Im namen einer Fräulein an ihren Hauptmann

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Benjamin Neukirch: Im namen einer Fräulein an ihren Hauptmann (1697)

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Ach könte dir mein hertz wie meine dinte fliessen!
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Ach zöge dieses blat auch meine seuffzer an!
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So würde/ werther/ leicht dein mund bekennen müssen/
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Daß mich der himmel itzt nicht höher straffen kan.
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Du würdest meinen brieff mit bleichen lippen netzen/
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Die thränen würden dir biß an die seele gehn/
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Und endlich müste mich doch dieser trost ergetzen:
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Dein hauptmann wird dir bald vor deinen augen stehn.
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Nun aber kan ich dir mein leiden nicht beschreiben/
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Die feder ist zu klein für meine traurigkeit;
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Und was mir etwan noch soll meine geister treiben/
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Hat schmertz und ungedult mit wermuth überstreut.
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Ich schreib/ und weiß nicht was; es irren hand und sinnen/
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Die sylben halten nicht gewichte/ maß und ziel.
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Der sorgen schwartze nacht umbnebelt mein beginnen/
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Ich selber aber bin der liebe gauckel-spiel.
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Ich weiß nicht/ ob ich dir die warheit darff bekennen/
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Mein schatz/ dein strenger schluß hat meine qual erregt:
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Du schaffest/ daß mir nichts als trauer-kertzen brennen/
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Du hast mir unverhofft die martern angelegt.
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Ein land/ ein weites land hält deinen leib gebunden/
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Du suchst in fremder lufft bekrönte frühlings-ruh/
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Doch glaube/ hast du dich mit rosen gleich umbwunden/
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So weht dein freuden-wind mir doch die dornen zu.
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Ich soll mich nur entfernt mit schatten-wercken speisen;
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Wie aber reimt sich doch verliebt und ferne seyn?
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Wie schickt sich doch mein weh zu deinen anmuths-reisen/
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Und deine grausamkeit zu meiner seelen-pein?
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Die liebe läst sich leicht durch lange meilen dämpffen/
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Ein frischer amber-kuß sticht tausend alte weg.
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Wo schönheit und verstand die schwache treu bekämpffen/
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Da pflastert leicht die lust den süssen liebes-steg.
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Wir jungfern müssen nur den kleider-moden gleichen/
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Was heute prächtig scheint/ wird morgen ausgelacht;
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So könt ihr männer uns auch sanffte pflaumen streichen/
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Biß ihr den leichten mund wo besser angebracht.
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Ihr spielet mit der lust/ wie winde mit narcissen.
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Bald kommt ihr gantz entfernt mit complimenten an/
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Bald wolt ihr uns die hand/ bald auch die schürtze küssen/
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Da doch der zehnde kaum die buhlen zehlen kan.
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Itzt stürmt ihr hertz und mund uns durch Syrenen-lieder/
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Und schließt uns unbedacht in liebes-fässel ein/
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Itzt zieht ihr wieder fort/ und endlich kommt ihr wieder;
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Denn wolt ihr kälter noch als Salamander seyn.
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Doch/ liebster/ tadle nicht mein allzukühnes schreiben.
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Ich weiß zwar/ daß du mir mehr als gewogen bist/
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Die regel aber wird auch noch der nachwelt bleiben/
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Daß furcht und eyfersucht der liebe zunder ist.
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Die größte gluth besteht in thränen-vollen hertzen.
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Wer sonder eyfer liebt/ der liebt auch ohne treu;
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Auch winde blasen feur in die erstorbne kertzen/
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So macht ein kleiner streit uns aller zweiffel frey.
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Zwar ich gedencke noch der zucker-süssen stunden/
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Als ich die rosen dir von deinen lippen laß/
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Als sich die nelcken mir umb meinen mund gewunden/
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Und mir das glücke selbst zu meinen füssen saß.
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Wo aber ist der glantz der freuden hingeschossen?
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Wo bleibt der stille tag/ wo die beperlte zeit/
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Da deine leffzen mir mit nectar-safft geflossen/
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Und mich dein reiner kuß mit bisem eingeweyht?
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Mein Hauptmann prüfe selbst die schmertzen meiner wunden/
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Und dencke/ was vor angst mir alle glieder schlug/
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Als sattel/ pferd und knecht zur reise fertig stunden/
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Und dich der schnelle gaul aus meinen augen trug.
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Ich dachte dazumahl vor thränen fast zu brechen/
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Was aber dazumahl? Itzt lern ich erst verstehn/
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Wie nacht und finsterniß die freuden-lichter schwächen/
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Und wie die lampen uns von winden untergehn.
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Ach liebster/ laß mich nicht in dieser noth versincken/
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Steh auff/ und stelle dich in meinen armen ein!
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Komm/ weil die sterne dir zur liebes-taffel wincken/
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Und selbst der himmel will zu deinen diensten seyn.
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Wer wunden heilen will/ muß keine zeit verschertzen/
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Ein allzuspäter rath schlägt leider! wenig an/
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Der lindert nicht die qval/ und mehret nur die schmertzen/
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Der nicht den augenblick auff mittel dencken kan.
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Mehr weiß ich nicht in eil hier worte beyzusetzen/
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Genung/ daß meine lust in deinen händen steht/
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Daß mich dein wille kan betrüben und ergötzen/
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Und ewig mein magnet nach deinem norden geht.
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Du kanst wohl selber leicht aus deiner treu erdencken/
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Daß uns in Dännemarck noch keine rosen blühn/
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Daß sich dein auge muß nach meinen augen lencken/
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Und dein entfernter mund nach meinem munde ziehn.
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Ich grüsse schon den tag mit tausend freuden-küssen/
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Da mir ein engel wird an meiner seite stehn.
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Da mir dein süsser mund wird wieder nectar giessen/
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Und nichts als malvasier von deinen lippen gehn.
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Ach Hauptmann eile fort/ beflügle pferd und wagen/
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Und gönne meiner lust bald deinen sonnenschein!
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Wo nicht/ so glaube nur/ daß ich durch diese plagen
92
Bald meiner lebens-zeit werd überhoben seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Benjamin Neukirch
(16651729)

* 27.03.1665 in Rydzyna, † 15.08.1729 in Ansbach

männlich, geb. Neukirch

Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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