An Charatinen

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Benjamin Neukirch: An Charatinen (1697)

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Wie irret doch das rad der menschlichen gedancken!
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Wir bilden offtermahls uns diß und jenes ein:
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Jedoch wenn schluß und rath kaum unterschrieben seyn/
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So fängt der leichte sinn schon wieder an zu wancken.
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Mein kind/ ich will dich nicht mit sitten-lehren speisen;
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Mein brieff war neulich kaum nach – – abgeschickt/
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Die augen waren erst vom schlaffe zugedrückt/
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Da reitzte mich die lust schon wieder nachzureisen.
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Pfuy! sprach ich/ lästu so die süsse zeit verschiessen?
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Strahlt deine sonne dich mit todten blicken an?
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Wer ist/ der deinem thun hier grentzen setzen kan?
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Und wer/ der deinen geist in fässel denckt zu schliessen?
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Wilstu die nase nun erst in die bücher stecken?
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Ach allzuschwache krafft vor deine liebes-pein!
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Da muß kein todes oel und fauler balsam seyn/
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Wo sich die funcken schon in lichte flammen strecken.
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Weg mit der phantasey! weg mit den feder-possen!
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Ein mägdchen ist weit mehr/ als alle bücher werth.
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Der hat sein glücke schon in asch und grauß verkehrt/
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Der in das Cabinet auch seel' und geist verschlossen.
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Mit diesem sprang ich auff/ fing alles an zuschmeissen/
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Riß zettel und pappier in hundert stück entzwey/
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Und sprach: die last ist hin und Abimenin frey:
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So muß ein tapffres hertz durch tausend stricke reissen.
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Ein blat/ ein kahles blat soll meine freyheit binden?
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Ja/ (fuhr ich weiter fort) das stünde schülern an:
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Ich habe längsten schon dir/ liebste/ dargethan/
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Daß ich in dir allein will meinen kercker finden.
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Der eifer mehrte sich wie meine liebes-kohlen/
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Gleich aber als ich noch die letzten Worte sprach/
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Da trat des fuhrmanns knecht in unser schlaff-gemach/
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Umb den verdienten lohn von neulich abzuholen.
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Er ließ sich unverhofft durch meine lust bewegen/
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Befohlen und geschehn/ war alles nur ein wort:
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Ich saß mit Thyrsis auff/ und fuhren beyde fort/
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Umb dir die liebes-schuld/ mein engel/ abzulegen.
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Es schien/ der himmel selbst bestrahlte mein verreisen/
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Die winde liessen nichts als amber-lüffte wehn/
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Die wolcken musten uns in tausend rosen sehn/
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Und auge/ mund und hertz mit voller anmuth speisen.
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Die pferde säumten nicht den leicht-beladnen wagen/
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Die räder flohen schnell/ wie pfeile/ strom und blitz/
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Die glieder fühlten kaum den hart gebauten sitz/
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Und wurden wie ein stein durch dicke lufft getragen.
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Und so weit muste mich das blinde glücke küssen.
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Darauff nahm Sandau uns zur abend-taffel ein:
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Ach Sandau! daß du soltst mein trauer-denckmahl seyn!
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Ach Sandau/ daß du mich in diese noth gerissen!
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Warumb hab ich doch hier die liebe müssen brechen?
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Warumb hat dich mein hertz mit thränen angeschaut?
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Ach Sandau! hätt ich nicht auff deinen sand gebaut/
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So dürffte nicht der todt itzt meine sünde rächen.
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Verzeihe/ liebstes kind/ ich muß es nur bekennen/
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Ein weib/ ein schwaches weib hat meinen krantz entführt;
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Doch wo dich noch ein strahl der alten liebe rührt/
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So laß nicht deinen zorn wie meine laster brennen.
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Nicht wundre/ schönste/ dich/ wie dieses zugegangen:
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Ich nahm von ihrer hand nur einen becher wein/
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Der becher flößte mir den liebes-nectar ein/
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Und ich ward wider art/ gantz unvermerckt gefangen.
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Da sah ich ihr gesicht als hundert sonnen blitzen/
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Sie schien mir etwas mehr als Venus selbst zu seyn.
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Und das verborgne gifft der stillen liebes-pein
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Fieng an mit aller macht in meiner brust zu schwitzen.
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Die taffel ward darauff mit tüchern überzogen/
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Hier trug man löffel-kraut und hasel-hüner auff/
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Und setzte vor begier die scharffen messer drauff/
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Dort ward der süsse wein aus gläsern eingesogen.
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Was uns der starcke safft vor geister eingegossen/
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Wie sich die stille glut im busen angesteckt/
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Was vor ein liebes-strom mir meine brust befleckt/
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Und wie mein mattes hertz von flammen fast zerflossen/
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Ist/ schönste/ diß papier zu wenig abzureissen;
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Genug; der schlaff zerbrach den augen ihren schein/
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Ein ieder scharrte sich ins weiche lager ein;
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Ich aber fieng allein für trauren an zu kreissen.
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Amanda (so will ich die geile Venus nennen)
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Lag dichte neben mir zur seiten mit der brust/
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Mein seuffzen war ihr trost/ und meine liebes-lust
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Schoß auch verborgne glut/ ihr feuer anzubrennen.
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Ach daß ich/ sagte sie/ dein leiden könte stillen/
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Ach kühlte meine brunst auch/ liebster/ deine pein/
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So müste diese brust itzt nicht verschlossen seyn.
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Und dieser dünne zeug nicht meinen leib umhüllen.
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Ich netzte deinen mund mit hundert tausend küssen/
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Es würde nichts als lust aus allen adern gehn/
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Die lippen müsten dir in vollem amber stehn/
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Und mein erhitzter schooß mit muscateller fliessen:
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Nun aber kenn ich nicht die qvelle deiner wunden.
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Es muß was höhers seyn/ das deine freude bricht/
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Dein kummer stammt aus mir und meiner anmuth nicht/
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Sonst wäre schon der trost für deine noth gefunden.
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Mir ward durch dieses wort die seele fast entrissen/
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Doch stieß ich/ wo mir recht/ noch diese seuffzer aus:
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Bleibt/ schönste/ deine brust nur meiner wollust haus/
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So weiß mein sonnen-licht von keinen finsternissen.
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Was brust? versetzte sie/ das hertze steht dir offen/
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Komm/ reiß den blumen-schatz nach deinem willen hin/
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Komm/ küsse/ biß du satt/ ich aber krafftloß bin/
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Und endlich beyde wir in liebe sind ersoffen.
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Drauff ließ das kühne weib die feder-decke fliegen/
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Und gab den geilen leib von allen ecken bloß/
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Hier sprang das leichte schloß von ihren brüsten loß/
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Dort sah ich noch was mehr in voller flamme liegen.
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Das leichte marmel-spiel der apffel-runden ballen/
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Der schnee-gebürgte bauch/ der purpur-rothe mund/
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Und was noch etwan sonst hier zu berühren stund/
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War leider! allzu starck zu meiner unglücks-fallen.
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Ich ärmster konte mir nicht länger widerstreben/
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Ich warff mich in den schlamm der sünden-vollen lust/
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Ich druckte leib an leib/ und wieder brust an brust/
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Und wünschte nichts als so mein leben auffzugeben.
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Mein leben/ das allein an meiner liebsten augen/
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Mein leben/ das allein an ihrem hertzen hieng/
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Und das/ wenn meiner brust der athem gleich entgieng/
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Doch wieder konte safft aus ihren lippen saugen.
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Ich lernte/ wie sich fleisch und fleisch zusammen schickte/
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Ich sanck vor matter pein in den gewölbten schooß/
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Biß meine beste krafft wie warme butter floß/
120
Und wie die seele gar aus meinen adern rückte.
121
Gleich aber/ als wir noch der süssen lust genossen/
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Kam und zerriß ihr mann die zucker-süsse ruh/
123
Und schaute mit bestürtzt- und blassen augen zu/
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Wie unser leib und geist in einen klumpen flossen.
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Der eyfer ließ ihn nicht viel donner-worte machen/
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Diß war sein erster gruß: Ha/ hure/ liegst du hier!
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Wacht denn ein ieder hund vor deiner kammer-thür/
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Und stößt sich ieder fels an deinen liebes-nachen?
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Mit diesem fing er mir vom schelmen an zu singen/
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Da fühlt ich/ wie der zorn mir gall auff galle goß:
131
Die glieder brannten an/ die klingen giengen loß/
132
Und ieder suchte nun den degen anzubringen.
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Inzwischen weiß ich nicht/ ob es sich schicken sollen/
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Daß ich durch einen sprung zur erden niedersanck.
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Da merckt ich/ daß der stahl durch meine ribben drang/
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Und mir das warme blut kam aus der brust gequollen.
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Wie/ wenn ein tieger-thier das leben sieht entweichen/
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Nach blut-besprützter haut sich doppelt stärcker macht:
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So ward mein eyfer auch in volle glut gebracht/
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Und dachte mit gewalt den mörder abzureichen.
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Ich schwang mit blosser faust mein eisen hin und wieder;
142
Ach aber nur umsonst! die adern wurden schwach/
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Die seele selber floß durch meine purpur-bach;
144
Ich aber fiel erstarrt auff meinen rücken nieder.
145
Da sucht ich ärmster nun vergebens zu genesen/
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Nachdem die wunde mir das halbe leben nahm.
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Doch als ich wieder heim/ und zu mir selber kam/
148
Ist/ Charatine/ diß mein erstes wort gewesen:
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Ach Abimenin! ach! was hast du doch verbrochen?
150
Wo bleibt die grüne treu/ wo der verliebte schwur/
151
Der neulich/ falscher/ dir aus deinem munde fuhr/
152
Als Charatine dir das hertze zugesprochen?
153
Geh hin/ und rühme dich der süssen liebes-wunden/
154
Geh/ sage wie ihr thau die lippen dir gekühlt/
155
Diß hast du nur geschmeckt/ und jenes nur gefühlt;
156
Denn beydes ist bereits auff einen tag verschwunden.
157
Verräther/ traust du dich wohl selber anzuschauen?
158
Muß so dein liebes-glaß in hundert stücken gehn?
159
Wer wird hinfüro mehr auff deine freundschafft sehn/
160
Und auff den porcellan der glatten worte bauen?
161
Doch/ Abimenin/ halt!/ halt deinen geist zurücke!
162
Bezähme qual und pein mit zügeln der gedult.
163
Offt ist ein kleiner fall und hencker-werthe schuld
164
Zu der erwünschten gunst die beste gnaden-brücke.
165
Geh/ wirff dein angesicht zu ihren zarten füssen/
166
Und mache deinen fleck mit tausend thränen rein/
167
Laß ein beklemtes ach statt hundert worte seyn/
168
Und nichts als trauer-saltz aus beyden augen schiessen.
169
Das feur wird endlich doch die reine brust bewegen/
170
Die brust/ in welche sich mein falsches hertze schloß/
171
Die brust/ aus der die lust der keuschen liebe floß/
172
Und die mir kett und band hat wissen anzulegen.
173
Was aber hast du vor? was hoffst du? sprach ich wieder/
174
Auff zweiffel-volle gunst? Nein/ Abimenin/ nein.
175
Die sonne tilget nicht die flecken deiner pein/
176
Und stürtzt dich nur in grund des grösten kummers nieder.
177
Du wirst vergeblich nur die thränen hier vergiessen/
178
Dein abgeschicktes flehn ist keiner ohren werth.
179
Wer selbst den himmel ihm in höllen hat verkehrt/
180
Muß auch mit etwas mehr als schlechtem wasser büssen.
181
Hier riß die traurigkeit aus den gesetzten dämmen/
182
Ich stieß mit ungestüm den degen in die brust/
183
Und sprach: Wo gleich itzund die schmertzen meiner lust
184
Dich/ Charatine/ nicht mit wehmuth überschwemmen;
185
So solst du doch die treu aus meinem blute lesen.
186
Mein engel/ zittre nicht. Itzt folgt das ende drauff:
187
Denn hier erwachten mir die müden augen auff/
188
Da war das gantze spiel ein blosser traum gewesen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Benjamin Neukirch
(16651729)

* 27.03.1665 in Rydzyna, † 15.08.1729 in Ansbach

männlich, geb. Neukirch

Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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