Die Welt war immer gern betrogen

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Jakob Michael Reinhold Lenz: Die Welt war immer gern betrogen Titel entspricht 1. Vers(1775)

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Die Welt war immer gern betrogen,
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Und niemand hat so schön gelogen
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Als wer den Bart in Munde nahm,
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Und in der Wahrheit Mantel kam.
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Nur bitt ich, halte man Poeten
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Nicht für Apostel und Propheten,
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Und sagen sie, sie wären es,
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So peitscht den falschen Sokrates.

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Sie wollen reitzen und gefallen,
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Sie suchen euer Herz vor allen;
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Sie sagen was ihr gerne habt.
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Ihr könnt es prüfen, tadeln, höhnen;
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Nur, wollt ihr sie mit Dornen krönen,
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Bedenkt, daß ihr den Zunder gabt.

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Als euch, der Lust geheim zu dienen,
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Verbotne Freuden süsser schienen,
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Da machte noch ein Meisterstück
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Der Schlüpfrigkeit bey euch sein Glück.
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Jezt, da man andre Wollust kennet,
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Sich
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Ist für ein höher brausend Blut
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Nur der Entzückung Taumel gut.

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Und ist die Schwärmerey zu tadeln?
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Ist sie's nicht, die die Seele adeln
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Und zu der Götter Nektarkuß
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Mit Orpheus Tönen weyhen muß,
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Dem kalte Felsen selbst sich lüpften,
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Dem Ströme horchten, Wälder hüpften,
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Zu dessen Füssen kriechend zahm
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Der blut'ge Tyger lekend kam?

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Der Liebe Traum, der Ehre Schattenbilder,
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Sagt, machen sie die Seele wilder
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Als thierischer Genuß? und dürfen Phantasey'n
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Nicht ihnen auch Gewänder leyh'n?
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Sagt, sind sie nichts? sind sie gefährlich?
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Ach, oder sind sie nur beschwerlich?
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Und ruft nicht die Natur euch immer heimlich zu:
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Mensch, Mensch, du bist nicht für die Ruh!

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Stürzt ein Betrogner von den Höhen,
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Die er sich aufgethürmt, laßt uns ihn fallen sehen,
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Und forschen nach, warum hart unter seinem Ziel
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Der Märtyrer, vielleicht uns zum Exempel, fiel,
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Den Busen voll von seinen Leiden.
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Laßt uns den Trauerpfad vermeiden,
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Auf den er sich verstieg, und suchen nebenan
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Ob nicht ein beßrer uns zum Ziele führen kann!

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Was sind wir denn, wenn zwischen Tod und Leben
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Wir ohne Muth und Kraft gekrümmt am Boden kleben,
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Was sind wir denn, wir Götter, wir,
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Auf diesem Würmerneste hier?
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Die sich durch Muskelnwitz, ha oft mit Mißvergnügen,
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Um ihre Existenz betrügen,
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Sich ein- und ausziehn, wie ein Wurm,
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Und sterben dann beym ersten Sturm.

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Wir sterben – pocht mit euren Fäusten,
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Ihr Freunde! auf die Brust, und schreyt: Wir sterben? Nie!
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Mit dieser Flamm' im Herzen, dieser Harmonie,
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Darf sich der Tod uns je zu nah'n erdreisten?
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Geh'n wir ihm nicht entgegen? Flieht er nicht,
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Seh'n wir ihm nur getrost ins Fratzenangesicht?
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Verachtet ihn, und wie vor'm Alexander
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Fällt seine Plunderrüstung auseinander.
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Die Sense mäht den Feigen nur,
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Und seiner Dratpupphand entreissen wir die Uhr.

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Wir sterben? Götter sterben? – Nimmer –
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Der Schöpfung Meisterstück und Ziel?
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Wer will uns töden, zwingen? Trümmer
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Sind nur für Menschenarbeit, nimmer
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Für einer Gottheit hohes Spiel.
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Es kann ein Obeliskus stürzen,
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Um einem höhern Geist die Zeit zu kürzen;
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Doch eh mag ein System von Sonnen stille stehn
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Als dieser Götterhauch in unsrer Brust vergehn.
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Wir, Weltbeherrscher, wir, die Erben
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Von dem was da ist, sterben, sterben?
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Und schmeichelte und lachte dann
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Die Sonne uns vergeblich an,
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Die das Gefühl von Wärm' und Leben,
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Das unser Herz ihr schlagen macht,
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Wahrhaftig nicht hineingebracht,
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Der wir, was sie uns gab, gevierfacht wiedergeben.
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Und traurte nicht verödet die Natur,
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Wenn wir, um die sie buhlt, wenn wir sie nicht genössen?
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Wenn wir sie nicht vergötterten? Vergessen,
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Ach nicht gepriesen, nicht geliebt, gefressen
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Von ihren eignen Kindern, wie Saturn,
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So läge sie abscheulich, Babels Thurn,
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Der in die Wolken reicht, dicht unterm Ziel verfehlet,
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Und seines Meisters Schmach entheelet.

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Nein, leben, ewig leben wollen wir
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Und müssen wir, der Welt zur Ehre,
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Bis Welt und Zeit und Atmosphäre
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An unsern Sohlen hängt, und glühende Begier
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Den ungebändigt stolzen Geist
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Von Welt zu Welt, von Sphär zu Sphäre reißt.
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Ha immer unersättlich – leben,
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Ja leben wollen wir, und beben
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Soll unter unserm Tritt der Boden der uns scheut,
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Die Luft sich auseinander pressen, Streit
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Die Elemente führen, die uns dämpfen
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Uns Götter dämpfen wollen, und wie Mäuse kämpfen
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Wir lachen ihrer todten Macht,
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Wie einer Maus der Löwe lacht,
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Und dringen brüllend fort zur Unausfüllbarkeit
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Der Gränzenlosen Ewigkeit.

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Das war ein Neujahrswunsch zu Pferde,
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ἱππόρωμον wie es der Grieche nennt.
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Doch wem mein Flügelroß zu hastig rennt,
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Der steige mit mir auf die Erde.
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Da wünsch ich ihm, frey von Gefahr,
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Ein

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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