Hier bey dem Bruder seines Nebenbulers

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Jakob Michael Reinhold Lenz: Hier bey dem Bruder seines Nebenbulers Titel entspricht 1. Vers(1771)

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Hier bey dem Bruder seines Nebenbulers
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Saß der Untröstliche, empfieng des Nebenbulers
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Entzückte Briefe, nur von seinem Wohl
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Und spottend unverschämter Freundschaft voll.
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Ach! gegen wen sich nun beklagen, gegen
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Wen dieses Herz erleichtern? Bäume zögen
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Die Seufzer aus den Wurzeln, die er that,
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Wenn auf den Knieen er den Tod vom Himmel bat.
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Am Ende, als der Schmerz sich in sich selbst verzehrte,
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Und wie ein sterbend Feur nur noch von Asche nährte,
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Schrieb er dem Räuber – ach, dem Mann
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Von seiner Laura – fleht' ihn an:

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»ich bin zu weinen müd' Colonna! Deckte
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Mich doch der schöne kühle Marmor schon,
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Der euch mit mir verew'gen soll. Erschreckte
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Mein hageres Gesicht die Welt nicht mehr! – Entflohn
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Ist doch so manche Stunde mir, so manche Reihe
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Von Jahren; warum zögert denn der ungetreue
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Der längsterwünschte Tod, jetzt da mein Schmertz bepfeilt
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Mit jeder Sonne ihm entgegeneilt?
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Ich muß es dir gestehn, Colonna! welchen Schaden
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Kann es dir thun mein Herz dir zu entladen?
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Es gönnet dir dein Glück; treib deinen Scherz
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Mit ihm, verbiet' ihm nur nicht seinen Schmerz!
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Ich bin zu sehr verwöhnt an – Laurens Blicke,
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Ach! ohne die die Sonne kalt ist, bin
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Verwöhnt an ihre Stimme, jetzt dein Glücke,
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Die einzigste der Welt, im strengsten Sinn;
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Gebannt an jedes Wort aus ihrem Munde
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An jeden Morgengruß und gute Nacht,
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Die ehmals mich erquickten, mir die Arbeit, mir die Stunde
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Der Prüfung selbst zur Seeligkeit gemacht.
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Ich kann nicht leben ohne sie. Der Arm, die Hände,
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Der schöne stolze Gang, der angenehme Zorn,
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Voll Stolz und Demuth – – ach, es ist zum Ende
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Mit mir – der Himmel, dem mein Glück ein Dorn
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Im Auge war, hat mich hieher verdammet
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Wo jetzt sein Zorn auf mich ganz ohne Retter flammet,
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Von ihrem Auge weg, das alle Mitternacht
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In meiner Seele hell wie den Mittag gemacht.
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Wohin ich geh, und steh, und flieh, muß ich es missen,
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Und fluchen Berg und Thal, die mirs entrissen.«

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»das arme Herz!« sprach als ers las der Mann,
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Und sah gelassen auf, und seinen Himmel an.
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»das arme Herz,« sprach sie ihm nach, doch mit Accenten,
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Die Engel selbst zum Weinen bringen könnten.

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Noch tieffer grub in ihr geheimes Herz
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Ein Brief vom Cardinal Petrarchens Schmerz,
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In dem er schrieb vom guten kranken Thoren,
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Er habe Sprache und Vernunft verloren.

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Indeß erholt' er sich wie, an die Noth gewohnt,
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Ein Türkensklav, und dann mit neuen Kräften frohnt.
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Ein Brief, in dem sie selbst ihn zu sich bat zu kommen,
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Sein Wunsch, sein einig Flehn, geneßte ihn vollkommen.

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Er reißte spät im Herbst, des Himmels Antlitz war
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Trübwolkig wie sein Herz, und Sturm zerriß sein Haar.
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Er reißte Tag und Nacht durchs pfeifende Gesträuche,
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Voll Graun und Finsterniß, fühllos wie eine Leiche.
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Bald überwältigte des Aethers Gleichgewicht
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Der schweren Wolken Zug, die auf sein blaß Gesicht,
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Dem die Verzweiflung längst der Thränen Trost verschlossen,
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Auf sein versengt Gesicht des Himmels Thränen gossen.

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»darf ich sie sehn, sprach er zu sich, die Göttliche?
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Ich fürchte zu vergehn, wenn ich sie seh.
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Je glücklicher er ist, je mehr ers weiß zu schäzen,
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Je mehr er sie verdiente – o Entsezen!
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Muß meine Seele denn, so innig allem feind
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Was Mißgunst ähnlich sieht, beneiden – meinen Freund –
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Verachten was ihn ehrt, o hassen was ihn adelt
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Und jauchzend segnen, was man an ihm tadelt?
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Unglücklicher! wo ist die Tugend hin,
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Die dir das Leben reitzend machte – ja ich bin
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Voraus bestimmt zum Laster, mein Geschicke
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Zwingt mich dazu – im letzten Augenblicke! –
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Im Grabe noch, im Grabe Wüterich!
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Colonna, falscher Freund! beneid' und hass' ich dich!
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Noch übers Grab hinaus – mit kranker Seele
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Kehr ich als Geist zu dir zurück, daß ich dich quäle,
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Denn du hast mich um Leben, Lieb' und Macht
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Um alles – um die Tugend selbst gebracht.
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Verdammt hast du mich. Menschheitsloser Richter!
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Warum traf deine Wuth den reitzbarn Dichter?
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Warum nicht einen Wuchrer, einen kalten Mann,
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Wie du, den der Verlust nicht schmerzen kann?«

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So quälte sich der Arme, und sobald er fassen
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Sich konnte, mußt' er dann sich selber hassen.
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Des Himmels Innerstes bewegte dieser Krieg,
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Und als er nun betäubt herunter stieg,
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Vorm Schlosse selbst, vom unmitleidgen Wagen,
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Der das zerschlagne Haupt noch mehr zerschlagen
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Und Lauren mit Geschrey vom Ritter sich
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Losreissen sah und auf ihn zu – – da wich
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Der Boden unter ihm, und beyde sanken nieder
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Mit einem Leisen: Gott seh ich Sie wieder?
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Da lag das Opfer nun – und Laurens Blick
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Schlug feucht bis an die Wolken. – Hättest du dein Glück
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Noch eh du starbst gesehn, Petrarca, was die Schaaren
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Der Geister um dich her zu sehn geschäftig waren,
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Die Thräne, die die schwarze Gluth umzog,
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Die aus dem schönsten Aug' erzürnt gen Himmel flog,
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Ihn anzuklagen – die für Reue zittern
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Ihn machte – laut in klagenden Gewittern
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Bezeugt' er seinen Antheil, blitzend Weh
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Erschreckte weit die Erde und ein ganzer See
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Welzt' ihm sich nach und schien das Mißgeschick der Seinen
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Unaufhaltbar, untröstlich zu beweinen. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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