Ein Schulmeister bin, Matz Höcker genannt

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Jakob Michael Reinhold Lenz: Ein Schulmeister bin, Matz Höcker genannt Titel entspricht 1. Vers(1775)

1
Ein Schulmeister bin, Matz Höcker genannt,
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Bin fleißig gewesen, ist Gott bekannt,
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Drum darf, Gottlob! mich jezund nicht entblöden,
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Mit meiner gnädigen Herrschaft zu reden.

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Herr K ... hat solches angestellt,
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Zu Nuz und Frommen der teutschen Welt,
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Und weil mei'm Nebenmenschen allzeit gerne diene,
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Warum nit auch hierinn, Herr K ... Ihne?

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Also denn, gnädige Frauen verzeihn,
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(die Herrn schliesse hier mit ein,
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Wie es die Mode thut mit sich führen,)
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Wenn mich verfehle im deklamiren,
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Und anbei noch was schüchtern thu,
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Wegen meiner zerrißnen Schuh.
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Und nit viel Capriolen darf schneiden,
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Weil meine Finanzen es nit wohl leiden,
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Wie der Philosophus Socrates that,
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Als er gedanzt beim Kallias hat.

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Ich weiß zwar wohl viele Junggesellen,
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Die heut zu Tag sich als Schulmeister stellen,
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Weil's meinen, in dem schwarzen Habit
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Kein Menschenkind ihre Pferdsfüß sieht,
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Und dürften sagen unbescholten,
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Vom Lehr- Nehr- Wehrstand was sie wollten
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᾽εν παροδω so denk ich nicht,
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Kommt alles doch zulezt ans Licht,
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Und werden am End doch müssen büssen,
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Alle die Herren mit den Pferdefüssen.

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Bin auch in s' manchen Städten gewesen,
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Hab alt und junge Bücher gelesen,
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Hab alles g'sehen und alles gehört,
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Bin jezo verständig und gelehrt.
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Will also gnädigen Frauen es wagen
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Meine Betrachtungen vorzutragen,
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Mit treuem Herzen und frohem Muth,
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Daß es der Welt nüzen thut.

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D' Bücher nu 'nd die Gesellschaften heuer
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Sind oder gar schlecht oder gar theuer;
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Bin hie und da doch rumgekommen,
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Habs aller Orten so vernommen.
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Der Nachdruck und die Bulerei'n,
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Sagt man, die sollen Schuld dran sein;
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Und weilen die Bücher doch s' Oel sollen geben
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Zur Gesellschaft und bürgerlichem Leben,
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Meint ich, die hohe Obrigkeit
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Steurte der Landplag zur rechter Zeit,
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Sonst die Gelehrten, die recht studieren,
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Alle müssen Hungers krepiren.

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Hab auch Bücher ohn' Ende gesehn,
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Alle gedruckt und gestochen schön,
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Süsser Wörter und Strich' die Menge,
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Brachten mir allen Verstand ins Gedränge,
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Daß ich am Ende, wie 'ne W – laus
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Gar nit wüßte ein oder aus.
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Habe des Specks so viel gefressen,
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Verlohr allen App'tit zum Essen,
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Dankte Gott und meinem Bart,
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Daß ich im Dorf Schulmeister ward.
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Hab auch an ei'm gewissen Ort konditschonirt
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'n fürnehmen Häusern konversirt,
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Fund die Konversationen doch
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Schlimmer als die Bücher noch.
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All im dämmernden Wirrwarr schweben
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Und im Zweifel über Tod und Leben;
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Trauten unserm Herrngott gar
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Nicht mehr zu ein einzig gut Haar.
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Liessen in einer halben Sekunde
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Vierzigtausend Widersprüch' aus ihrem Munde,
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Hatten weder Freund noch Feind,
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Weil's nimmer wissen, woran sie seind.
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Schauten an ihre Nebenchristen,
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Wie die Akturen die Staatisten,
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Denkt keiner an den andern nicht,
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Denkt nur immer an das, was er spricht,
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Sucht den andern durch Lächeln und Lügen
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Wieder um Lügen und Lächeln zu betrügen.
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Meint jeder, er sei der Mann allein,
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Des andern Hirn sei von Holz oder Stein,
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Und seine Faulheit mehr Nuzen brächte,
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Als des andern sein schlaflose Nächte.

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Nun denk ich wohl oft, wie wohl ist mir
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Doch jezt in meinem Dorfe dafür.
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Kämen nur nit manche faule Mähren,
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Mir meine Bäuerlein auch 'fzuklären
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Und einzublattern ihnen Wind,
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Dass gleich mit allem fertig sind,
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Und Gott und Menschen lernen verachten,
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Drüber mit Leib und Seele verschmachten.
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Ach, gnädige Herren, groß und klein,
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Bitte, wöllet uns lassen allein,
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Uns verspotten nach Herzens Begehren,
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Nur unsre Leutlein nit spötteln lehren.
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Raumt aus bei euch so viel ihr wollt,
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All euern Mist und all euer Gold,
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Treu, Redlichkeit und Aberglauben,
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Wollen euch gern die Vernunft erlauben,
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Euch respektiren hoch und sehr.
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Gnädige Herren, was wollt ihr mehr?

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Dürft ich euch aber, um vergnügter zu leben,
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In aller Unterthänigkeit einen Rath doch geben,
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Bindt euch mit mehr Menschen an,
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Jeder vom andern lernen kann.
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Gott allein die Bekehrung g'höret,
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Ein Mensch den andern zum Teufel bekehret.
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Gott woll' mir verzeihen die Sünd,
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Konnte kein ander Wort finden geschwind.
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Hätt' ich viel Geld zusammen geschrieben,
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Gieng ich aufs Dorf, ein Maidel zu lieben,
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Weil man eure grünen Augen in der Stadt
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Und Wallnußgesichter doch nicht gern hat.
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Und wär ich ein altes Maidel geblieben,
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Gieng ich aufs Dorf, einen Schulbuben lieben,
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Kauft ihm Kleider und Näscherei'n,
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Würde gewiß erkanntlich sein;
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Liesse die Gecken darüber lachen,
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Die sonst nixs g'scheiders wissen zu machen,
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Und sich kultiviren krumm und blind,
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Bis sie selbst zum Gelächter sind.
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Hier die Romanen, und all Gottesgaben
120
Ihren wahren Grund doch haben;
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Und ihr rezensirt doch stets wie'n Huhn,
122
Wenn selbst nit wöllet erfahren thun.
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Hier d' Metaphysik und die Dogmatik,
124
Und die Moral, die Aesthetik und Statik,
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Aller Theorie Betrug
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Finden muß aufzubeissen genug.
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Hier würd' euch der Kützel vergehen,
128
Daß ihr beständig was neues wollt sehen,
129
Immer wie Wickelkindelein
130
Ueberrumpelt und eingelüllt sein,
131
Immer an Licht und Schimmer euch weiden,
132
Gar keinen Schatten dazwischen mehr leiden,
133
Allzeit leben im süssen Traum,
134
Keinem Gefühl lassen Zeit und Raum.
135
Ach, so machtens nit unsre Vorfahren,
136
Die schwer zu küzeln und glücklicher waren,
137
Aber auch nicht im höchsten Glück
138
Nahmen ihr butterweich Herze zurück.
139
Liessen alles seine Zeit dauren,
140
Wußten zu lachen, und wußten zu trauren,
141
Liebten ewig, haßten schwer,
142
Hatten das Herz nie dürftig und leer.

143
Hier findt ihr auch noch Wörter regieren.
144
Die ihr längst thätet verbannisiren,
145
Und euern Umgang gemacht so arm,
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Wie eine Dorfgeig' mit einem Darm.
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Hier nimmt der Leib und seine Glieder
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Sein' alten freiherrlichen Rechte wieder.
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Hier ist unserer Dirnen Brust
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Noch der Augen und Ohren Lust.
151
Hier steht man ohne Respekt auf den Füssen,
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Darf Nahrung und Kleid nit verbrämen, versüssen,
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Rücket den Strohhut über das Ohr,
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Als ein Biedermann herzhaft hervor,
155
Denkt nit an die verwandten Ideen,
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Darf dem Schelm auf d' Perüke sehen.

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Hier ists nit wie in euern Gassen,
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Wo nichts wird gethan, noch gelassen,
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Ohne daß gleich Rezensenten schön
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Rund umher auffangende stehn.
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Wers nit versteht, nit nach mag grübeln,
162
Schweigt lieber still, wird ihm niemand verübeln;
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Weg zur Kunst ist verborgen und tief,
164
Besser redt spat, als urtheilt schief.

165
Bei euch wird die Liebe so geistlich getrieben,
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Plato selbst wird konfus bei eu'erm Lieben;
167
Ihr pfeift stets feiner und höher hinaus,
168
Und pfeift sie am Ende zum Schornstein 'raus.
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Ist das ein ewiges Reimen und Singen,
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Ein ewiges lächerliches Feilschen und Dingen,
171
Jeder des andern im Herzen lacht,
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Wenn er ihn treuherzig gemacht.
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Die Herrn wollen nur ihren Stil exerciren,
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Die Dames wollen für schön passieren,
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Und käm' man bis auf den Herzens-Grund,
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Sie liebten sich beide wie Katz und Hund.
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Gott schütz und bewahr vor der Art zu lieben,
178
Solchen Roman hat der Böse geschrieben;
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Der kalte Wohlstand drüber heckt,
180
Wie'n Schornsteinfeger mit Ruß bedeckt,
181
Den er weiß sorgsam abzuschaben,
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Und überlässet das Feuer den Knaben.
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Bei uns ein Handdruck, ein Stoß mit'm Knie
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Ist unsre ganze Poesie.
185
Dafür ist uns auch das Leben nit theuer,
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Und springen für 'nander durchs Feuer.
187
Wir fragen nit erst warum, wozu,
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Du Bub, du Maidel, liebest du?
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Das heißt in Engel des Lichts sich stellen,
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Das nennet sich Lieb, und führet zur Höllen.
191
Die Absicht reiner Lieb ist klar,
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Daß da nur Lieb', nit Absicht war.

193
Wenn also den Herren Magnaten
194
Ich darf in Unterthänigkeit helfen und rathen,
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Schlagt euer galantes Wörterbuch zu:
196
Wer liebt, der schwäze nit viel, der thu!
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Erlaubt euch dafür mit dreisteren Wörtern
198
Natürlich unschuldige Ding zu erörtern,
199
Und schreiet nit gleich, wie die Venus schrie,
200
Als der General Diomed blessirte sie.
201
Wenn manchmal Wörter voll Feuer und Leben
202
Sich mitten unter euch wie Raketen begeben,
203
Und brennen auf die Leidenschaft los;
204
Der Pulvergestank ist drum nit so groß.
205
Die Damen selbst sich zu allem gewöhnen,
206
Und dürfen alsdann so viel doch nit gähnen.
207
Denn heurig' Poeten fliegen doch nicht,
208
(die Luft ist so dünn,) oder kriegen die Gicht,
209
So lang sich die Kränz'gens die Sprache so lähmen
210
Ihr alle ihre Wörter und Schnellkraft nehmen.
211
Nehmt einem Mahler die Farben weg,
212
Und laßt ihn was mahlen aus Wasser und Dreck!
213
Hätten die alten Nationen
214
Sich so lassen die Oehrlein schonen,
215
Kaiser Alexanders Kopfküssen Homer
216
Sein Sprach gieng gewiß durch kein Nadelöhr.

217
Ueberhaupt wollet ihr immer nur scherzen!
218
Was vom Herzen kömmt, das gehet zu Herzen.
219
Nun aber treibt ihr dess nur Scherz,
220
Denkt weder Poet noch Leser ans Herz.
221
Poet will nur was in Beutel schreiben,
222
Leser will nur seine Zeit vertreiben.
223
Seid gleich gut Freund mit jedermann,
224
Seid gleich aus'nander, seht euch nit mehr an.
225
Soll der Poet denn sich winden und richten
226
Nach euern schaalen Alltagsgeschichten?
227
Das übrig', und mögt' die Welt untergahn,
228
Hat gar nichts zu sagen, geht euch nit an.
229
Drum kann's nit fehlen, Kopfweh und Schlummer
230
Ist eure einzige Freud, euer einziger Kummer.

231
Nun aber, gnädige Frauen, nun
232
Will wieder zu ihnen mich wenden thun;
233
Hat mir jener Ort am Herzen gelegen,
234
Um dort den Sauertaig auszufegen.
235
Wollen verzeihen die Paranthesis,
236
Welche so groß war, wie Herr seine gewiß.
237
Haben auch Sie in Flecken und Städten
238
Gar viel Schulmeister und Poeten,
239
Welche alle, jung und alt,
240
Ich in hohen Ehren halt.
241
Hab' auch im Homerus gelesen,
242
Daß ein gewisser Bettler gewesen,
243
Welcher nach vieler Gefährlichkeit
244
Unter Freund und Feinden, in Lumpen gekleidt,
245
Durch den Oceanus ist geschwommen,
246
Und ist zu seiner Frau Liebste gekommen,
247
Hat da eine Menge Buler g'sehn,
248
Thäten all seinem Weibe schön,
249
Auf sein' Rechnung pokulirten,
250
Und ein' Studentenhaushaltung führten.
251
Dacht der arme Mann bei sich,
252
Blieb' ihr Herz nur g'treu für mich,
253
Könnt ihnen meinethalb meine Reben
254
Roh und gekeltert zu saufen geben,
255
Liegt an Haus und Meubeln mir nichts.
256
Und wie er dachte, sieh so geschichts.
257
Immer und immer dem armen Weibe
258
Trauerte das Herz im Leibe,
259
Sah ihr Gesicht gleich aus so froh
260
Wie ein Berlinisches Allegro.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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