107.

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Jakob Michael Reinhold Lenz: 107. (1771)

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Auf einen Menschenrumpf den Kopf des Pferdes passen,
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Ist wie Horaz uns lehrt, dem Dichter nicht vergönnt.
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Doch hat Homer, den man dafür erkennt,
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Durch Cirzen seine Freund' in Bären wandeln lassen.

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Hat er dabei gedacht? Hat er die edlen Rollen
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Der Helden am Ilyß dadurch verspotten wollen?
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Das ist undenkbar. Peinigen
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Der Sänger aus Mäonien
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Personen die er schätzt?

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Der Frösch und Mäusekrieg ist ähnliche Satyre.
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Auf wen? Auf seine Freund'? Auf seine Feinde? Nein
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Mich deucht, es kann ein Fall, wo keines statt hat, seyn –
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Sonst wär er selbst das grösseste der Thiere.

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Man hat geschliffne Gläser die
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Uns selbst das Schönste so verzogen
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Verzerret weisen, daß wir nie
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Dran denken, dieses Bild ist vorsetzlich gelogen,
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Um uns nach Kummer, Tränen, Wachen
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Durch ein recht herzlich biedres Lachen
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Die Galle und die Milz ein wenig leicht zu machen.
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Ein solcher Spiegel ist die Poesie
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Von einem launigten Genie.

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Und hat man wohl auf dieser Erden
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Was lustigers gesehn, als – böse drauf zu werden?
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Ja auf den
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Und sagt, der Spiegel sey nicht konisch,
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Er sey getreu, kurz der auf gut
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Mit Gassenbubenschnörkeln beizt.

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Anwenden was ins große Blaue
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Hineingeschrieben ward, sey's Lust–, sey's Trauerspiel,
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Sey'n Laster vorgestellt, sey Thorheit, Schwachheit, Ziel
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Der Uebertretungen, ist – daß ich dir's vertraue
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Bescheidner Philosoph! – des Ungeheurs am Nil
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Das schreiet wie ein Kind und Menschen frisset – Sache.
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Ist's denn des Messers Schuld, wenn ich's zum Mordschwerdt mache?

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Wozu die Messer überhaupt?
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Ruft Orgon, kann man nicht mit bloßen Händen essen?
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Das steht den Herren frei. Doch uns erlaubt
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Wird's gleichfalls seyn, mit Tartarn nicht zu speisen,
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Die gar gerittnes Fleisch vom Sattel fressen,
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Mit Zähnen das Halbrohe wild zerreißen.

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So geht's, daß ich die Klinge nicht verliere,
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Fast buchstäblich mit der Satyre.
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Es giebt Gelegenheiten gnug,
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Wo sich der Menschenwitz verwirrte,
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Und weil noch nie ein Mensch erkannt hat, daß er irrte,
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Den Edlen oft in schwere Fesseln schlug.
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Bei den gehäuften Widersprüchen
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Von Stellungen und Reibungen
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Gabs immer Uebertreibungen
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Und tausend Stoff zum Lächerlichen.
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Wär' da die Geißel nicht, mit der ein Götterarm
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Der Hauptstadt Tempel selbst gereinigt,
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Wohin die Wucherer gelaufen
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Um zu verkaufen und zu kaufen:
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Die edelste Natur, gepeinigt
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Erläge dem verwünschten Schwarm
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Vom Leiden und dem ewgen Harm,
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Womit uns Eigensinn und Wuth der Thorheit steinigt.

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Dergleichen Stimmungen zum voraus zu verhüten
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Bleibt allemal auch Pflicht: denn wer kann sich gebieten,
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Daß, wenn man Hand und Fuß ihm in die Folter schränkt,
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Er, wie gewöhnlich spricht und denkt.
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Verbrechen selbst kann diese Pflicht, die kränkt,
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Doch nur zu kränken scheint, um Kränkung vorzubeugen,
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Abwenden, und dem Thor der Weisheit Pfade zeigen.

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Was ist beglückender als wahre Gottesfurcht?
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Was tröstender im Sterben und im Leben?
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Was kann der Stirn, die Sorge kränkt und furcht,
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Das Siegel Götterhauchs und Abkunft wiedergeben?
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Doch giebt's erbärmlicher's wohl was in der Natur
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Als einen Menschen zu dem Affen
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Von unsrer Neigungen Gewohnheit umzuschaffen?
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Und die
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Doch Länder – Welten schon mit Menschenblut beschwemmt,
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Weil sie der kalte Ernst der Weisheit nie gedämmt,
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Und seit der ersten Sonnenuhr
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Ein Mensch der Gott zu seyn vom andern stets begehrte
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Und allen seinen Zorn stets auf den Bruder leerte,
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Wenn ihm was Unrechts wo entfuhr.

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Horaz nennt jedes Nachbild Vieh.
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Mit Unrecht, scheints. Die Noth, die Sympathie
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Zwingt hundert Selbstgenies auf Erden
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Nachbilder fremden Werths zu werden.
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Wer einen gleichen Weg zu gleicher Tagszeit macht,
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Ein ähnliches Geschäft zu treiben hat, und Freunde
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So wie der andre findt, der hat auf keine Feinde
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Die ihn den Affen nennen, Acht.
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Doch seine Neigungen nach fremden Modeln wandeln,
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Heißt, meiner Meinung nach, zu eignem Schaden handeln,
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Denn man verliert dadurch das was uns unterscheidt,
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All' unsern Menschenwerth und unsre Freudigkeit.
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Der Eifrer aber will uns in Copey verwandeln
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Oft bey Verlust der Seligkeit.
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Er nimmt uns dann das Bild, so Gott uns anerschaffen
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Und stempelt's um zum Bilde eines Affen. –
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Das heiß' ich Afterfrömmigkeit!

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Die Mäurer und die Moralisten
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Und viele selbstgenannte Christen
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Schreyn wider Leidenschaft. Ihr Schreyn
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Soll einer Jugend, die noch außer kleinen Ränken,
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Verräthereyn und Knabenschwänken
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Nicht weiß, was für ein Ding die Leidenschaft doch ist,
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Erziehung, Bildung, Schöpfung seyn.
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Der Tisch, die Speise selbst wird nach Sophistereyn
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Der hochgelehrten Herrn zu einem Probestein
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Verborgner Neigungen der Seele:
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Als ob es uns an andern Proben fehle?
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O stilles Lied der Philomele,
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Schmilz doch die Augenblendereyn
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Einmal zur Wahrheit um. Allein die Herrn sind Stein!
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Und wenn man ihnen sagt, ihr großen Raphaele
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Habt die Natur noch nie belauscht, ihr saht vorbey
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Durch Nebel eurer Träumerey
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Durch Bücher, die nur eine Seite
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Des Herzens höchstens aufgedeckt
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Und hundert Seiten Dunst gefleckt –
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Ihr nennet Eitelkeit, was Wohlthun, Göttertugend –
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Gefühl hervorgebracht, ihr nennet toller Jugend
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Vergehungen mit Namen, daß Verfolgung sich bereite,
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Und Menschen, werth belohnt zu werden, Sünder,
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So hat Thorheit gespielt, und Männer werden Kinder.

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Theater – o behüte Gott!
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Ein großer Rousseau – zwar gelesen hab' ichs nie,
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Allein er schrieb dagegen, mein' ich,
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Kurz die Gelehrten all sind einig
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Theater ist Pedanterie.

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Ein Edler stirbt. Man tanzt und lacht.
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Ein Glas zerbricht! Es wird ein Kriegsverhör gehalten
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Und alle Stirnen stehn in Falten,
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Als wäre dies des Erdballs letzte Nacht.
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Der Knabe soll im Takt und nach der Trommel lernen
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Und tanzen und verdaun. Die Mentore entfernen
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Was mit dem Leben ihn bekannt zu machen schien.
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Er sieht nur Kutschen-Complimenten,
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Hört das Geschrei schulmäßiger Studenten,
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Die über Activ und Passiv
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Oft räsonniren krumm und schief,
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Und dieses Drehewerk, der Mischmasch von Genien
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Und Gassenhauerwitz, der Unsinn heißt –
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So schlage doch Merkur darein, den Wust zu enden.

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Ich bitte denn doch mir zu sagen,
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Ob die Moral, so vorgetragen
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Wie Shakespeare sie sinnlich macht:
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Ob Väter, die durch ihre frommen
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Herzlieben Söhnchen in der Nacht
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Des Alters und der Noth, zuletzt um alles kommen,
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Ob Ehrgeiz, der mit Menschenblut geschmiert
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Von einer Klippe zu der andern
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Und endlich zum Schaffot durch Zaubereyen führt,
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Durch welche wir erziehn – ob Regeln ohne Zahl
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Auf Pult und Kanzeln hergeschrien,
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Ein junges Herz zu feinerer Moral
154
Und bessern Entschlüssen erziehen:
155
Als auf der hohen See von wirklichem Geschick
156
Nicht bloßen Träumereyn – von Shakespeare ein Stück. –

157
Man lernt den Krieg, man lernet sich
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Das Halsband und die Degenkuppel schnallen.
159
Man greift auch ans Gewehr und – ohne Noth laß ich
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Auf einen Burschen ders weit besser führt, um mich
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Vor Kutschen sehn zu lassen, Hiebe fallen,
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Fünfhundert wen'ger eins mit einem Modschen Stock –
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Das alles macht – mein feinrer Rock.

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Allein ihr Herrn seyd nie gelegen
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Nackt und blessirt wie Vater Kleist.
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Ein feindlicher Soldat hat nie den großen Geist
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Ins Zeit gebracht – und stürbet ihr, so reißt
168
Kein Hauptmann von den Feinden sich den Degen
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Von seiner Seit' – und fleht um euren Geist.

170
Der Krieg ist keine Uhr, und dennoch ist er eine;
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Bewegungen, so wir von Jugend auf gelernt,
172
Die werden uns Natur und fallen oft ins Kleine.
173
Nur keiner sieht, daß man [weit] davon entfernt,
174
Und so sind blind die Führer ganzer Heerden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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