B

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Jakob Michael Reinhold Lenz: B (1771)

1
Ein wohlgenährter Kandidat
2
Der nie noch einen Fehltritt that,
3
Und den verbotnen Liebestrieb
4
In lauter Predigten verschrieb,
5
Kehrt einst bei einem Pfarrer ein,
6
Den Sontag sein Gehilf zu sein.
7
Der hatt' ein Kind, zwar still und bleich
8
Von Kummer krank, doch Engeln gleich
9
Sie hilt im halberloschnen Blick
10
Noch Flammen ohne Maaß zurück,
11
All itzt in Andacht eingehüllt,
12
Schön wie ein marmorn Heiligenbild.
13
War nicht umsonst so still und schwach,
14
Verlaßne Liebe trug sie nach.
15
In ihrer kleinen Kammer hoch
16
Sie stets an der Erinnrung sog,
17
An ihrem Brotschrank an der Wand
18
Er immer, immer vor ihr stand,
19
Und wenn ein Schlaf sie übernahm
20
Im Traum er immer wieder kam.
21
Für ihn sie noch ihr Härlein stutzt,
22
Sich, wenn sie ganz allein ist, putzt,
23
All ihre Schürzen anprobiert
24
Und ihre schönen Lätzchen schnürt,
25
Und vor dem Spiegel nur allein
26
Verlangt er soll ein Schmeichler sein.
27
Kam aber etwas Fremds ins Haus
28
So zog sie gleich den Schnürleib aus,
29
That sich so schlecht und häuslich an,
30
Es übersah sie jedermann.
31
Zum Unglück unserm Pfaffen allein
32
Der Lilie Nachtglanz leuchtet ein,
33
Obschon sie matt am Stengel hing.
34
Früh eh er in die Kirche gieng
35
Er sehr eräschert zu ihr trat
36
Und sie – um ein Glas Wasser bat –
37
Dann laut er auf der Kanzel schreit
38
Man hört ihn auf dem Kirchhof weit
39
Und macht solch einen derben Schluß
40
Daß alt und jung noch weinen muß,
41
Und der Gemeinde Sympathie
42
Ergriff zu allerletzt auch sie –
43
S' ging jeder wie gegeißelt fort –
44
Der Kandidat ward Pfarr am Ort.
45
Obs nun die Dankbarkeit ihm that,
46
Ein's Tag's er in ihr Zimmer trat,
47
Sehr holde Jungfrau, sagt er ihr,
48
Ihr schickt euch übel nicht zu mir,
49
Ihr seid voll Tugend und Verstand,
50
Ihr habt mein Herz, da nehmt die Hand –
51
Sie sehr erschrocken auf den Tod
52
Ward endlich wieder einmal roth,
53
»ach lieber Herr – – mein Vater – ich –
54
Ihr findet bessere als mich
55
Ich bin zu jung – ich bin zu alt –«
56
Der Vater kroch hinzu und schalt,
57
Und kündigt Stund und Tag und Mann
58
Ihr mit gefaltnen Händen an.
59
Wer mahlet diesen Calchas mir
60
Und dieses Opfers Blumenzier,
61
Wie's vorm Altar am Hochzeittag
62
In seiner Mutter Brautkleid lag,
63
Wie's unters Vaters Seegenshand
64
Mehr litt als es sich selbst gestand;
65
Wie's dumpf, nur ahndend seine Pflicht
66
Entzog den Quaalen sein Gesicht,
67
Und tausend Nattern in der Brust
68
Zum Dienste ging verhasster Lust.

69
Ach Männer, Männer seid nicht stolz
70
Als wär't nur ihr das grüne Holz,
71
Der Weiber Güt' und Duldsamkeit
72
Ist grenzenlos wie Ewigkeit.
73
Sie fand an ihrem Manne nun
74
All seinem Reden, seinem Thun,
75
An seiner plumpen Narrheit gar
76
Noch was das liebenswürdig war.
77
Sie dreht und rieb so lang dran ab,
78
Bis sie ihm doch ein Ansehn gab,
79
Und wenn's ihr unerträglich kam
80
Nahm sie's als Zucht – für ihren Gram.

81
Ihr einzig Gut auf dieser Welt
82
Der Engel noch für Sünde hält.
83
Dem Mann gelind, sich selber scharf
84
Sie – Gott – nicht einmal weinen darf.
85
Sie kommt und bringt ihr Auge klar
86
Als sein geraubtes Gut ihm dar,
87
Und wenn er schilt und brummt und knirrt
88
Ihr leichter um das Herze wird,
89
Doch wenn er freundlich herzt und küßt
90
Für Unruh sie des Todes ist.

91
Denn immer, immer, immer doch
92
Schwebt ihr das Bild an Wanden noch,
93
Von einem Menschen, welcher kam
94
Und ihr als Kind das Herze nahm.
95
Fast ausgelöscht ist sein Gesicht,
96
Doch seiner Worte Kraft noch nicht.
97
Und jener Stunden Seligkeit
98
Ach jener Träume Würklichkeit
99
Die, angeboren jedermann,
100
Kein Mensch sich würklich machen kann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.