12. Der aus dem Himmel verbante Cupido

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau: 12. Der aus dem Himmel verbante Cupido (1647)

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Der kleine Wunder-Gott, der Meister meister Hertzen,
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Der zu vermählen weiß die Schmertzen mit dem Schertzen,
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Und unsre Thränen ihm vor seinen Balsam hält,
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Der ward, so bald er nur aus Mutter-Leibe kommen,
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Auch in der Bürgerschafft des Himmels aufgenommen,
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Und als ein kleiner Gott den Göttern zugesellt.
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Der grosse Jupiter, der nahm ihn auf die Armen,
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Die stoltze Juno ließ ihn auf der Brust erwarmen,
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Die reine
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Diana lehret ihn den ersten Bogen führen,
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Mars wollt ihn alsobald mit einem Helme zieren,
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Nur die Minerva sprach: Mein gröster Feind ist hier.
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Die Götter ehrten ihn mit mehr als tausend Küssen,
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Man schaute nichts als Lust umb seine Lippen flüssen,
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Sein helles Auge war ein Thron der Freundligkeit,
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Sein schreyen konnte selbst den Nectar süsse machen,
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Saturnus muste stets des klugen Kindes lachen,
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Ja auch die Trauer-Sucht ward durch sein Spiel erfreut.
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Doch wolte dieses Lob nicht lange hier bekleiben,
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Die Boßheit kam den Ruhm der Anmuth zu vertreiben,
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Sein Schertzen roch nach List, sein Spiel nach Büberey,
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Auf allgemeinen Ruhm kam allgemeines klagen,
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Ein ieder wust ihm itzt was Böses nach zusagen,
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Und der Beschwernüß war auch nicht der Vater frey.
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Bald miste Cynthia den allerbesten Gürtel,
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Den Parcen den verschob er manchesmahl die Wirtel,
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Den Ganymedes nant er oft, ich weiß nicht, wie,
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Der Mutter Tauben selbst berupft er Schwantz und Flügel,
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Der Juno träuft' er Wachs auf ihren besten Spiegel,
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Und keine Göttin war so sehr geplagt als sie.
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Den weiten Thierekreiß besucht er alle Wochen,
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Da ließ die Mutter ihn oft allenthalben suchen,
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Hier that er Vieh und Mensch viel tausend Schalckheit an.
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Er wollt einmal dem Krebs die eine Scheere rauben,
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Der Juno sie verkehrt zu setzen auf die Hauben,
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Dieweil sie seine List der Mutter kund gethan.
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Diß und dergleichen kam dem Jupiter zu Ohren,
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Der Lieb und auch Gedult nun allbereit verlohren,
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Er sprach: Der kleine Schalck der muß vertrieben seyn,
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Er dürfte mir einmahl die Donnerkeul entführen,
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Und seine schlaue Hand mit einem Zepter zieren,
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Für dem sich itzund bückt der goldne Sonnen-Schein.
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Er ließ den Himmel bald sein strenges Urtheil wissen,
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Mercurius rufft aus: Der Ertz-Gott ist befliessen,
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Zu zeigen, daß sein Grimm wie Blitz und Brand verzehrt,
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Er will den kleinen Gott der sich Cupido nennet,
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Und dessen Büberey der gantze Himmel kennet,
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Verbannen und ihm sey hirmit das Reich verwehrt.
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Die Venus zog den Bann ihr trefflich zu Gemüthe,
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Sie sagte bey sich selbst, so sol ich mein Geblüthe,
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Das Göttlich ist wie ich, ja meiner Sinnen Lust
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Von mir gerissen sehn: was soll ich aber machen?
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Es wird der Jupiter nur meiner Thränen lachen,
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Diß naget mir das Hertz und ängstet meine Brust.
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Sie rufte bald den Sohn, sie ließ bey tausend Küssen
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Ihm eine heisse Bach umb beyde Schultern flüssen,
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Man schaute, wie ihr Mund von trauren trächtig stund,
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Sie sprach: Die Wichtigkeit des Werckes heist mich schweigen,
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Mein Auge wird dir mehr als meine Zunge zeigen,
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Und dieser Seufzer thut dir meine Wehmuth kund.
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Dich heisset Jupiter in seinem Zorne scheiden,
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Du solst das weite Reich der grossen Götter meiden,
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Ach daß ich Göttin bin, und nicht zu sterben weiß!
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Hat Schaum und Muschel dann mich Göttin lassen werden,
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Daß man mich itzt verlacht im Himmel und auf Erden,
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Und fast geringer hält als Schwämme, Schnee und Eyß.
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Doch wirst du gleich itzund aus meiner Schoß gerissen,
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Wird gleich dein zarter Fuß die Erde fühlen müssen,
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So wird dein Nahme doch durch dieses nicht vergehn,
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Die Göttin des Gerichts die wird ihn höher führen,
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Als wo der Donner-Gott läst seine Blitzen spühren,
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Ich weiß, er heist ihn noch um seine Crone stehn.
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Drauf nahm sie ein Geschirr, gemacht von Berg-Cristallen,
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Und sprach: Laß diesen Schatz bald auf die Erden fallen,
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Wenn du berühren wirst den Kreiß der Unter-Welt,
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Der Liebe heisser Trieb der lieget hier beschlossen,
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So selbst aus meiner Hand in dieses Glaß geflossen,
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Und als ein fester Leim die Welt zusammen hält.
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Cupido wuste fast kein Wort nicht anzubringen,
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Er nahm das edle Pfand und kehrte seine Schwingen,
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Der schweren Erden zu. Die Mutter schaut ihm nach,
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Es kam ihm ungefehr ein Marmel zu Gesichte,
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So macht er den Crystall mit steiffer Hand zunichte,
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Und warff ihn daß er wohl in tausend Stücken brach.
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Es schwam der werthe Saft, der nicht geschätzt kan werden,
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Nachdem das Glas zerbrach, vergossen auf der Erden,
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Der starcke Dampf umzog den weiten Erden-Kreiß,
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Ein süsses etwas drang dem Menschen um die Stirne,
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Und pflantzt, ich weiß nicht was, ihm heimlich ins Gehirne,
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So man zwar fühlen kan, doch nicht zunennen weiß.
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Die Welt ward ein Spittal an tausend, tausend Krancken,
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Der Schmertzen war gestärckt durch schlüpffrige Gedancken,
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Der Geist fühlt einen Zug, der mehr als fleischlich hieß,
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Die Flüsse lieffen an von viel verliebten Thränen,
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Die Winde stärckten sich durch Seufzerreiches Sehnen,
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So das entbrante Hertz aus seinen Schrancken bließ.
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Die Kräuter von der Noth und Schwachheit zugenesen,
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Die waren nirgendwo zu finden und zu lesen,
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Man nennt es allbereit: Die Kranckheit ohne Rath,
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Ich weiß nicht, wie es hat der Zufall so geschicket,
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Daß einer ohngefehr den süssen Fund erblicket,
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Und ihn durch einen Kuß gewünscht gerathen hat.
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Nachdem das Pflaster nun für diese Liebes-Wunden,
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Der menschliche Verstand ergründet und erfunden,
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So fiel in einem Nu des Kummers Uberfluß:
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Den Krancken und den Artzt den fand man stets beysammen,
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Die Flammen leschten sich nicht selten in den Flammen,
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Der Becher war der Mund, der Saft ein heisser Kuß.
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So lange nun das Rund der Erden wird bestehen,
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So wird die schöne Noth der Liebe nicht vergehen,
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Die Liebe bleibet doch die Stütze dieser Welt,
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Das Pflaster, so man braucht, trägt oftmals selber Wunden,
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Offt hat das Pflaster selbst der Wunden Pflaster funden,
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Wann diß, was es verletzt, ihm wird hinzugesell't.
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Mein Bruder, darff ich itzt noch eine Sylbe sagen,
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So schwer' ich, daß du nicht nach Mitteln hast zu fragen,
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Das Mittel deiner Noth wünscht itzt bey dir zuseyn,
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Die Rose, so der Braut die zarten Wangen zieret,
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Und Zeugin ist der Zucht, so sie im Hertzen führet,
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Stellt, als dein Eigenthum, sich itzo selber ein.
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Sie krancket, gleich wie du, sie scheuet zu bekennen,
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Daß Flammen gleich wie dir, ihr um das Hertze brennen,
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Daß sie der Dampf bestrickt, der aus Cristallen kam,
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Ihr Geist ist allzukeusch zu melden den Gebrechen,
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Und ist sie gleich bereit ein Wort davon zu sprechen,
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So wird ihr doch der Mund versiegelt durch die Scham.
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Du wirst ohn alle Müh' erlernen und verspüren,
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Wie dir die Kranckheit ihr zuheilen sol gebühren,
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Betrachte doch nur recht ihr keusches Augen-Licht,
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Das wirstu selber dir mit treuen Farben zeigen,
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Als spräch es: Dieses Bild, das wünsch ich mir zu eigen,
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So sagt der Augen-Glantz, spricht gleich die Zunge nicht.
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Hier ist es keine Zeit zu bitten und zu fragen,
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Der Liebe Flügel seyn Geschwindigkeit und Wagen,
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Hier buchstabiret man gar selten I und A.
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Das Frauenzimmer steht den Parthen an der Seiten,
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Sie zeigen durch die Flucht oft ihre Lust zu streiten,
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Und ein erzürntes Nein, ist offt ein süsses Ja.
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Es ist nun hohe Zeit die tieffe Lust zubüssen,
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Die Stunden die vergehn, die Sternen die verschüssen,
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Cupido zeucht dir selbst den leichten Fürhang auf,
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Die Röthe, so der Braut in das Gesichte steiget,
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Will itzt Aurora seyn, so auf die Sonne zeiget,
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Die durch der Lüste Kreiß sol nehmen ihren Lauff.
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Und du, O keusche Braut, schlägst dein Gesichte nieder,
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Das Mittel heil zuseyn, das ist dir fast zuwieder,
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Du wilst und wilst auch nicht: die eingepflantzte Zucht,
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Die lehret dich itzund die reinen Augen sencken,
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Der unbekanten Lust verwehrtes Angedencken
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Bringt alle Freudigkeit dir schleunig auf die Flucht.
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Heb nur die Augen auf, die reinen Liebes-Flammen,
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Dadurch sich Hertz und Hertz verknüpffen läst zusammen,
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Beflecken dir ja nicht die Schwanen-reiche Brust,
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Ja die Verleumdung selbst, so sich durch Tadel speiset,
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Und auch der Tugend oft ein falsches Auge weiset,
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Die steht itzund bereit zu loben deine Lust.
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Die Lieb ist ja ein Werck, so aus dem Himmel kommen,
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Und so der Erden Kreiß mit Lust hat eingenommen,
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Wer reine Liebe hast, liebt Gott und Menschen nicht.
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Die Tugend, wie mich deucht, die tadelt dein Verweilen,
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Und heisset dich itzund zu der Ergötzung eilen,
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Die dir der Himmel selbst mit reiner Hand verspricht.
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Dein ander Leben kommt itzt auf dich zugegangen,
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Entrück ihm nicht den Mund, entzeug ihm nicht die Wangen,
165
Ein Kuß verbleibet doch ein Aufboth unsrer Brunst,
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Er reichet dir die Hand, der Ernst steht bey dem Schertzen,
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Er giebet mit der Hand dir auch zugleich das Hertzen,
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Und heist es Siegel seyn der ungefärbten Gunst.
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Laß itzt die Reinligkeit geschwätziger Rubinen,
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Mit Küssen angefüllt ihm zu der Schale dienen,
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Und tritt die erste Lust mit frischem Hertzen an,
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Gehorsam will allhier die beste Tugend heissen,
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Und der Vertrauligkeit mustu dich itzt befleissen,
174
Die dich die Liebe lehrt und ich nicht melden kan.
175
Geht rüstig zu der Ruh und last die heissen Sinnen
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Ein ungespieltes Spiel zu dieser Zeit beginnen,
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Das Gott hat aufgeführt und Adam aufgebracht,
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Ein mehres weiß itzund die Feder nicht zuschreiben,
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Sie neiget sich forthin in meiner Hand zubleiben,
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Sie wüntscht euch ferner nichts als eine süsse Nacht.
181
Ich weiß, der Hymen wird euch alles dieses lehren,
182
Was die verliebte Lust geschickt ist zuvermehren,
183
Ein süsses Ach und Ach reist keine Wollust ein,
184
Eh noch das andre Jahr die Rose wird verblühen,
185
Und das Geflügel wird das andre Nest beziehen,
186
So wird ein junger Fürst aus Flandern kommen seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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