Ein parenthirsisch Lied möcht ich itzt singen

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Jakob Michael Reinhold Lenz: Ein parenthirsisch Lied möcht ich itzt singen Titel entspricht 1. Vers(1776)

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Ein parenthirsisch Lied möcht ich itzt singen,
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Ein mächtig, ein allmächtig Lied,
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Das Sonn und Mond vom Himmel zieht
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Und dem die Stern' entgegen springen.
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Hoch zum Olymp möcht ich mit federlosen Schwingen,
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Ein deutscher Ikar, dringen:
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Allein das Wetter ist zu rauh
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Und meine Muse, eine Frau,
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Erfröre drüber braun und blau.
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Baroc soll meine Leyer klingen,
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Flugs reimen will ich, das heißt singen,
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Flugs reimen, so wie der und der;
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Das hebt bis an den großen Bär
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Einst unsern Ruhm – und ist nicht schwer.
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Ich der von allen guten Dingen
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In meinem Leben dreymal schied,
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Dem ehmals leichter als Ovid
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Die Klagen von der Leber giengen,
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Mir wird doch ein gereimtes Lied
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So gut als dem und dem gelingen.
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Fortuna! Göttin! großer Name!
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Leichtfertige, vertrackte Dame,
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Die oft die liebsten Buhler hörnt,
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Von der durch dick und dünn zu schwimmen,
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Die Sayten hoch und tief zu stimmen
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So mancher Dichter schon gelernt.
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O glaube nicht, vom Guten oder Schlimmen
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Wovon mich auch dein Arm entfernt,
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Ich werde mich darunter krümmen.
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Nein lachen, das hab ich gelernt,
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Gelernt dir lachend ins Gesicht
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Zu ruffen:
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Nur eine kleine Sorge zieht
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Wie Mittagswölkchen im Gemüth.
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Ich würde mich auch am Cocyth,
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Denk ich, mit Vater Orpheus faßen.
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Ich würde selber in den Gaßen
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Der Residenz des Pluto nicht
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Mit traurigen hogarthischen Grimaßen
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Bei seiner Fackeln dunklem Licht
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Versteinert stehn, und wie ein Weib erblaßen:
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Nein Pluto ließ ich Pluto seyn,
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Und leyerte wie Orpheus fein
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Mich in den Tartarus hinein –
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Doch – Freunde, Freunde zu verlaßen,
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Dazu war stets mein Muth zu klein.
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Der Menschenfeind, die Last der Erde,
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Aus Hochmut, oder auch aus Groll
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Zu weise – oder auch zu toll,
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Der werd ein Eremit – er werde!
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Ich lobe mir mit seinen Mängeln
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Das Mittelding von Vieh und Engeln,
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Herrn Plato ungefiedert Thier.
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Das sieht mir gleich, das lob ich mir.
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Ein andrer suche sich zu engeln,
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Er werd ein Eremit, er zieh
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Sich hin und her mit bloßem Knie
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Auf Erbsen oder Neßelstengeln.
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O wißet, er verliert doch nie
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Mit Plato federlosem Vieh
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Die angeborne Sympathie.
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In Stille läßt er seinem Magen
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Geschenkte Speisen wohl behagen
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Und seinem Schlund geschenkten Wein.
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Laßt mit Agnesen ihn allein:
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Was wird sein – ja wie geb ichs fein?
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Was wird sein alter Adam sagen?
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Ihr dürft nur den Fontaine fragen.
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Nein, Menschen, Menschen spat und früh
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Von meiner Farbe, meinen Mienen,
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Von meiner Physiognomie,
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Die will ich um mich haben, ihnen
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Mit allen meinen Kräften dienen;
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Sie dulden mich, ich dulde sie.
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Ihr, die ihr ohne mich zu kennen,
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Mich würdigt Euren Freund zu nennen,
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Ist Eure Wahl auch lobesan?
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Gut ist mein Herz, schwach meine Kenntniß,
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Ich thu euch ehrlich ein Geständniß,
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Das nie ein Deutscher noch gethan.
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Ihr habt und werdet dulden müßen,
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Die Freundschaft ist Gutherzigkeit;
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Sie wirft dem Nackenden ein Kleid,
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Gefällt er ihr, auch allenfalls
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Ein Dutzend Kleider an den Hals:
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Sie trügt sich gern in ihren Schlüßen.
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Nennt unser eingeschränktes Wißen
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Zu vorschnell oft Gelehrsamkeit,
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Und unser ehrliches Gewißen
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Das nennet sie Bescheidenheit.
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Ich fühle mich und bitte schüchtern
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Auch noch entfernt um Eure Gunst.
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Ich las euch etwas von der Kunst
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Und vom Genie und von den Dichtern.
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Ich folgte nicht den Mode Richtern
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Mit Wohlgelahrten Angesichtern,
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Von Dunst berauscht, von Wahrheit nüchtern.
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Sie lieben ihren blauen Dunst
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Doch uns, die frey zu fühlen wagen,
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Und was sie fühlen, auch frey sagen,
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Gefällt die Frau Mama Natur
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In ihrer
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Es blüht und glänzt auf ihrer Spur
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Von Blumen eine ganze Flur,
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Und tausend holde Stimmen klagen
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Und scherzen auf einmahl, wenn sie den Göttermund
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Eröfnet: unser Herz wird wund,
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Und unser Puls fängt anders an zu schlagen.
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Schrieb ich vielleicht mir nicht zum Ruhme,
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So denkt sein Schicksal traf ihn hart:
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Er blühte noch, als seine Blume
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Von einem Blitz getroffen ward.
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Sie senkte tief die blaßen Wangen
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Und Himmelstropfen haben sich
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Seither den Blättern angehangen,
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Das denkt – und dann bedauert mich.
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Ich kann aufs höchste doch nur lächeln,
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Mit trüben Augen nur mich freun.
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Mein Athem klagt, mein letztes Röcheln
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Wird auch noch eine Klage seyn.
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Wem unter Jünglingen und Schönen
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Ich ohne meine Schuld mißfiel,
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Der denk': Er spielt die letzten Scenen
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Von einem frühen Trauerspiel.
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Doch warum klag ich? sind die Rollen,
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Die andre spielen, neidenswerth
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Das Glücke, das wir suchen sollen,
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Wird auf dem Schauplatz nicht gewährt.
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Und selber auf dem Schauplatz weinen
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Ist edler, als wie Arlekin
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Im bunten Wämmschen zu erscheinen:
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Er lacht – und man belachet ihn.
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Ich merk, ich werde zu geschwätzig;
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Auch dieses werdt ihr mir verzeyhn.
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Mein großes Lied wird untersätzig,
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Es wird zu breit und bleibt doch klein.
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Das ist mein Looß. Den Wuchs vom Manne
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Versagte mir bisher das Glück,
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Und nahm ich zu um eine Spanne,
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So blieb ich klein – und wurde dick.
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Obschon aus Leichtsinn und aus Wehmuth
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Mama Natur mein Wesen schmolz,
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So hab ich doch bey aller Demuth
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Ich muß es euch gestehn, noch einen seltnen Stolz.
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Nun rathet – mags Oedipus rathen.
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Ich bin nicht stolz auf Heldenthaten
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Und auf Gelehrsamkeit – das wär ein feiner Scherz!
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Von einer Nation, die an dem
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Wenns lange währt, wird bersten müßen,
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Was meynt ihr wohl, wie viel ein stolzer Mann
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Da wißen muß, bevor er bersten kann?
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Stolz bin ich auch nicht auf mein Herz,
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Zufrieden bin ich wohl, allein sein tiefster Schmerz
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Macht mich zuweilen stumm und sauer
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Und unumgänglich wie den Bauer:
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Stolz bin ich – auf den zehnten Merz.
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Mit diesem Tag, ihr lieben Christen,
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Darf ich mich doch wohlweidlich brüsten.
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Er ist, daß ich so sagen mag,
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(vergebt es mir!) Mein Namenstag.
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Schon bey der Fibel und beym Donat
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Ergötzt' ich mich an diesem Monath,
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In den in unsre liebe Welt
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Der rosenrothe Frühling fällt.
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Der Merz ist kühl, doch ist er freundlich,
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Von Winden rauh, doch niemals feindlich,
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Sie fahren, wenn ich recht davon berichtet bin,
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Am Himmel reinigend, am Boden schmeichelnd hin.
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Die jungen Knospen zu erquicken
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Läßt sich bisweilen auch die Sonn entwölket blicken
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Mit einem schönen Eigensinn.
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Was dieses Gleichniß hier bedeute,
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Das rathet auf – das rathet auf!
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Kurz unter uns, ihr lieben Leute,
175
So wie der Merz, so bis auf heute
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War auch mein kleiner Lebenslauf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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