen/
193
Und legt die schalen nun zu seines Gottes füssen/
194
Mit denen hier der leib im leben hat geprangt:
195
Sein Jesus aber füllt sie alle voller sonnen/
196
Mit diesen worten an: Das licht der traurigkeit.
197
Der mund der engel/ die vor liebe fast zerronnen/
198
Küßt mit der losung ihn: Der seelen liebes-streit.
199
Der himmel aber selbst rieff/ eh sie ihn noch küßten:
200
Diß ist der rechte kern der priester und der Christen.

201
Ob gleich der himmel nun den grossen geist verwahrt/
202
So muß Alphonsus stein doch seinem ruhme weichen/
203
Der auff der wagen sich zwar allen konte gleichen/
204
Von erden aber so/ wie federn/ leichte ward.
205
Denn wo Martellus sich kan groß und glücklich schätzen/
206
Weil er drey söhne läst von gleicher tapfferkeit;
207
Muß man dem seligen sein lob in marmel ätzen/
208
Weil ihn der kinder glantz auch in der grufft verneut/
209
Und er drey söhne läst/ durch die er kan auff erden/
210
Wie Pfeiffer/ Lauterbach und Krafftheim/ ruchtbar werden.

211
Drum gebt/ betrübteste/ des himmels donner nach!
212
Denn schmertz und unglück wird durch thränen nicht verbunden:
213
Der beste balsam qvillt aus tieff-geritzten wunden/
214
Und morgen streut offt gold/ was gestern blumen brach.
215
Der ist nur lobens werth/ der fromm und selig stirbet;
216
Der aber ist ein Christ/ der seine schwachheit stärckt/
217
Wie Amianthen-stein im feuer nicht verdirbet/
218
Als cedern feste steht/ von Mohren aber merckt:
219
Daß ieder/ der ihm nicht den himmel will verschlagen/
220
Muß creutze/ feur und asch' in seinem hertzen tragen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Benjamin Neukirch
(16651729)

* 27.03.1665 in Rydzyna, † 15.08.1729 in Ansbach

männlich, geb. Neukirch

Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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