92.

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Jakob Michael Reinhold Lenz: 92. (1777)

1
»was machst du hier, lieb Mägdelein,
2
Am Wasser tief und schnelle?
3
Und sitzest da am Bach allein
4
Mit nassen rothen Bäckelein
5
Und gukst auf eine Stelle?
6
Hat dich die Mutter was bedroht?
7
Bekamst du heut kein Morgenbrod?
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Hat Bruder dich geschlagen?
9
Du kanst mir alles sagen.«

10
Das Mägdlein schaut ihm ins Gesicht
11
Sieht, kehrt sich weg und redet nicht.
12
»sag, wo bist du zu Hause?«
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»herr! dort in jener Klause.« –
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Er kriecht zur kleinen Thür herein
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Und find't ein hagres Mütterlein
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Auf schlechten Binsen liegen.
17
»sagt, liebe Frau, was fehlt dem Kind?
18
Es sitzt da draussen in dem Wind
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Und ist nicht still zu kriegen.«

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»ach, lieber Herr,« das Mütterlein
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Mit schwerem Husten saget,
22
»es geht den ganzen Tag allein
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Und leid't nicht, daß mans fraget.
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Es hat von seiner Kindheit an
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Nichts als beständig weinen 'than.«

26
»so wahr ein Gott im Himmel ist:
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Euch muß was heimlich quälen,
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Ihr sagt nicht alles, was ihr wißt;
29
Ihr sollt mir nichts verheelen.«

30
»nun lieber Herr« – und faßt den Mann
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Mit beiden welken Händen an:
32
»geht an den Strom, fallt auf die Knie
33
Und dann kommt wieder morgen früh;
34
Wird sich mein Husten kehren,
35
So sollt ihr alles hören.«

36
Der Blick, der Ton, der Händedruck
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Dem Fremden an die Seele schlug,
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Er geht zum Bach, fällt auf die Knie;
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Kommt zu dem Weiblein morgens früh,
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Find't sie in bittren Zähren.
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»ach, Herr! was uns verlohren ging
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Kann dieses Blatt und dieser Ring
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Euch baß, denn ich erklären.«

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Mit diesem Wort zieht sie ein Tuch
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Aus ihrer Brust, darinn ein Buch
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Und in dem Buch ein Blättlein war,
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Bemalt mit plumpen Farben zwar,
48
Und an dem Farben-Blättlein hing
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Als Siegel ihr Verlöbnis-Ring.

50
Auf diesem Blättlein schwamm ein Weib
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Im höchsten Strom mit halbem Leib.
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Ihr Kahn war umgeschlagen,
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Und an des Weibes Zipfel faßt
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Ihr Ehmann sich, doch diese Last
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Schien's Wasser nicht zu tragen.

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Je mehr der Fremd' aufs Blättlein sieht,
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Je mehr ihm Aug' und Stirne glüht,
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Und darf sie nichts mehr fragen,
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Biß sie die Brust thät schlagen,
60
Und weint' und heulte ausser sich:
61
»seht, lieber Herr, das Weib bin ich!
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Um mich mußt' er ertrinken!
63
Ich in dem Schrecken rief ihm: Mann!
64
Ach warum faß'st du mich denn an?«
65
Und gleich sah ich ihn sinken.
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Er rief – bey dieser Stelle quoll
67
Ihr starrend Auge minder –
68
Er rief im Sinken: »Weib! Leb wol!
69
Und sorg für unsre Kinder.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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