Ich wuchs empor, wie Weidenbäume

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Jakob Michael Reinhold Lenz: Ich wuchs empor, wie Weidenbäume Titel entspricht 1. Vers(1777)

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Ich wuchs empor, wie Weidenbäume
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Von manchem Nord geschlenkt
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Ihr niedrig Haupt in lichte Wolken heben,
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Wenn nun der Frühling lacht.

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Ich kroch empor wie das geschmeide Ephen
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Durch Schutt und Mauern Wege findt,
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An dürren Stäben hält und höher
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Als Sie, zum Schutt an ihren Füßen
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Hinunter sieht.

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Ich flog empor, wie die Rakete
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Verschlossen und vermacht, die Bande
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Zerreißt und schnell, sobald der Funken
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Sie angerührt, gen Himmel steigt.

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Ich kletterte wie junge Gemsen,
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Die nun zuerst die Federkraft
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In Sehn'n und Muskeln fühlen, wenn sie
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Die steile Höh' erblicken, empor.

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Hier häng ich itzt aus Dunst und Wolken
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Nach dir furchtbare Tiefe, nieder –
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Giebts Engel hier? O komm ein Engel
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Und rette mich!

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O wenn ich diesen Felsengang stürzte,
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Wo wär, ihr Engel Gottes! mein Ende?
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Wo wär ein Ende meiner Thränen
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Um dich, um dich verlorne Demuth?

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Dich der Christen und nur der Christen
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Einziger, allerhöchster Seegen
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Heiliger Balsam! der die Wunden
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Des schwingeversengenden Stolzes heilt.

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Einzige Lindrung edler Gemüther,
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Wenn in der trostlosen, heißen, öden,
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Heißen, öden, verzehrenden Wüste
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Eitler Ehre sie sich verirrt.

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Wann sie schmachteten und nicht fanden
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Wo sie den Durst der Hölle stillten
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Der ihr Gebein verzehrte.

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Wann sie, verzweifelnd um Schatten, wählten
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Wege nach Morgen, nach Mittag, nach Abend
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Und nicht fanden, nicht fanden, nicht fanden
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Wo ein Schatten sie kühlete.

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Wenn sie auf unmitleidigen Sand hin-
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ab sich stürzten und strekten und weinten.
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Ach die Thränen rolleten auf und nieder
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So heiß war der Sand.

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Komm der Christen Erretter und Vater,
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Komm du Gott in verachteter Bildung!
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Komm und zeige der Demuth geheime
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Pfade mir an.

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Führe mich weit und nieder hinunter
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In ihre dunkeln Schattenthale
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Voll lebendiger springender Brunnen,
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Wo die Einsamkeit oder die Freude
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Also lispelt:

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»komm' gerösteter Laurentius
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Unglükseeliger Sterblicher!
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Ruh' von deinem Streben nach Unglük,
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Ruhe hier aus.

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Oder wenn von glüklicherm Streben
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Du zu ruhen, Beruf in dir fühlest,
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Wenn deine Flügel sinken,
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Wenn deine Federkraft sich zurüksehnt,
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Du die Gebeine nur fühlst, der Geister
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All entledigt – Gerippe –
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Ruhe hier aus!

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Horch! hier singen die Nachtigallen,
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Auch Geschöpfe, wie du, und beßer,
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Denn ein Gott hat sie singen gelehrt
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Und sie dachten doch nie daran, ob sie
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Beßer sängen als andre.

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Hier, hier Sterblicher! sieh hier rauschen
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Quellen in lieblichen Melodien,
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Jede den ihr bezeichneten Weg hin
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Ohne Gefahr.

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Sieh hier blühen die Blumen wie Mädgen
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In ihrer ersten Jugend-Unschuld,
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Unverdorbene Lilien-Mädgen;
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Ja sie blühen und lächeln und buhlen
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Ungesehen und unbewundert
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Mit den Winden der lauen Luft!

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Lerne von ihnen, für wen blühn sie?
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Für den Gott, der sie blühen machte
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All in ihrer unnachahmlichen
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Blumen Naivetät.

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Sieh den Weg an! irrte hier jemals
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Ein animalischer Fuß?
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Blüh'n doch, blühen dem guten Schöpfer
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Der sie gemacht.

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Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus,
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Als er ein Knabe war,
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Hier wo Jesus, dein Jesus geschlummert
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Bis ins dreißigste Jahr.

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Hier wo Er aus dem Getümmel der tollen
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Plumpen Bewundrer sich hergestohlen,
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Hier seinen reinen Athem dem Vater,
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Seufzend über die Thorheit und Mühe
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Menschlicher Grillen, zurükgeschikt hat;

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Hier, hier Sterblicher! hier wo Jesus
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Von seinen Gottesthaten geruht,
99
Hier, hier ruhe von den Spielen
100
Deiner dir anvertrauten Kindskraft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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