62.

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Jakob Michael Reinhold Lenz: 62. (1775)

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Hasch ihn, Muse, den erhabenen Gedanken –
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Es sind ihrer nicht mehr,
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Ihre Schwestern haben die Griechen und Römer
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Und die Hetrurier weggehascht,
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Und die meisten ergriffen die kühnen Britten,
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Und Shakespeare an ihrer Spitze,
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Und trugen sie alle fort wie der Sabiner sein Mädchen.
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Mancher brauchte sie zum andernmal,
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Aber sie waren nicht mehr Jungfraun.

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O traure, traure Deutschland,
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Unglücklich Land! zu lange brach gelegen!
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Deine Nachbarinnen blühen um dich her voll Früchte
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Wie goldbeladne Hügel um einen Morast,
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Wie junge kinderreiche Weiber
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Um ihre älteste Schwester,
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Die alte Jungfer blieb.

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O Homer, o Ossian, o Shakespeare,
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O Dante, o Ariosto, o Petrarcha,
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O Sophokles, o Milton, o ihr untern Geister –
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O ihr Pope, ihr Horaz, ihr Polizian, ihr Prior, ihr Waller!
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Gebt mir tausend Zungen für die tausend Namen,
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Und jeder Name ist ein kühner Gedanke –
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Ein Gedanke – tausend Gedanken
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Unsrer heutigen Dichter werth.

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Deutschland, armes Deutschland,
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Die Kunst trieb kranke Stengel aus deinem Boden,
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Höchstens matte Blüthen,
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Die an den Aehren hingen vom Winde zerstreut,
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Und in der Hülse, wenns hoch kam,
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Zwei Körner Genie:
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Wenn ich dichte und – –

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O ich schmeichelte mir viel,
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Als nur dunkles Morgenroth
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Von dem braunen Himmel um mich lachte.
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Junge Blume, so dacht' ich,
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O was fühlst du für Säfte emporsteigen,
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Welche Blume wirst du blühen am Tage,
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Deutschlands Freude und Lieflands Stolz.

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Als es aber Tag um mich ward,
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Kroch meine Blüthe voll Schaam zurück,
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Denn ich sah neben mir auf meinen Beeten Schwestern
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Mit wohlriechenden Busen düften,
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Mit bescheidener Röthe lächeln.

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Aber als der Mittag nieder auf mich sah,
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Und ich auf benachbarten Beeten
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Fremder Blumen himmlische Zier
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Mit englischem Aushauch verbunden erblickte,
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Wunder den Augen, der Nase, den Sinnen,
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Süßes Wunder selbst dem stolzen kalten Verstande.

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O da fühlt ich auf einem Sandkorn
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Stehn eine Wurzel, ein Regentropfe
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Seyn alle meine Säfte, ein Schmetterlingsflügelstäubchen
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Aller meiner Schönheit Zier! –

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Nehmt sie an meine Zither
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Eichen von Deutschland und laßt von Petrarchen
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Einen Ton ihre schnarrenden Sayten berühren,
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Daß er mir ein Grablied singe –!
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Unberühmt will ich sterben,
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Will in ödester Wüste im schwarzen Thale mein Haupt hin
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Legen in Nacht, – kein Chor der Jünglinge soll um das Grab des Jünglings
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Tanzen, keine Mädchen Blumen darauf gießen,
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Kein Mensch soll drauf weinen Tränen voll Nachruhm,
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Weil ich so verwegen, – so tollkühn gewesen
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Weil auch ich es gewagt, zu dichten!

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Und du, mein Genius, wenn Gott mich würdig hielt
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Einen mir zum Geleit zu geben,
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Schütze, treuer Gefährte des Lebens,
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Schütze mein einsames Grab,
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Daß kein Blick aus dem Reiche der Seeligen
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Von Shakespeares brennendem Auge,
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Oder dem düsterleuchtenden Auge Ossians,
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Oder dem rothblitzenden Auge Homers,
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Sich auf dasselbe verirre,
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Damit sich meine Asche im Grabe nicht empöre
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Für Schaam, daß auch ich einst wagte zu dichten!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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