103.

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Jakob Michael Reinhold Lenz: 103. (1780)

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So ward ich denn noch dazu aufgehoben
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Das Angesicht zu sehn, das unter Still und Nacht
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Und Sturm und Sonnenschein wie eine Gottheit oben
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So manches Tagewerk ausbildend schon vollbracht
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Und Völker, welche sie in hundert Sprachen loben,
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Zu einer Nazion gemacht.
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Da stehn sie um sie her, mit Flammen in den Blicken
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Die Glücklichen, den Seegen auszudrücken,
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Der ihr seit der Vereinigung
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Von einer halben Welt gelung. –
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Da steht der grosse Geist: der, Muster von Regenten,
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Doch keine Mutter sah wie Die;
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Den Friedriche belohnen könnten
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Doch glücklich machen nicht, wie
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Sie, die das Ganze zu umfassen
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Selbst ihrem Scharfsinn wehrt, sobald er Wesen drückt,
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Die zu Maschinen sich einmal nicht brauchen lassen
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Und schienen sie noch so beglückt.
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Sie die so menschlich herrscht, daß jeglichem Talente
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Die Fessel von den Händen sinkt,
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Sie die selbst da, wo Titus zwingen könnte
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Nie anders als durch Freiheit zwingt. –
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Da steht der schwache Kopf, für den, in dem sie denket
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Erstaunt, daß sies ergänzt, an seiner Statt vollendt,
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Worauf er hofnungslos die letzte Kraft verschwendt,
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Woran er sich zersann, daß sie den Schwindel lenket
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Und selbst den Phaëton sanft auf den Boden senket,
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Damit er keine Welt verbrennt.

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So ist denn das die Frau, die über jedes Lob,
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Das Schwachheit oder Furcht dicktirte,
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Durch Thaten, die kein Lob berührte,
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Und durch Bescheidenheit unsterblich sich erhob? –

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Die selbst die Schmeichelei durch unbesungne Schritte,
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Womit sie nach der Wahrheit rang,
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Offt durch das Gegenteil, offt durch die weisre Mitte
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Zu heilsamer Beschämung zwang.
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Die jede Politick studierte,
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Zu lernen nie verschmäht', auch wenn kein Lob es rieth;
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Selbst das erschuf, was sie kopierte,
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Der Fehler feinsten Anfang mied
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Und standhaft, wenn um sie die Staatskunst kabalirte
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Selbst da, wo offt ein Pitt nur Zweiffel kalkulirte,
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Den feinen Schlangenpfad, der zur Vollendung führte
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Allzeit mit Sicherheit entschied. –
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Die still und sanft ihr Reich auf einen Felsen baute,
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Auf zweyer Welten Schlangen trat
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Und dann – mit
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Auf einen ewigfesten Staat.
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Die Frau! die selbst in ihren Kriegen
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Noch Muster ist und Herzen nur besiegt,
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Der die Bezwungnen selbst mit Dank zu Füssen liegen,
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Weil sie ihr Unglück nur bekriegt.

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Wie aber? – jener Blick voll Kraft und doch voll Güte
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Der Weise selbst zur Ehrfurcht zwingt,
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Mit wundervoller Jugendblüthe
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Die Mentors um sich her verjüngt:
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Ist das der junge Fürst, der schon so lang sie heget
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Gefühle jener Art, wie Peters Brust bewegt,
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Und sie verschließt – weil er die Kräfte wäget,
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Mit denen er die Welt einst trägt?
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O theurer Fürst! der Kenner wird sie finden,
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Des Weisen schärfster Blick sie gründen
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In deinem feinsten Zug, wenn er dein Bild vergleicht,
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Den Ahnherrn sieht, erblaßt – und schweigt.
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Geliebte Grösse! die durch sanft verschwiegne Tugend,
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Die durch zurückgehaltne Kraft
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Schon jetzt sich eine Welt erschafft,
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In der sie
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Bekannt mit jedem Reitz der Tugend,
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Die still und froh in Deinem Beyspiel liest,
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Der es, indem es sie zur Lust, zum Kampf begleitet,
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Das Säitenspiel, so wie den Bogen leitet,
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In jeder Klasse Vorbild ist.
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Kurz, der, Du Mensch-Apollo bist.
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Für diese ists, daß Du die Triebe zwingest,
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Die Dich so menschlich sanft zum Schutzgestirn erhöhn,
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Und dann im Geist hoch über Wolken dringest
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Zahllose Herzen glühn zu sehn.
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Für diese ists, daß sich in Unschuldstänzen
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Der süsse Pfeil in jeden Busen pflanzt
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Und Beyfall, womit nur die freisten Seelen kränzen
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Dein Herz, ganz Güte, sich ertanzt
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Für diese ists, daß eitle Lorbeerreiser
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Dies Herz verschmäht und Alexanders Ruhm,
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Für einen Blick, der redlicher und weiser
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Dir sagt: Du wirst der Herzen Käiser –
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Auch meines ist Dein Eigenthum.

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Ja Prinz! die Frau, die Dich der Welt geschenket
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Ward dadurch Mutter auch für mich.
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Daß sie der Welten Zügel lenket
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Ist groß, doch grösser nicht, als das: Sie schenkt' uns Dich.
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Sie gab die Fürstinn uns, die
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Und durch ihn eine Welt, die, wenn er glücklich ist,
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Mariens Schatten seegnend küßt
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Die den in
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Der keines Staub's darauf vergißt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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