Wir arme sterblichen/ wir haben aug' und licht/

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Benjamin Neukirch: Wir arme sterblichen/ wir haben aug' und licht/ Titel entspricht 1. Vers(1697)

1
Wir arme sterblichen/ wir haben aug' und licht/
2
Und dennoch fliegen wir wie mutten ins verderben.
3
Wir fühlen/ wenn der todt uns das genicke bricht/
4
Nicht aber allemahl/ wann unsre seelen sterben.
5
Wir riechen zwar das grab/ doch nicht die seuchen an;
6
Wir schmecken nur das gifft/ nicht aber seine lehren:
7
Ja/ da wir den Galen als einen gott verehren/
8
So wird dem Moses offt das ohre zugethan:
9
Und also sterben wir vor an verstand und sinnen/
10
Eh unsre lippen schnee/ die glieder eiß gewinnen.

11
Daher entspringt die furcht des Dionysius/
12
Wenn er sein leben nicht will weib und kindern trauen;
13
Der irrthum/ daß Tiber die jahre Priamus/
14
Mecän sich lieber arm/ als sterbend/ wünscht zu schauen.
15
Daß Brutus wie ein bär nach fremdem blute steigt/
16
Sich selbsten aber nicht zum tode kan entschliessen.
17
Ein Xerxes thränen läst um seine völcker fliessen/
18
Weil ihre sterblichkeit ihm etwan seine zeigt/
19
Und Massanissa sich mit grimmigen Molossen/
20
Wie Nero seinen leib mit deutscher macht umschlossen.

21
Ach aber/ thörichte! was seyd ihr doch bemüht
22
Diß krancke lazareth auff erden rum zu tragen/
23
Daß aussen zwar die kunst mit scharlach überzieht/
24
Von innen aber gram und faule würmer nagen?
25
Es braucht nur einen tag/ uns in die trübe welt/
26
Und wieder aus der welt in himmel zu versetzen.
27
Der kennet die natur mit allen ihren schätzen/
28
Der nur ein eintzig jahr auff erden taffel hält;
29
Und wer den untergang von Troja hat gelesen/
30
Der weiß auch was die pracht der gantzen welt gewesen.

31
Man falle wie man will/ durch pulver oder bley/
32
Man sterbe mit Hostil von donner oder blitzen;
33
Man bring uns siedend ertzt und schweffel-suppen bey/
34
Und laß uns in der glut wie den Perillus schwitzen;
35
Rom sinne neue qual/ Carthago martern aus/
36
Der stoltze Sylla mag auff seinen hencker pochen/
37
Die Japonesen gifft und saure träncke kochen;
38
Es ist doch alles eins/ ob dieses knochen-hauß
39
Durch wasser oder feur/ früh oder spät verdirbet/
40
Wenn unsre seele nur nicht mit dem leibe stirbet.

41
Hier aber wancket offt die nadel der vernunfft;
42
Es ist nicht gleiche kunst zu sterben und zu leben.
43
Die Celten glaubten auch der seelen wiederkunfft/
44
Die sie zuweilen doch für wein und gold gegeben.
45
Der kühne Curtius springt willig in das grab/
46
Die Decier mit lust in ihrer feinde degen:
47
Saul will sich lieber selbst als seinen scepter legen;
48
Doch deren keiner nimmt an der erfahrung ab/
49
Daß/ wenn die sünde ruhm/ die natter kinder bringet/
50
Hier insgemein der leib/ und dort die seele springet.

51
Diß hat vorzeiten schon die kluge welt bedacht/
52
Wenn Plato Gott und mensch zusammen lehrt verbinden.
53
Pythagoras die lust zu wilden thieren macht/
54
Und Zeno sich bemüht/ das höchste gut zu finden.
55
Die schrifft hat folgends sie darinnen ausgeübt;
56
Gott aber kan es uns mit dreyen worten lehren/
57
Wann er Arsenium läst diese stimme hören:
58
Fleuch/ schweige still und ruh! denn wer den himmel liebt/
59
Der muß die sünden fliehn/ im creutze stille schweigen/
60
Und eher/ als Gott winckt/ nicht in die grube steigen.

61
Ihr/ die ihr geld und gut vor eure götter schätzt/
62
Aus manna wermuth macht/ den honigseim verbittert/
63
Die ordnung der natur aus ihren schrancken setzt/
64
Und wie ein pappel-strauch vor iedem winde zittert;
65
Die ihr mit lehren schertzt/ an worten zweiffel tragt/
66
Kommt und eröffnet hier die augen des verstandes!
67
Diß todte frauen-bild/ diß muster dieses landes/
68
Das unser hoff so sehr als ihr gemahl beklagt/
69
Wird euch und eurer furcht am allerbesten weisen/
70
Wie man aus dieser welt muß in den himmel reisen.

71
Ihr erster lebens-tag trat voller freuden ein/
72
Der frühling mischte selbst die nelcken ihrer wangen;
73
Die glieder schienen klee/ die lippen thau zu seyn/
74
Von dem die bienen milch/ die schnecken perlen fangen.
75
Was Rahel an gestalt/ an sitten Esther war/
76
Das zeigte hier der glantz von ihrem angesichte/
77
Das wie der morgen-stern mit seinem frühen lichte
78
Uns allen sonnenschein/ ihm aber ruhm gebahr.
79
Kurtz: Mund und hertze wieß/ gleich wie ihr stamm der erden/
80
Daß keine nessel kan aus einer rose werden.

81
Inzwischen kam der tod einst bey gewölckter nacht/
82
Als wie ein marderthier in ihr gemach gekrochen/
83
Als gleich diß engel-bild in einen traum gebracht/
84
Und ihrer augen licht vom schlaffe war gebrochen;
85
Er sah sie lange zeit mit steiffen augen an/
86
Ha! sprach er endlich drauff/ was thränen werd ich kriegen/
87
Wenn dein erblaßter leib wird in dem grabe liegen?
88
Das seine schönheit schon so vielen auffgethan;
89
Denn eltern wollen doch mit adlern eh' verderben/
90
Als ihre kinder sehn in ihrem schoosse sterben.

91
Doch nein! ich irre mich/ ich irre/ fuhr er fort/
92
Mein amt ist nicht allein auff erden fleisch zu fressen.
93
Ein allzu früher sturm führt manchen an den port/
94
Der sonsten noch vielleicht hier würde Gott vergessen.
95
Bey heyden hab ich nichts als ihre leibes-krafft/
96
Bey Christen aber auch die seele zu bestreiten:
97
Drum muß ein Absolon vor in die hölle gleiten/
98
Eh' mein erhitzter zorn ihn von der erden rafft.
99
Auff/ mutter/ rüste dich/ erscheine deinem kinde!
100
Denn was der tod nicht kan/ vollführet doch die sünde.

101
Diß hatt er kaum gesagt/ so ließ die schlangen-brut/
102
Die tochter Lucifers/ die sünde/ sich erblicken;
103
Ihr angesicht war gifft/ die lippen drachen-blut/
104
Die armen schneidend stahl/ die füsse bettler-krücken.
105
An ihrem halse hieng ein dünnes zauber-glaß/
106
Mit dieser überschrifft: durch lügen und betriegen.
107
Die brust war kaum zu sehn vor einem hauffen fliegen/
108
Der mit der grösten lust von ihrem eyter fraß:
109
Von hinten folgten zwar der glaub und das gewissen;
110
Doch beyden waren auch die augen ausgerissen.

111
Hier hast du/ liebster sohn/ sprach dieser höllen-brand/
112
Die diener deines staats/ die satan dir erkohren/
113
Nachdem er dich aus mir/ mich aber sein verstand/
114
Wie vormahls Jupiter Minerven/ hat gebohren.
115
Indem so jagte sie die fliegen in die höh/
116
Und sieh! den augenblick ward eine zur Megeren/
117
Die andern kehrten sich in rasende Chimeren/
118
So wie ihr gantzer kopff in eine feuer-see:
119
Viel aber sah man auch an gliedern und geberden
120
Wie den Lycaon einst zu thier und wölffen werden.

121
Erschrick nicht/ bließ sie drauff ihm in die ohren ein/
122
So sind die laster nur dem wesen nach gebildet:
123
Itzt aber solstu sehn/ wie dieser zauber-schein
124
Sie wieder durch den glantz als engel übergüldet.
125
Hierauff verdrehte sie den spiegel in der hand/
126
Und spritzte siebenmahl aus ihrem faulen rachen:
127
Gleich überwurffen sich die ungeheuren drachen/
128
Und traten ingesammt wie kinder an die wand:
129
Die wölffe machten sich zu angenehmen frauen/
130
Und in Megera war Medusa selbst zu schauen.

131
Aurora ist so schön bey frühem morgen nicht/
132
Wenn sie die tropffen noch von ihrem purpur schüttelt;
133
Nicht Ledens schwanen-kind/ wann es die schalen bricht/
134
Und der verliebten welt witz und verstand zerrüttelt/
135
Als diese furie nach ihrem wechsel schien:
136
Die augen brandten ihr wie zwey erhitzte sonnen/
137
Die glieder hatten selbst narcissen übersponnen/
138
Die wangen färbten sich wie spanischer jasmin/
139
Von unten aber war auff einer feuer-flammen
140
Die kurtze schrifft zu sehn: Lust und verlust beysammen.

141
Gleichwohl kam ihre pracht nicht denen andern bey/
142
Die als 2 Gratien ihr gegenüber stunden:
143
Denn eine hatte gar mit rother liberey
144
Den thurn von Babylon auff ihren kopff gebunden/
145
Aus dem ein trüber rauch mit diesen worten fuhr:
146
Je weniger ich bin/ je höher will ich steigen.
147
Der zierath ihrer brust war von corallen-zweigen;
148
Denn dieses kraut und wir sind einerley natur;
149
Weil seine rancken bloß von kühler lufft der erden/
150
Wir durch den hochmuths-wind zu harten steinen werden.

151
Die andre übertraff das gantze Morgenland/
152
Durch ihren kleider-schmuck an perlen und rubinen:
153
Die schuh bedeckte gold/ die stirne diamant/
154
Die haare muste Rom mit puder sebst bedienen;
155
Der mund stieß einen dampff von amber-kugeln aus/
156
Zur seiten aber stund ein tisch von helffenbeine/
157
Und neben dem ein faß mit Syracuser weine/
158
Die speise selber war ein grosses zucker-hauß/
159
Ein Indisch vogel-nest und eine Scarus-leber/
160
Mit dieser überschrifft: Der seelen todten-gräber.

161
Hier siehstu (fieng indem die sünde wieder an)
162
Drey frauen/ lieber sohn/ die alle welt bethören:
163
Die erste zeiget ihr der wollust süsse bahn;
164
Die andre ist der geist der hoffart und der ehren;
165
Die dritte wohnet meist der reichen jugend bey/
166
Und läst/ dem nahmen nach/ sich die verschwendung nennen:
167
Die kinder geben dir hingegen zu erkennen/
168
Daß jede missethat klein und verächtlich sey/
169
Biß hölle/ furcht und tod das rechte bild gebähren/
170
Und ihren mücken-kopff in elephanten kehren.

171
Diß sagte sie/ und flog als wie ein blitz davon/
172
Die kinder folgten ihr/ die frauen aber blieben/
173
Und einer ieden ward durch ihren dürren sohn
174
Ein gantzer zettel voll zu schaffen vorgeschrieben.
175
Die erste probe nahm die wollust über sich/
176
Allein ihr witz bestund wie butter an der sonne:
177
Denn unsre selige schlieff voller lust und wonne;
178
Weil Gottes engel nicht von ihrer seiten wich/
179
Und alles/ was diß weib an träumen nur erdachte/
180
Wie warme lufft den schnee/ zu schaum und wasser machte.

181
Der morgen zeigte kaum das lichte rosen-tuch/
182
So fieng das zauber-aß schon wieder an zu spücken:
183
Denn bald versuchte sie durch ein verliebtes buch/
184
Bald durch ein nacktes Bild die seele zu berücken;
185
Bald bließ der ärmsten sie die falsche lehren ein:
186
Die jungfern wären ja von fleisch und blut erschaffen/
187
Die tugend aber nur ein blinder traum der pfaffen/
188
Die weder Gott/ noch mensch/ noch engel wolten seyn.
189
Viel hätten sich daran zu tode zwar geschrieben;
190
Doch wär ihr hertze stets bey schönen weibern blieben.

191
Diß pfiff der seligen die schlange täglich für.
192
Allein ihr guter geist rieff allemahl dagegen:
193
Fleuch! Leonore fleuch! denn wollust und begier/
194
Sind jäger/ die der welt vergüldte stricke legen.
195
Von forne beut ihr mund zibet und zucker an/
196
Von hinten stechen sie wie falsche scorpionen.
197
Die blumen ihrer lust sind weisse liljen-kronen/
198
Die wurtzel aber schmeckt wie bittrer majoran/
199
Die frucht wie honigseim/ der nur den mund verführet/
200
Und doch im magen nichts als gall und gifft gebiehret.

201
Und also blieb ihr hertz von aller regung frey/
202
Biß glück und himmel sie an ihren Meinders bunden.
203
Inzwischen hatte sich das kind der phantasey/
204
Die hoffart/ in den platz der wollust eingefunden.
205
Ihr gantzes reden war: Ein feuer müste licht/
206
Ein grosser seine macht auch in geberden weisen.
207
Die bürger hätte Gott aus grobem bley und eisen/
208
Des adels hohen geist von golde zugericht;
209
Drüm wüsten jene sich so wohl in krumme rücken/
210
Und diese wie ein leu zum herrschen nur zu schicken.

211
Hingegen wandte gleich ihr engel wieder ein:
212
Fleuch! Leonore fleuch! Denn ehre/ stand und adel
213
Sind ohne demut das/ was lampe ohne schein/
214
Granaden ohne kern/ Compaße sonder nadel.
215
Gott hat ihm Sions berg/ und keinen Apennin/
216
Den kleinen David nur/ nicht riesen/ auserlesen/
217
Der allererste mensch ist staub und koth gewesen/
218
Zur lehre: daß er stand und kronen solte fliehn;
219
Nachdem er aber Gott und die vernunfft verlohren/
220
Hat er den adel zwar/ doch auch den tod gebohren.

221
Was hilfft es? fuhr er fort/ daß man die halbe welt
222
Mit Alexandern kan in seinem titul tragen?
223
Je näher man den geist zur sonnen-kugel stellt/
224
Je weiter muß man sich auch in den donner wagen.
225
Gelück und ehre sind auff erden kinder-art:
226
Sie geben gerne viel und nehmen gerne wieder:
227
Der anfang ihrer lust sind halleluja-lieder;
228
Das amen aber ist mit weh und ach gepaart:
229
Denn eh die wind ein rad/ wir eine hand/ umtreiben/
230
Kan Gott auff ihre lust schon Mene/ Tekel/ schreiben.

231
Nachdem der hoffart nun der bogen auch zerbrach/
232
Trat die verschwendung auff/ den fehler zu ersetzen.
233
Was brauchstu/ sagte sie/ der stoltzen ungemach/
234
Die wie die blasen sich am winde nur ergetzen?
235
Der ist der gröste fürst/ der viel bezahlen kan.
236
Denn gold und reichthum sind der ehre käyser-kronen/
237
Wo diese Götter nicht in einem hause wohnen/
238
Da schreibt die gantze welt verachte titel an.
239
Drum zeige/ wer du bist/ im speisen und im kleiden:
240
Denn sterne muß der glantz/ die menschen silber scheiden.

241
So artig wissen uns die laster ihren gifft
242
Gleichwie ein panther-thier den rachen zu verdecken;
243
Gott aber und sein geist beweisen aus der schrifft/
244
Daß tod und schlangen auch in paradiesen stecken.
245
Zwar schätze könten ja wie feuer nutzbar seyn:
246
Nur aber/ wo sie knecht/ nicht/ wo sie herren würden.
247
Denn hirten schlieffen eh bey dürren schäfer-hürden/
248
Als ein verschwendisch hertz bey tausend kronen ein.
249
Und wenn sich Lazarus auff rosen liesse wiegen/
250
Säh man den reichen mann erst unter dornen liegen.

251
Hier strich die selige den dampff der eitelkeit/
252
So wie der morgen uns den schlummer aus den augen;
253
Was buhlt man (sagte sie) doch gütern dieser zeit/
254
Wenn wir aus gelde gifft/ aus perlen armuth saugen?
255
Bezaubert durch den glantz/ ihr schätze/ wen ihr wollt;
256
Speist den Empedocles mit ochsen von gewürtzen;
257
[last einen Nero sich in milch und balsam stürtzen/]
258
Es ist doch bettelwerck um menschen und um gold:
259
Denn beyde kommen nur von einem klumpen erden/
260
Und beyde müssen auch zu staub und asche werden.

261
Wie der Chamäleon/ wenn er vor eyfer bebt/
262
Und durch den speichel hat die schlangen überwunden/
263
Alsdenn der augen licht zur sonnen auffwärts hebt/
264
Ob hätt er seine krafft in dieser glut gefunden;
265
So sah ihr geist hierauff auch Gott und himmel an/
266
Und sprach: du feuer-brunn des ewigen verstandes/
267
Du dämpffst durch deinen strahl den nebel unsers brandes/
268
Und kanst alleine thun/ was ich nur wollen kan./
269
O Herr/ erleuchte mich und lehre meine sinnen
270
Diß eine! daß sie dich und Christum lieb gewinnen.

271
In diesem stande nun fand der ergrimmte tod/
272
Bey seiner wiederkunfft/ das lager ihrer seelen;
273
Wie? schrie er/ weiß man hier von keiner höllen-noth/
274
Und herrscht der himmel noch in dieser bettel-hölen?
275
Verschmitzte furien/ beweiset eure that.
276
Was aber müh ich mich? mein wüten ist vergebens.
277
Ein frommer tadelt stets den zucker dieses lebens/
278
Der in dem hause selbst noch keine myrrhen hat:
279
Doch dürfft ich einmahl nur am leibe sie versuchen/
280
Was gilts/ sie solte Gott in sein gesichte fluchen.

281
Gott (rieff der engel drauff) hat dieses auch erlaubt.
282
Den augenblick verschwand das feuer ihrer glieder;
283
Die nerven wurden matt und ihrer krafft beraubt/
284
Die füsse suncken so wie schwache blumen nieder.
285
Und also lag nunmehr diß wunderwerck der welt/
286
Als wie ein marmel-fels/ in den die donner schlagen:
287
Gleich wie ein ceder-baum/ der/ wenn er frucht getragen/
288
Des abends durch den stoß der winde niederfällt.
289
Der tochter hatte sie durch die geburt das leben/
290
Ihr selber unvermerckt den halben todt gegeben.

291
Wer weiß/ was für ein schatz in der gesundheit steckt/
292
Wer von der ungedult des Polemons gelesen/
293
Wie er lebendig sich mit erde zugedeckt/
294
Womit er sterbend nur von seiner gicht genesen/
295
Wer glaubt/ was Heraclit/ was Chiron hat gethan/
296
Der kan ihm leicht ein bild von ihrem hertzen machen.
297
Es wanckte/ wie ein mensch auff einem engen nachen/
298
Den weder hand noch müh vom sturme retten kan.
299
Bald seufftzte sie zu Gott/ bald ließ sie was verschreiben;
300
Doch beydes war umsonst/ sie muste lahm verbleiben.

301
Und damit stellte sich nun die verzweifflung ein/
302
Und bließ ihr nach und nach den kummer in die ohren:
303
Der himmel fragte nichts nach ihrer schweren pein/
304
Und hätte sie vielleicht zur straffe nur gebohren.
305
Denn Gott erhörte ja die seinen in der noth/
306
Er trüge selber sie wie kinder auff den händen:
307
Das gute wüst' er zu- das übel abzuwenden/
308
Und keiner fiele hier durch sünden in den todt/
309
Den nicht sein strenger zorn/ eh noch die that geschehen/
310
Schon hätte längst vorher zur höllen ausersehen.

311
Auff die verzweiffelung kam schmertz und ungedult/
312
Und sprach: gesetzet auch/ daß dich der himmel liebet/
313
Daß du wie Hiob nicht die ruthen hast verschuldt/
314
Daß dir der glaube trost/ das ende hoffnung giebet:
315
Wie aber wilstu wohl die grosse last bestehn?
316
Dein elend kan vielleicht noch 50 jahre währen:
317
Inzwischen must du dich gleich wie ein wurm verzehren/
318
Und täglich seuffzend auff- und weinend niedergehn.
319
Drum segne Gott und stirb! denn solche schwulst und beulen
320
Muß wie den kalten brand/ nur stahl und messer heilen.
321
So schwatzte fleisch und blut; iedoch ihr treuer geist
322
Rieff allemahl zugleich: Schweig! liebe Leonore:
323
Denn wer im leben hier die strasse Sodoms reist/
324
Trifft selten/ wenn er stirbt/ den weg zu Salems thore.
325
Ein iedes element/ der himmel und die welt/
326
Sind ihrer ordnung nach mit der natur zu frieden.
327
Der blinde mensch allein will neue lehren schmieden/
328
Und tadelt/ was ihm Gott zur regel fürgestellt.
329
Bald ist ihm sonnenschein/ bald schnee und wind zu wider/
330
Bald wirfft ihn seine pracht/ bald der verlust darnieder.

331
Ach aber! fuhr er fort/ ihr klagt/ und wisset nicht/
332
Verkehrte sterblichen/ was eurer wohlfahrt dienet:
333
Die beste salbe wird von schlangen zugericht/
334
Und keine rebe nutzt/ die ohne thränen grünet.
335
So muß ein frommer auch durch sorgen und durch pein/
336
Wie rostiges metall/ im feuer sich verklären:
337
Beym glücke muß er nichts als zweiffel nur gebähren/
338
Im creutze voller trost und voller hoffnung seyn.
339
Denn einen Moses kan nicht sturm und welle schwächen/
340
Ein Eli seinen halß auch auff dem stule brechen.

341
Durch dieses ward ihr hertz so wie ein mandel-baum
342
Von thau und warmer lufft mit neuer krafft erfüllet:
343
Drum hielt sie schmertz und leid vor einen blossen traum/
344
Der/ wenn die nacht vergeht/ auch allen kummer stillet;
345
Doch als sie 19 jahr nach ihrer seelen-ruh/
346
Nicht anders als ein weib in der geburt gestehnet/
347
So gab der himmel ihr/ wornach sie sich gesehnet/
348
Und rieff ihr endlich auch den letzten willen zu.
349
Und damit legte sie den schwachen cörper nieder/
350
Und sang/ nach schwanen-art/ noch diese sterbe-lieder:

351
Mein Meinders gute nacht! wir haben obgesiegt.
352
Dein unglück scheidet nun auff einmahl von der erden.
353
Durch mich ward ehermahls dein treues hertz vergnügt/
354
Durch mich hat seine lust auch müssen wittbe werden.
355
Itzt bricht der süsse todt die lange finsterniß/
356
Das licht ist mir und dir auff einen tag erschienen.
357
Du solt noch in der welt und ich im himmel grünen:
358
Drum weine nicht/ mein schatz/ um diesen liebes-riß.
359
Denck aber/ wenn du noch wirst meinen nahmen lesen/
360
Daß ich zwar elend bin/ doch auch getreu gewesen.

361
So sagte sie/ und gab der erden gute nacht:
362
Ihr engel aber trug die seele nach dem himmel.
363
Denselben augenblick ward alles zugemacht;
364
Das hauß erfüllte sich mit einem traur-getümmel;
365
Wie aber stellte sich der blasse höllen-geist?
366
Gleich wie ein tiegerthier/ dem man die jungen raubet;
367
Wie ein erzürnter leu/ der in dem felde schnaubet/
368
Wann man den morgen-raub ihm aus den klauen reist.
369
Doch endlich gieng er auch/ wo geister hingehören/
370
Und schrieb nur an die wand noch diese sittenlehren:

371
Ihr blinden sterblichen/ laufft für dem tode nicht!
372
Ihr selber seyd der tod und mörder eurer seelen:
373
Ihr werdet/ weil ihr lebt/ nicht wann ihr sterbt/ gericht:
374
Die sünden sind die grufft/ und nicht die grabes-hölen.
375
Drum sterbet/ eh ihr sterbt/ und lebet/ eh ihr lebt;
376
Denn todt und leben wird nach eurem abgemessen.
377
Der scheinet euch nur tod/ den schlang und würmer fressen;
378
Der aber ist schon tod/ den seine lust begräbt.
379
Ich habe keinen theil an dieser neuen Leichen.
380
Ihr mögt ihr/ wie ihr wollt/ die letzte pflegung reichen.

381
Diß alles ist geschehn/ der cörper ist versenckt/
382
Und in die kalte grufft mit ehren beygesetzet.
383
Wie kommts denn/ daß ihr euch bey ihrem glücke kränckt/
384
Betrübte/ die sie doch bey ihrer qval ergetzet?
385
Soll sie noch länger hier auff erden elend seyn?
386
Soll sie noch einmahl sich vom tode martern lassen?
387
Ach! gönnet andern diß/ die Gott und himmel hassen/
388
Und stimmet itzt mit mir in diese lieder ein:
389
Wohl iedem/ welcher so wie Leonora fliehet/
390
Wie Leonora schweigt/ wie Leonora blühet!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Benjamin Neukirch
(16651729)

* 27.03.1665 in Rydzyna, † 15.08.1729 in Ansbach

männlich, geb. Neukirch

Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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