Zweyter Gesang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Jakob Michael Reinhold Lenz: Zweyter Gesang (1771)

1
Colonna war der Freund und der Beschützer
2
Von unserm Helden, und dabey Besitzer
3
Von Titteln, Rang und Gütern. Und sein Freund
4
Arm wie der Mond, der nur von fremder Güte scheint.
5
Aus seinem Vaterland vertrieben – fein erzogen –
6
Und so schiffbrüchig nun – im Herzen Wogen
7
Der höchsten Leidenschaft, von aussen keinen Stern
8
Und keinen Rath, als seinen Freund und Herrn.

9
Dem Dichter seine Gluth, der auf den Boden schaute.

10
Er schaute auf den Boden und stand da
11
Wie einer, der den Blitz hart vor sich treffen sah.

12
Dann lief er an den Felsen hin und wieder
13
Die an Vaucluse gränzten, auf und nieder.

14
»ein Mann von vierzig Jahren ihr die Hand!
15
Und insgeheim, weil ihm sein Ritterstand
16
Die Ehe untersagt? Um reich zu erben
17
Soll Laura elend leben, elend sterben?
18
O tauber Himmel dies für Lauren! – und Petrarch
19
Nähm' den Gedanken mit sich in den Sarg?
20
Colonna hat Geschmack – wär' das für sie nicht wenig?
21
Nein, er verdient sie nicht, wär' er ein König.
22
Er, der der Schönheit und des Lebens satt,
23
Nun ausgeliebt und ausgelebet hat,
24
Er Lauren! – Gott, der du die Demuth ehrest
25
Gott, ist er ihrer würdig? Du empörest
26
Dies arme Herz selbst gegen meinen Freund.
27
Mein Unmuth ist gerecht, so strafbar er auch scheint.
28
Darf aber ein Vertriebner, ein Verbannter,
29
Hier nur geduldet, darf ein Unbekannter –
30
Ach zehnmal mehr vertrieben, mehr verbannt,
31
In keiner Brust hat das für sie gebrannt.
32
Ein Schatz kann nie in schlimmre Hände fallen
33
Als in des Reichen. Gott du weißts, von allen
34
Die jemals liebten, härmte niemand sich
35
Mit tiefrer innrer Sehnsucht ab als ich. –
36
Was schwärmst du, Unbescheidner! was erhöhest
37
Du die Begierden so? bedenke wo du stehest!
38
Bist du nicht Ixion, der Jupitern
39
Um seine Göttin neidte? steh von fern
40
Und fühl' es wer du seyst. – Ach kann ich ringen
41
Mit meiner Leidenschaft? die seidnen Locken bringen
42
Mich um den freyen Willen. Was kan ich dafür,
43
Daß diese Nerven ihr nur zittern? War es mir
44
Beym ersten Anblick doch, als ob für meine Mängel
45
Und Leiden der Ersatz nur möglich wäre. – Engel!
46
Wenn sich dein Licht auf mich herunterwälzt,
47
Wird all mein Unglück Schnee, der an der Sonne schmelzt. –
48
Zwar ist das Leben kurz und kühn das Unternehmen,
49
Das kühnste – doch sie selbst spornt mich hinan.
50
O Grämen
51
Laß ab! daß ich den Weg, den nie ein Fuß betrat,
52
Empor an Felsen aufwärts hüpfe. – Hat
53
Er, der die Sterne lenckt, umsonst geschaffen?
54
Er weiset mir den Weg, giebt mir die Waffen!
55
Dies Herz, das er in diese Brust gelegt,
56
Ist auch sein Werk, wie die, für die es schlägt.
57
Mit ihrer Reitze unermeßnen Schätzen
58
Soll mein Gesang die Welt in Tränen setzen,
59
Bis die von Lieb' und Wollust trunkne Welt
60
Zum allgemeinen Glück auch mich gesellt.«

61
Derweil Petrarca so mit Furcht und Hoffnung kämpfte,
62
Stand, fiel und wieder aufstand, lag der abgedämpfte
63
Colonna schon in Laurens Zauberschloß
64
Beym ersten Schritt dem Glück im Blumenschooß.

65
Sobald er das erfuhr, sah unser Dichter
66
An allen die ihm nahten, Furiengesichter.
67
Von jedem Menschenblick gepeinigt, schoß der Strom
68
Ins Meer zurück, er flog ins Vaterland, nach Rom.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Jakob Michael Reinhold Lenz
(17511792)

* 12.01.1751 in Cesvaine, † 15.06.1792 in Moskau

männlich, geb. Lenz

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.